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Photoshop-Scheuklappen

Photoshop-Scheuklappen

Photoshop-Scheuklappen / Foto und Montage: Doc Baumann

 Behauptungen lässt sich auf unterschiedliche Weise entgegentreten: Man kann sie mit Gegenargumenten in Frage stellen, in eine allgemein unbeliebte Schublade stecken oder die Person angreifen, welche die Behauptung aufgestellt hat. Doc Baumann kriegt immer mal wieder zu hören: Schuster, bleib’ bei deinen Leisten! Aber was sind seine Leisten überhaupt?

Einen Text als Blog zu verfassen und zu verbreiten ist nur die erste Hälfte; die zweite besteht darin, dass Sie ihn lesen und gegebenenfalls kommentieren. Im Idealfalle bleibt es nicht dabei; die Kommentare werden wiederum von anderen ergänzt – zustimmend, ablehnend, nachfragend. So kommt ein spannender Prozess in Gang, bei dem alle Beteiligten etwas lernen können.

So habe ich zum Beispiel von einer Leserin aus Göttingen nach meinem vorigen Blog zu einer fehlerhaften Montage auf der documenta 14 gelernt, dass dieses Bild nicht – wie ich anderer Stelle gelesen hatte – eine Strandszene wiedergibt, sondern dass der Titel „Nisyros“ auf einen eingeebneten Vulkankrater auf einer griechischen Insel gleichen Namens verweist (was die falschen Schlagschatten allerdings auch nicht besser macht).

Ich schätze es immer sehr, dass die Diskussionen auf den DOCMA-Seiten dabei bis auf ganz wenige Ausnahmen sachlich bleiben und fast nie beleidigend werden; da kennt man ja leider aus dem Web jede Menge abschreckender Beispiele. Über Zustimmung freue ich mich, aus sachlicher Kritik lerne ich gern, und mitunter kann ich Positionen der Kommentatoren nachvollziehen, ohne sie zu teilen. Doch obwohl Beleidigungen fast nie vorkommen, gibt es doch gelegentlich Diskussionsbeiträge – oft mit Photoshop-Scheuklappen –, die mich ärgern. Und zwar deshalb, weil sie nicht auf die vorgebrachten Argumente eingehen und sie zu widerlegen versuchen, sondern indem sich am Thema vorbeilavieren, letztlich gar nichts in Frage stellen, nur Stimmung machen und als Frustventil dienen. Sie lassen sich in drei Kategorien einteilen:


Ignoranz


Die erste Gruppe hat nur die zusammenfassende Einleitung zur Kenntnis genommen, hatte keine Zeit oder Lust, den ganzen Text zu lesen, meint aber, die paar Zeilen reichten schon aus, um sich eine Meinung über den kompletten Inhalt zu bilden, welche dann umgehend der Welt mitgeteilt werden muss – auch, wenn sie mit dem Blog gar nichts zu tun hat, sondern lediglich mit der eigenen Erwartung des Kommentierenden, was da wohl stehen könnte.


Schublade


Die zweite Gruppe erspart sich das Eingehen auf vorgebrachte Argumente, indem sie sich gar nicht erst auf diese einlässt, sondern sie pauschal in eine bestimmte Schublade mit einem negativ besetzten Etikett steckt. Man kennt das zum Beispiel aus der Politik. Wird eine Position etwa als Antiamerikanismus, Populismus, Fundamentalismus, Verschwörungstheorie oder sonst etwas eingestuft, hofft der so Diskutierende, er könne sich mit der triumphierenden Verkündung dieses Schlagworts alle weiteren inhaltlichen Auseinandersetzungen ersparen.


Person


Ähnlich läuft es, wenn unter Vermeidung inhaltlicher Argumente die Person angegriffen wird, welche eine Behauptung aufgestellt hat. Solche ad-personam-Kritiken funktionieren ähnlich wie die genannten Schubladen. Nur wird diesmal nicht die vermeintliche Haltung und Position des Kritisierten aufs Korn genommen, sondern er (oder sie) als Person.


