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#MeToo Debatte: WeToo?

Die #MeToo Debatte war dringend nötig. Doch sie zieht auch eine Reihe von Irritationen nach sich. Christoph Künne hat sich mit den Konsequenzen auseinandergesetzt. 

Hallo, ich bin der Christoph, 51 Jahre alt, weiß, männlich, ­heterosexuell. Ich könnte auch sagen: ich bin ganz normal. Aber das wäre nicht zeitgemäß. „Normal“ gibt es nicht mehr, das ist langweilig. Wenigstens irgendeiner Minderheit sollte man angehören. Glück gehabt, immerhin bin ich Sexist. Allerdings ist mein Sexismus vergleichsweise subtil: Ich glaube nicht, dass jede Frau nur freudig darauf wartet, dass ich ihr zwischen die Beine fasse.

Aber ich ­blicke durchaus gerne in dargebotene Dekolletés, erfreue mich an zur Schau gestellten, bedeckten und unbedeckten weiblichen Formen. Hin und wieder verliere ich gar ein lobendes Wort über die dargebotene Schönheit. Außerdem verkneife ich mir nur ganz selten mehrdeutige Bemerkungen. Vermutlich habe ich – nach der aktuellen Interpretation – in den letzten 30 Jahren unzählige Frauen, die meinen Weg kreuzten, sexuell belästigt. Und dabei mache ich nicht mal einen Unterschied zwischen beruflichen und privaten Kontakten.

Ein neues Geschäftsmodell?

Die Umdeutung von einst akzeptablem Alltagsverhalten bringt Probleme. Frauen stürzen förmlich in Lebenskrisen. Sie fragen sich, ob sie sich vielleicht nur schminken und schön anziehen, weil die Männer sie ihr Leben lang als Sexobjekte wahrgenommen haben.

Männer wissen dagegen nicht mehr, was sie sagen dürfen, um ihr Gegenüber nicht sexuell zu belästigen. Sie lachen? Ich nicht mehr. Seit einiger Zeit artikulieren sich in meinen Workshops zur Porträtfotografie solche Unsicherheiten immer deutlicher. Besonders Amateurfotografen haben ein großes Problem damit, wie sie sich politisch korrekt verhalten sollen. ­Einerseits müssen sie in der Situation eines Fotoshootings die Führungsrolle übernehmen. Andererseits laufen sie dabei Gefahr, ihre Models zu nötigen. Die sollen Dinge tun, die sie vielleicht sonst nicht machen würden.

Zwingt man also dem Model seinen Willen auf oder erarbeitet man nur gemeinsam ein Bild? Kommt auf die Perspektive an. Noch unübersichtlicher ist die Situation naturgemäß bei Akt-Shootings. Was darf man tun, was sagen? Was sind die No-Gos? Kann man sein Model anfassen, etwa um eine Haarsträhne zu richten? Darf man es berühren, um es in eine gewünschte, sprachlich schwer vermittelbare Pose zu bringen? Wie lobe ich körperliche Vorzüge, ohne sprachlich übergriffig zu werden? Oder anders­herum: Wie vermittle ich meinem Model, dass ich es ratsamer finde, bestimmte Körperzonen nicht in den Bildmittelpunkt zu rücken, ohne dabei traumatische ­Effekte zu riskieren?

Manchmal ist Erfahrung aus vergangenen Zeiten doch zu etwas gut: Wenn ich – ganz oldschool – in offener, direkter und dabei freundlich-wohlwollender Manier mit den Models spreche, scheint es mir, als sei das allen Beteiligten eine Hilfe. Allerdings ist diese Form der Kommunikation ziemlich genau das, was heute als sexistisch gilt. Sollte ich mein Vorsprungswissen nutzen und Kurse zum Umgang mit Fotomodellen anbieten? Oder besser nicht, um nicht straffällig zu werden? Ich müsste das wohl mal mit einem Anwalt besprechen. Die Welt ist ­kompliziert geworden.

Was gar nicht geht

Nun, vielleicht sind meine Selbstbezichtigungen hier eher akademischer Natur. Den Eindruck habe ich zumindest mit Blick auf die Jungs, die mit ihrem Verhalten völlig zu Recht im Fokus der #MeToo-Debatte stehen. Als extrem sexistischer Fotograf ist Terry Richardson verrufen. Ich hatte mich etwas gewundert, als plötzlich alle wegen seiner Praktiken aufschrien, kannte ich die Geschichten über ihn doch schon seit Jahren. Danach forderte er offensiv sexuelle Gefälligkeiten ein, wenn Models gebucht werden wollten, und fotografierte sie oft selbst gänzlich entblößt am Set. Vor der #MeToo Debatte galt er deswegen als besonders cool – und plötzlich sind alle böse mit ihm und tun so, als hätten sie davon nichts ­gewusst. Eine einfache Google-Recherche hätte schon 2017 genügt, um sich mehr als ein Bild zu machen.

Ähnlich erging es mir mit einem Fotografen, mit dem wir noch kürzlich zusammengearbeitet haben. Auch von ihm kannte ich wilde Geschichten. Ich wußte, dass er eine ästhetisch durchaus anspruchsvolle Porn-Art-Webseite betreibt – wenn auch unter einem Pseudonym, aus Furcht, damit Kunden zu vergraulen. Eigentlich muss man ihn nur im Umgang mit Models beobachten, um eine Idee davon zu bekommen, dass die oft unappetitlichen ­Stories über ihn durchaus stimmen könnten. Lange war mir das aber leidlich egal.

Das änderte sich schlagartig, als er auf einem Festival unter Alkohol­einfluss gegen zwei unserer Mitarbeiterinnen übergriffig geworden ist. Die Damen wollten das nicht an die große Glocke hängen, um in diesen vermeintlich erlauchten Kreisen nicht als „Spielverderberinnen“ zu gelten. Richtig verstehen kann ich das nicht. Müssen sie sonst auf lukrative Buchungen verzichten? Bestimmt nicht. Aber vielleicht warten sie auch nur darauf, dass er eines Tages in einen #MeToo-Shitstorm gerät, um aus tiefster Überzeugung sagen zu können: Ja, ich war auch betroffen! Alles Spekulation. Was ich definitiv weiß ist, dass wir mit ihm nicht mehr zusammenarbeiten und dass ich in Zukunft genauer hinschaue, mit wem wir uns einlassen, und – vor allem – mit wem besser nicht. Da muss selbst ein ­bekennender Sexist feine ­Unterschiede machen.
Munter bleiben!

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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2 Kommentare

  1. Hallo, es ist eine Zeit angebrochen- aber wer wollte das eigentlich und wer sind jene Hintermänner oder Frauen die solche Gesetze in die Welt bringen? Was werden wir mit einer ernsthaften Umsetzung erreichen ? Wird es uns gar mehr Behindern als nutzen? Man sollte ja auch alles von zwei Seiten her sehen, lassen wir doch mal all die so „modernen“ Frauen oder …. ! unbeachtet links liegen, es wäre ein Spaß zu sehen wie es sich auswirkt. Aber es macht ja niemand, TV, Medien, Facebook- alles ohne Gesicht und Wahrheit? Ich bin schon jetzt am Lachen und höre das Gestöhne und Jammern. Also: Auf ein Neues.

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