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Ab ins Museum: Das Verhältnis von Fotografie und Malerei

Sollte ein Fotograf regelmäßig ins Museum gehen? Unbedingt! An solchen Orten kann er viel über das Verhältnis von Fotografie und Malerei oder Kunst im Allgemeinen lernen. Wie das funktionieren soll? Okay, vielleicht muss man das etwas genauer erklären:

Jeder Fotograf, ob Anfänger oder Profi, ist geprägt durch Bilder, die er schon gesehen hat. Heute sind das täglich tausende. Im Fernsehen, auf Plakaten, im Web, im Messanger des Smartphones, in Zeitungen, Zeitschriften oder in Büchern. So viele, dass man sie sich im Einzelnen nicht merken kann. Die Masse führt dazu, dass unsere bildästhetische Prägung ein unbewußter Vorgang wird. Das hat ganz praktische Folgen: Wer sich als Fotograf kreativ ausdrücken will, sucht mit seiner Kamera in der Hand nach Mustern, die ihm in Bildern Anderer aufgefallen sind. Mal findet er sie in der Natur, mal im täglichen Miteinander, mal schafft er im Studio Situationen, die ihn in Bildern anderer beeindruckt haben. Wer behauptet, seine Arbeiten seien einzigartig und basieren nur auf seinem kreativen Vorstellungsvermögen, ist entweder ein Genie oder er belügt sich selbst. Die Genies unter uns müssen jetzt nicht weiterlesen, alle anderen könnten dagegen eine Menge lernen.

Ab ins Museum: Das Verhältnis von Fotografie und Malerei

Wenn wir einmal akzeptiert haben, dass uns die Bilder unserer Umgebung prägen, dann wird es für einen ernsthaften Fotografen fast zur Pflicht, auf die Qualität dieser Prägung Einfluss zu nehmen. Wie das geht? Statt 1000 Schnappschüssen von Freunden bei Instagram lieber ein Dutzend hochwertige Bilder von Leuten ansehen, die wußten, was sie taten, als sie diese Werke schufen. Das hilft beim bewußten Sehenlernen mehr, als einfach nur weiter die Masse der betrachteten Bilder zu steigern und zu hoffen, dass man sich mit der Erfahrung allein weiterentwickelt.

Welche Kunstrichtung?

Grundsätzlich lässt sich von jedem Künstler etwas lernen. Zumindest dann, wenn man sich mit seiner Motivation und seiner Geschichte beschäftigt. Mal ist es seine Auffassung vom Objekt, die inspirieren kann, mal seine Technik, mal die Abstraktion, die er für nötig befindet oder im Gegenteil, seine Liebe zum Detail, mit der er etwas ausdrücken will. Bei alldem muss der Künstler kein Fotograf sein. Das ist sogar oft schädlich. Denn dann ist die Übertragung der Erkenntnisse auf die eigene Arbeit zu naheliegend. Das führt am Ende eher zur Imitation als zur Inspiration.
Ein guter Einstieg in die Kunst für einen Fotografen sind meist die Maler. Natürlich gibt es viel Anregendes in der Antike und im Mittelalter, bei den Ägyptern und bei den alten Griechen. Doch sind die damaligen Darstellungsgewohnheiten mit ihren eigenwilligen Perspektiven und ihren vor allem religiösen Themen, sagen wir mal: für Fortgeschrittene.

Komposition und Informationstransfer

Einsteiger werden mit Bildern ab der Renaissance bis ungefähr zum zweiten Weltkrieg besser bedient. Die haben oft den Anspruch, „nach der Natur“ gemalt worden zu sein und bieten daher reichlich Lernstoff für Fotografen. So kann man etwa viel über Bildkomposition erfahren. Im Gegensatz zur Fotografie, die ja oft in Sekundenbruchteilen stattfindet, hat ein Maler oder Zeichner sehr lange an einem Bild zu tun. Er überlegt sich daher im Vorfeld viel genauer, was wo aufs Bild kommen soll. Und er denkt darüber nach, worauf man auch gut verzichten kann. Da die Bilder damals ohne schriftliche Erklärungen auskommen mussten – große Teile der Bevölkerung konnten bis ins 19. Jahrhundert hinein weder lesen noch schreiben – hatte das Bild eine klar ersichtliche Botschaft zu enthalten. Das erfordert zum Beispiel den Einsatz von Symbolen und unzweifelhaften Posen. Auch wenn wir diese Bildsprache heute oft nicht mehr verstehen, lohnt die Beschäftigung damit, wie die Informationsübertragung damals funktioniert hat.