„Kritik“ mit Photoshop-Scheuklappen


Ein paar Beispiele der letzten Woche:

Da haben wir zum Beispiel einen Herrn B., dessen Anmerkungen mir weniger von ihrem Tiefgang als von ihrer mangelhaften Rechtschreibung her aufgefallen waren. (Wegen seines englischen Nachnamens wollte ich in meinen Reaktionen auf Facebook auf diesen Aspekt rücksichtsvoll nicht weiter eingehen. Als Ausländer darf man Schreibfehler machen. Später stellte ich dann allerdings fest, dass er lediglich seinen deutschen Nachnamen für Facebook anglisiert und somit als Muttersprachler Probleme mit Rechtschreibung und Grammatik hatte – und dann noch zur Rechtschreibung anmerkte, wer im Glashaus sitze, solle nicht mit Steinen werfen …)

Zunächst fragte er provokativ: „Wer behauptet denn das Kunst fehlerfreie sein muss?“ Ich hatte das nirgendwo behauptet, aber auch das ist eine beliebte Taktik: etwas empört zurückweisen, das zuvor gar nicht geäußert worden ist.

Eine Stunde später meldete er sich dann mit einer Mischung aus Schublade und ad-personam-Taktik erneut zu Wort: „Es gibt halt im Mittelmaß immer Nörgler wie DocB“. (Später kam noch eine dritte Meldung im Bezug auf meine Rechtschreibung, weil er nicht kapiert hatte, dass ein kompletter Absatz von mir, der vor Rechtschreibfehlern nur so strotzte, als Beispiel dafür gemeint gewesen war, dass Menschen, die Bildbearbeitungsfehler kleinreden wollen, sich dasselbe bei Sprache und Text kaum bieten lassen würden. Vorausgesetzt, sie kriegen es mit.) Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit meiner Montagekritik suchte ich bei ihm vergeblich.

Wenig hilfreich – und abermals ad personam – war auch die knappe Beurteilung von A.: „Korintenkackerkritik“. Was will uns A. damit sagen? Dass „2+7=13“ wegen deutlicher Differenz als Fehler angemerkt werden könnte, während „2+7=8“ so dicht an der korrekten Lösung liegt, dass es nahezu richtig ist?

Es ist übrigens fast schon eine Frage vom Rang einer Russellschen Antinomie, ob man korinthenkackerhaft kritisieren darf, wenn jemand „Korinthenkacker“ falsch ohne th schreibt.

 


Schusters Leisten


Den Spruch „Schuster, bleib’ bei deinen Leisten!“ lese ich auch immer wieder in den Kommentaren zu meinen Blogs. Meist dann, wenn ich mich nicht zu Fragen von Photoshop und Co äußere, sondern etwa zu aktuellen politischen, die ich weit wichtiger finde als digitale Bilder. Klar, Photoshop bestimmt unser Leben – aber notfalls könnten wir auch ohne leben und sollten daher die Photoshop-Scheuklappen gelegentlich abnehmen. Ohne Insekten dagegen, zum Beispiel, lebt es sich weit schwieriger. Nun kann ich zwar Menschen ein klein wenig verstehen, die auf einer DOCMA-Webseite ausschließlich Bildbearbeitungsthemen erwarten und ihrem Frust darüber, dass das an einem bestimmten Tag mal nicht erfüllt wird, mit diesem Satz Ausdruck verleihen. (Wobei es viel einfacher wäre, den bereits dank der Überschrift als uninteressant empfundenen Text einfach nicht zu lesen, statt den Rest der Menschheit mit Kundgebungen der eigenen Ignoranz zu belästigen.)

