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Pfui! Die DOCMA-Award-Jury ist nicht objektiv

25.2

Jurysitzung beim DOCMA Award 2015 / Foto: Ina Künne

In jedem Jahr erreichen uns ein paar kritische Anmerkungen von Teilnehmer/innen des DOCMA Awards, die bitter enttäuscht sind über ihre schlechte Platzierung und nicht nachvollziehen können, welche Werke auf den ersten Plätzen gelandet sind, wo ihre doch viel besser seien. Oft gipfelt das in dem Vorwurf, die Jury sei nicht objektiv. Das Schlimme ist: Sie haben recht.

Das Editorial von Heft 66, das Mitte August erscheinen wird, werde ich der Frage widmen, wie fair, gerecht und objektiv eine Juryentscheidung über eingesandte Bilder sein kann. Fairness versuchen wir durch folgende Faktoren zu gewährleisten: Anonymität, gleichzeitige Präsentation der Werke mit beliebiger Betrachtungsdauer, freie Diskussion, Qualitätsvergleiche nur innerhalb homogener Teilnehmerklassen (Lehrling, Geselle, Meister), heterogene Juryzusammensetzung.

Wie sieht es mit der Gerechtigkeit aus? Eine ästhetische Bewertung ist etwas anderes als die Überprüfung eines wissenschaftlichen Satzes, der logisch und empirisch richtig oder falsch sein kann. Dafür gibt es relativ klare Kriterien. Ein ästhetisches Objekt jedoch ist nicht richtig oder falsch, sondern unter verschiedenen Aspekten überzeugend oder nicht. Die wichtigsten sind ästhetisch-formale, handwerklich-technische sowie bei einem Wettbewerb thematische. Unter dem Gerechtigkeitsaspekt ist es gar nicht so wichtig, welche Qualifikation die Juroren mitbringen und wie sie Kriterien gewichten – bedeutsam ist nur, dass sie bei allen Werken in vergleichbarer Weise vorgehen.

Bleibt schließlich der Punkt Objektivität. Nicht nur nach Meinung vieler Ausstellungsbesucher oder Teilnehmer/innen kann ein weit hinten platziertes (oder gar ausgemustertes) Bild Anrecht auf einen Spitzenplatz haben. Wie fast jeder Juror habe auch ich wieder die Erfahrung machen müssen, dass Werke, die meine eindeutigen Favoriten auf vordere Plätze waren, irgendwann aus dem Rennen geflogen sind und dass mich nicht alle vorderen Platzierungen völlig überzeugen. Das Ergebnis spiegelt lediglich die durchschnittliche Bewertung einer Jury wider – und jeder kompetente Veranstalter weiß, dass dieses Ergebnis anders aussähe, wenn andere Juroren zusammengesessen hätten (oder sogar, wenn es dieselben an einem anderen Tag mit anderer individueller Grundstimmung gewesen wären). Ist das objektiv? Natürlich nicht – aber unvermeidlich. Es hängt auch nicht von der Sachkunde der Urteilenden ab. Wer etwa an der einen Kunsthochschule abgelehnt wird, wird mitunter an einer anderen aufgenommen. Selbst Juror als eigenständiger Studienabschluss würde den Faktor Objektivität kaum steigern.

Das heißt nicht, dass sich eine Juryentscheidung nicht gut begründen ließe. Nur ließe sich eine andere ebenso gut begründen.

25.1

Alle Einsendungen jeweils einer Teilnehmerklasse (Lehrling, Geselle, Meister) liegen als Drucke aus und können direkt miteinander verglichen werden. Foto: Ina Künne

Kritikpunkt – einiger weniger Teilnehmer/innen – in den letzten Jahren war auch die Vorjurierung der Einsendungen. Die sechs Leute der DOCMA-Redaktion, die diese Beurteilungen vornehmen, seien nicht objektiv. Nun, zu den DOCMA Awards werden meist um die tausend Werke eingereicht; jeder Teilnehmer kann bis zu fünf Bilder hochladen, im Durchschnitt sind es zwei. Tausend Bilder lassen sich jedoch nicht realistisch in zehn Stunden und drei Durchgängen beurteilen. Daher gibt es diese Vor-Jury, die allen (anonymen) Bildern null (chancenlos) bis drei (hervorragend) Punkte zuordnet. Dabei blieben diesmal rund 280 Werke übrig, die mindestens drei Punkte erreicht hatten. Das konnten drei von einem Juror sein oder auch je einer von dreien.