Ab ins Museum: Das Verhältnis von Fotografie und Malerei
Die Anbetung der Hirten von Giorgione: Um das Motiv zu erkennen, hilft es ein wenig über die christliche Kultur Bescheid zu wissen.

Licht und Stimmung

Fast ebenso lehrreich wie die Komposition und der Informationstransfer sind die Fähigkeiten der alten Meister, mit Licht Stimmungen zu erzeugen. Noch heute sind Lichtsettings nach ihnen benannt. Ein Beispiel ist das harte seitliche „Rembrandt-Licht“, bei dem eine Gesichtshälfte fast im Schatten bleibt. Das Spiel mit harten und weichen Schatten, die dazu dienen die Emotion des Betrachters zu verstärken, lässt sich in den Gemälden vortrefflich und in aller Vielfalt beobachten. Im Fachjargon heist das Hell-Dunkel-Malerei oder „Chiaroscuro“. Sie lässt sich gut in den Arbeiten von Leonardo da Vinci, Caravaggio, Peter Paul Rubens oder Diego Velázquez studieren. Auch kann man bei solchen Malern viel über die Wirkung von Farben, von ausgearbeiteten Details, von plastischen Darstellungen und düsterer Atmosphäre lernen. Man muss nur wissen, worauf es sich lohnt zu achten.

Ab ins Museum: Das Verhältnis von Fotografie und Malerei
Caravaggio (um 1600): Die Lichtregie schafft einen dramatisierenden Helldunkel-Effekt.

Muss man wirklich ins Museum?

Um sich ein möglichst genaues Bild von den Gemälden und ihrer Wirkung auf den Betrachter zu machen, ist der Gang ins Museum fast zwingend. Natürlich eignen sich auch Bücher mit hochwertigen Reproduktionen, um analytisch nachzuvollziehen, wie eine Lichtstimmung entsteht oder wie sich eine Farbgebung auswirkt. Doch besser ist fast immer die Betrachtung des Originals. Diese Begegnung kann im Lauf der eigenen Entwicklung auch mehrmals erfolgen, denn je mehr man dazugelernt hat, desto mehr kann man auch in einem Bild entdecken.

Abzuraten ist von der Beschäftigung mit der Malerei ausschließlich am Monitor. Im Web und in Videobeiträgen steht Farbtreue nicht im Vordergrund. Wer zum Spaß einmal bei Google Bilder von bekannten Gemälden sucht, wird festestellen, dass sich die Reproduktion in Farbgebung und Kontrasten massiv unterscheiden.

Vorwissen beschaffen

Wie für eine Fotoaktion gilt auch für die Vorbereitung eines Museumsbesuchs: Je mehr ich über das Thema weiß, desto mehr kann ich auch erkennen. Entsprechend hilft es, sich vorab zu informieren, was man denn im Museum zu sehen bekommt und in welchem Kontext es betrachtet werden sollte. Viele Museen nehmen einem dieses Arbeit heute ein Stück weit ab, indem sie die gezeigten Arbeiten in einen (kunst-) historischen Zusammenhang einordnen. Oft muss man dazu einen Audio-Guide oder eine Führung buchen. Es schadet aber auch nichts, wenn man vorher selbst schon etwas weiß. Dafür ist kein Studium der Kunstgeschichte nötig. Populäre Einsteiger-Literatur vermittelt schnell und meist auch recht unterhaltsam ein wenig Grundwissen.

Das Verhältnis von Fotografie und Malerei: Literaturtipps:

Das Kunst-Buch: Wichtige Werke einfach erklärt
von Caroline Bugler et al.
Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
Dorling Kindersley 2018
ca. 25 Euro

Die geheime Sprache der Kunst: Die Bedeutung von Symbolen und Figuren in der abendländischen Malerei
von Sarah Carr-Gomm
Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
Bassermann, 2013
ca. 15 Euro

Kunst verstehen: Alles über Epochen, Stile, Bildsprache, Aufbau und mehr in über 1000 farbigen Abbildungen
von Maria Carla Prette
Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
Naumann & Göbel, 2009

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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