Weitaus erstaunlicher finde ich es allerdings, wenn ich zu einem Blog, das sich uneinheitlichen Schlagschatten in einem digital montierten documenta-Exponat widmet, von einem Herrn S. den Kommentar lesen muss: „Schuster bleib bei deinen Leisten. Das heisst in diesem Fall: bei der Bildbearbeitung.“ Ich würde Schlagschattenkonstruktion schon irgendwie zur Bildbearbeitung zählen – jedenfalls eher als zur Fundamentaltheologie, Astrophysik oder Proktologie, und eine Nahkampftechnik ist es auch nicht. Was will mir Herr S. also mitteilen, wenn er – wie die anderen Genannten ohne Argumente zur Sache – auf die Leisten verweist, bei denen ich gefälligst bleiben solle? Und was sind überhaupt meine Leisten?

Nehmen wir einen kleinen Umweg. Zeitgleich mit meinem Studienabschluss erschien Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ (zu dessen Verfilmung ich ein paar Jahre später ein recht erfolgreiches Buch veröffentlichte, das sogar in die Bestsellerliste aufrückte: über die Dreharbeiten, mit Interviews der wichtigsten Beteiligten und mit ausführlichen Kapiteln über mittelalterliche Historie, Kirchengeschichte und scholastische Philosophie). Bis dahin hatte ich Eco – den ich dann später bei den Dreharbeiten in Rom kennenlernte – nur als Philosoph mit Schwerpunkten der Ästhetik, Logik und Semiotik kennengelernt. Hätte ich mit dem dümmlichen „Schuster, bleib’ bei deinen Leisten!“ reagiert, wären mir die interessantesten Romane meines Lebens (nach dem „Namen der Rose“ vor allem das – von mir noch weit höher geschätzte – „Foucaultsche Pendel“) entgangen.

In meinem eigenen Roman, an dem ich seit 1991 arbeite, spielt Rudolf Erich Raspe eine wichtige Rolle. Den kennt kaum jemand, obwohl jeder eines seiner Werke kennt: die Münchhausen-Geschichten, die Bürger lediglich ins Deutsche übersetzt hat. Raspe publizierte über die Philosophie von Leibniz, über keltische Literaturgeschichte, über Bergbau und Vulkanismus, über die Geschichte der Ölmalerei, über Oper … Kurzum, einer der Universalgelehrten, wie es sie in Barock und Aufklärung noch gab.

Nun bin ich zwar vielseitig interessiert, aber sicherlich weit davon entfernt, ein Universalgelehrter zu sein, und Umberto Eco ist ein unerreichbares Vorbild. Dennoch muss man nicht jenes Gegenteil anstreben, das vor einem halben Jahrhundert kritisch-belustigt als „Fachidiot“ bezeichnet wurde.

Ich habe über den Bildbegriff und Bildwahrnehmung promoviert (unter wahrnehmungs- und entwicklungspsychologischen, neurophysiologischen, ästhetisch/philosophischen, linguistischen und semiotischen Aspekten), Bücher und Artikelserien geschrieben über die Typographie des Desktop Publishing, die Entwicklungsgeschichte der lateinischen Buchstabenformen, ikonische Typographie, die Geschichte der Science-fiction-Illustration, die Psychologie des Horrors, eine Kulturgeschichte der Darstellung Außerirdischer, die Soziologie von Motorradrockern, Verschwörungstheorien (sowie seit 1993 einen ansehnlichen Stapel über Bildbearbeitung), einen Begleitband zur documenta 6 mit herausgegeben, zahlreiche Fotobände veröffentlicht, Dokumentarfilme gedreht …

Jetzt verraten Sie mir doch bitte mal, lieber Herr S., was denn nun jene Leisten sind, bei denen ich gefälligst bleiben soll?

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  1. fehdem

    Hallo Doc Baumann,
    das ist ein grossartiger Beitrag!

    Gruß
    Marcus Fehde

  2. Doc Baumann

    Hallo Marcus, es freut mich, dass Sie das eo einschätzen.
    Mit freundlichem Gruß
    Doc Baumann

  3. gerke

    haha – herrlicher Artikel, Doc! Und plötzlich ist es da draussen ganz still!

  4. winnetou

    Da schließe ich mich meinem Vorredner gerne an 🙂

  5. Doc Baumann

    Stimmt … ich höre auch nichts. Doc

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