Wie repräsentativ war diese Vorauswahl? Hätte es nicht doch sein können, dass die Gesamt-Jury ein ausgemustertes Bild gut bewertet hätte? Das ist sehr unwahrscheinlich, denn nur zwei Bilder, die zuvor lediglich fünf oder weniger Punkte (von maximal 18) erreicht hatten, wurden von der Gesamt-Jury mit mehr als einem Punkt (von 170) bewertet, also weniger als 1%. Zum Vergleich: Das höchstbewertete Bild erhielt 38 Punkte. Jetzt wird’s etwas schwierig – versuchen wir, ohne Statistik auszukommen: Hohe Bewertungen der Vor-Jury korrespondierten nicht notwendigerweise mit solchen der Gesamt-Jury, wenn es auch Zusammenhänge gab. Vergleichsweise wenige der hoch vorjurierten Plätze wurden auch von der Gesamt-Jury hoch eingestuft – aber sehr viele der von der Gesamt-Jury hoch bewerten Plätze waren bereits von der Vor-Jury entsprechend weit vorn platziert worden.

Bemerkenswert ist übrigens das Bewertungsprofil der einzelnen Vor-Juroren. Für die 20 Spitzenplätze ihrer Vorauswahl vergaben sie im Durchschnitt zusammen 41 Punkte – die individuelle Spanne reichte jedoch von 22 bis 54.

Was bedeutet das? Es zeigt einerseits, dass eine anders zusammengesetzte Jury – auch unter Einbezug der Vor-Jury – erwartungsgemäß zu anderen Punkteverteilungen gelangt ist. Die Gesamt-Jury hat aber andererseits auch einige Bilder, die von der Vor-Jury im Mittelfeld angesiedelt worden waren, weit nach vorn gestellt, und das meist mit den Stimmen der Vor-Juroren.

Daraus lässt sich unter anderem schließen, dass die Präsentationsform (nebeneinander ausgelegte Drucke statt nacheinander am Monitor betrachtete Bilder) eine Rolle spielt, noch wichtiger aber ist der Diskussionsprozess, der – positiv wie negativ – zu deutlichen Einstellungsänderungen führen kann. Bei der Vor-Jury hatte jeder allein vor seinem Monitor gesessen und Punkte vergeben.

Fazit: Selbstverständlich ist eine Juryentscheidung nie objektiv, sondern immer nur der Durchschnitt subjektiver Bewertungen. Säßen auch unsere Kritiker in der Jury, sähe die Platzierung – zumindest ihres eigenen Bildes – gewiss anders aus. Aber sie wäre damit keinen Deut objektiver oder gerechter. Ebenso wichtig ist, dass sich das Endergebnis nicht im Geringsten geändert hätte, wenn es keine Vor-Jury gegeben hätte: Rund 40 Bilder der verbliebenen 280 wurden prämiert, kein einziges der Bilder aus der zweiten Hälfte der Vorjurierung gehörte dazu. Es ist sehr viel einfacher, sich darauf zu einigen, welche Bilder keine Chance auf einen vorderen Platz haben, als unter den guten und herausragenden eine Reihenfolge festzulegen.

Jury kopieren

Die Jury vor dem Schloss Rauischholzhausen. Das Gästehaus der Uni Gießen ist seit vielen Jahren Treffpunkt der Juroren. Von hinten nach vorn und von links nach rechts: Michael J. Hußmann (DOCMA), Manfred Rau (Fujifilm), Reiner Ter (Profoto), Christian Ohlig (Eizo), Harald Bauer (Sigma), Sven Doelle (Adobe) / Olaf Giermann (DOCMA), Johannes Wilwerding (DOCMA), Murat Erimel (Adobe/Fotolia), Nina Claußen (DOCMA), Bernd Lammel (Nitro) / Ina Künne (DOCMA), Doc Baumann (DOCMA), Julia Bastian (Museum für Kommunikation, Frankfurt), Gabi Hofmann (DOCMA), Sabine Mende (Wacom); Christoph Künne (DOCMA)

 

  1. kkm3105

    Im Westen nix Neues… DEN Wettbewerb möchte ich sehen, wo Nichtplatzierte objektiv die Einsendungen ihrer Mitbewerber kritisieren. Aber als Abonnement der DOCMA habe ich genügend Leserbriefe zu diesem Thema schon gesehen, die man nur schmunzelnd und kopfschüttelnd zugleich zur Kenntnis nimmt.
    Dabeisein ist alles – das war einmal. Schon ein zweiter Platz wird von den so Ausgezeichneten als unfair betrachtet, ein Dritter ist schon demütigend.
    Als Jury würde ich mir da keine Gedanken machen, business as usual.

  2. Shiranai

    Objektiv oder nicht objektiv: Das Gewinnerbild der Meisterklasse war schlichtweg dilettantisch und mit einsteigerhaften Photoshoptechniken erzeugt (Renderfilter>Wolken statt richtigem Atmosphäre-Rauch). Ich kann nicht nachvollziehen, wie eine Jury, die teilweise aus Artdirektoren besteht eine derartige Anfängerarbeit für „meisterhaft“ befinden kann.

    Die Idee ist null kreativ und das Material zusammengekloppt in 3 Minuten in Photoshop. Das minimale 3D-Render Bildmaterial war wahrscheinlich nicht einmal vom Ersteller selbst, und sollte sicherheitshalber auf etwaige Copyrights geprüft werden.

    Ich habe selbst keinen Beitrag eingereicht, aber hätte ich das, würde ich mich ehrlich gesagt auch ziemlich ärgern.

    • Shiranai

      Und dazu fiel mir gerade noch auf, dass die beiden Objektive noch nicht mal zentriert im Bild sind, sondern wohl einfach mal nach Augenmaß angeordnet.

  3. andy_kay

    Eigentlich überflüssig zu dem Thema was zu schreiben…
    Da ich aber auch schon 2x erfolglos am Award teilgenommen habe, werde ich mich mal für die Möglichkeit bedanken, dass es den DOCMA-Award überhaupt gibt!
    Da steckt nämlich sehr viel Arbeit drin – wie man auch der Schilderung oben entnehmen kann.
    Dann finde ich es schon bemerkenswert, dass heutzutage ein Angriff so souverän gekontert wird!
    So wünsche ich mir Politik – natürlich naiv und über den ganzen Schmutz, der mit unseren Steuergeldern angestellt wird, möchte ich auch nicht sooo genau bescheid wissen.
    Natürlich habe ich mich auch schon gefragt, warum es meine Bilder nicht in den Olymp geschafft haben und natürlich war ich enttäuscht. Auch habe ich mich 1-2 mal geärgert, weil ich die Preisvergabe an andere – meiner Meinung nach schlechten Bildern – erfolgt ist.
    Habe ich mich falsch einsortiert…? Wären meine Werke besser ausgefallen, wenn ich zum Abgabetermin nicht umgezogen wäre und die Bilder nicht übereilt rausgegangen wären…?
    Alle Überlegungen sind Unsinn – naja, fast alle.
    In diesem freien Wettbewerb muss man neben Können auch eine gute Idee und Glück haben.
    Ich finde den Vergleich mit der Zugangsprüfung an den Hochschulen gut. Denn genau so habe ich es auch schon erlebt.
    Zwei mal habe ich mit Mitbewerbern eine solche Mappenprüfung mit anschliessenden Talentprüfungen in Zeichnen und „Basteln“. (zwei mal wegen NC und Wartezeit abgelaufen).
    Beim ersten mal habe ich auf der einen FH keine Zugangsberechtigung erhalten, dafür auf einer anderen und 3 Jahre später – mit neuer Mappe – wurden die Städte getauscht und ich erhielt auf der FH, die mich drei Jahre vorher ablehnte meinen Schein.
    Damals war ich auch empört über Ablehnung und wollte nicht verstehen, dass Talent nicht immer gleich bewertet wird.
    Die Leute die durchkamen zeigten sich anschließend ihre Mappen und da gab es die Arbeiten, neben denen ich mir klein vorkam und die, wo ich nicht ganz verstand, warum die es jetzt geschafft haben.
    Der Andrang war damals schon riesig und von 300-600 Bewerbern haben 20-50 es geschafft.
    Auch da wurde – zumindest zum Teil – subjektiv entschieden.
    In der „Kunst“ gibt es keine Bewertung wie beim 100-Meterlauf mit anschl. Dopingprobe.
    Da ist viel Platz nach oben und zum wundern…
    Und die Vorauswahl von DOCMA intern ist mir lieber, als eine Publikumsbewertung, die Manipulationsanfällig ist.
    Außerdem: Wie viele Werke der Juroren würden beim Award wohl aufs Treppchen kommen…?! ; 0 ))
    In dem Sinne…

    Danke DOCMA!

  4. cmyk61

    Hallo Doc Baumann,

    „my house, my rules“

    Man kann es nicht jedem Menschen recht machen. Das gilt im normalen Leben ebenso wie im Docma.
    Daher halte ich eine Rechtfertigung wie im Editorial 5/15 oder wie im oben stehenden Beitrag für völlig überflüssig.
    Sicher, eine Zeitschrift benötigt Leser. Aber ich persönlich würde auf genau jene Leser verzichten die daran herumnörgeln, dass man nicht nach ihrer Pfeife tanzt.
    Es wird niemand gezwungen oder gar dafür bezahlt an einem Wettbewerb teilzunehmen.
    Daher anlehnend an die obrige Floskel: „my competition, my rules“.

    Wem das nicht passt, soll gefälligst seinen eigenen Wettbewerb ausloben.

    In diesem Sinne: etwas mehr Stolz und Selbstbewusstsein und weniger sinnlose Demut.

    Gruß Ralf

  5. dunkelmann

    Ich habe es mein ganzes Leben vermieden an Wettbewerben wie Fotowettbewerbe, Eiskunstlauf, Turmspringen, Turniertanz, etc. teilzunehmen. Im Grunde können alle Wettbewerbe die von „Juroren“ bewertet werden eigentlich nicht objektiv bewertbar sein. Es wird da immer menscheln. Mit Wettbewerben die durch klare Messungen entschieden wurden habe ich immer gute Erfahrungen gemacht.

    Grüße

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