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Kann jemand in Sachen Photoshop alles wissen?

Moin! Olaf Giermann hier! Kürzlich schnappte ich eine Diskussion über Photoshop auf, in der das Argument fiel, dass das Bildbearbeitungsmonster Photoshop viel zu umfangreich sei, als dass irgendjemand all seine Funktionen und Optionen kennen können würde. Ist das so? Ich möchte Ihnen in diesem Blogbeitrag genau dazu einige meiner Gedanken schildern.

Clockwork mechanism or a machine inside. Closeup gears and cogs. 3d illustration

Inok – Fotolia

Tatsächlich ist Photoshop gar nicht so irre umfangreich – auch wenn ein Einsteiger natürlich von der Menge der Möglichkeiten und Optionen erschlagen wird. Aber mal Hand aufs Herz – wo ist das nicht so, wenn es an das Eingemachte geht? Niemand wird mal eben Uhrmacher, Ingenieur oder Molekularbiologe ohne zuvor Unmengen an Wissen in sich hineinzuschaufeln – und das ist ein Mehrfaches von dem, was Photoshop an Funktionen und Optionen bietet. Tatsächlich haben Sie als Bildermacher sogar den Vorteil, dass Sie nicht einmal das gesamte Programm kennen müssen, um damit eindrucksvolle Werke zu schaffen – prinzipiell reichen dazu schon Pinsel, Ebenen und Auswahlen/Masken aus. Dank Tutorials kann ein Photoshop-Einsteiger auch schnell aufwendigere Bearbeitungen durchführen – ohne wirklich zu verstehen, was er da gerade tut.

Doch das Verstehen ist immer dann wichtig, wenn man bei der Bearbeitung auf ein Problem stößt. Um auf das Uhrmacherbeispiel zurückzukommen: Natürlich können Sie jemandem das Gehäuse, eine Tüte mit Dutzenden kleinen Zahnrädchen und den sonstigen Innereien einer schicken, mechanischen Analoguhr auf den Tisch legen und ihm die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung stellen. Selbst Ozymandias (der klügste Mann der Welt; zumindest im Watchmen-Universum) würde die Uhr nicht zusammengebastelt bekommen, wenn er nicht bereits etwas Vorwissen hätte und einen genauen Plan, wie so eine Uhr funktioniert. Aus den Einzelteilen erschließt sich diese Funktionsweise nicht. Mit einem Tutorial kann man es auch ohne Verständnis schaffen – und wird in dem Prozess des Nachbauens auch sicher etwas lernen. Doch wenn ein Problem auftritt (Zahnrad passt nicht, es bleibt ein Zahnrad übrig, es ist ein Zahnrad zu wenig, der Zusammenbau hat problemlos geklappt nur die Uhr funktioniert trotzdem nicht …), bringen einen Tutorials nicht weiter. Da hilft nur, wirklich zu verstehen, was man tut (oder jemanden zu kennen, der es versteht – was in den Zeiten des Internets ja recht einfach ist).

hands that repair an old pocket watch

rgvc – Fotolia

Genauso ist das auch mit Photoshop. Und deshalb kann man die Ausgangsfrage „Kann jemand in Sachen Photoshop alles wissen?“ auch ganz leicht beantworten, wenn man sie wörtlich nimmt und alle Möglichkeiten und Eventualitäten einschließt: Nein, niemand kann das.

Aber wir können die Frage auch differenzierter betrachten, und analysieren, ob jemand alles nur kennen, auch verstehen oder sogar kreativ kombinierend alle Möglichkeiten einsetzen kann. Das sind drei völlig verschiedene Level!

Kennen

Hier geht es darum, ob jemand alle Funktionen und Optionen von Photoshop kennen kann. Das ist tatsächlich gar kein Problem. Es braucht nur ein paar Minuten, sämtliche Menüs von Photoshop durchzugehen und Dialoge zu öffnen, sämtliche Optionen einmal anzuschauen. Dann hat man zunächst einmal alles gesehen (mit Ausnahme von versteckten Optionen/Shortcuts (schauen Sie mal hier vorbei), doch die sind eher eine Frage des GUI-Designs, auf das ich vielleicht in einem anderen Blogeintrag eingehen werde. Um die Optionen zu kennen, muss man auch wissen, was jede Funktion tut – auch das lässt sich recht schnell mit der Programmhilfe herausfinden und lernen. Der Umfang hält sich gegenüber anderen Wissensgebieten doch extrem in Grenzen.

Und deshalb ist es prinzipiell kein Problem, sämtliche Optionen Photoshops irgendwann zu kennen. Ob man das unbedingt muss oder möchte – steht auf einem ganz anderen Blatt. Wenn 20 % der Funktionen für einen Anwender ausreichen, ihn glücklich zu machen, ist das prinzipiell okay (obwohl er vielleicht mit nur 5 % zusätzlichen Funktionen, sehr, sehr viel Zeit sparen oder eine bessere Qualität erreichen könnte). Ich selbst drücke mich ja auch seit Jahren vor einigen Druck- und Separations-Funktionen, die mir einfach keinen Spaß machen und die ich lieber einem Techniker in der Druckerei überlasse, als meine Zeit damit zu verschwenden. 😉

Verstehen

Alle Funktionen/Dialoge und ihre Auswirkungen zu kennen, ist das eine. Sie zu verstehen, oft etwas ganz anderes. Denn schon oft habe ich einige Aktionen und Tricks gesehen, die ein eklatantes Nichtverstehen der Vorgänge bei der Bildbearbeitung offenbaren. Die Vorgehensweisen sind oft durch reinen Versuch und Irrtum entstanden und werden dann auch gern als Tutorials und als „besondere Technik“ weitergegeben (lesen Sie hier ein Beispiel dazu). Aber für das Verständnis der Photoshop-Funktionen gehört mehr dazu als nur das Kennen der Programmfunktionen, denn diese basieren zum einen oft auf traditionellen Dunkelkammertechniken (tatsächlich wollte jemand, der alles andere als ein Anfänger der Bildbearbeitung ist, mir vor kurzem nahelegen, Adobe doch endlich mal dazu zu bringen, den Scharfzeichnungsfilter korrekt zu benennen, weil der ja nunmal mit „Unscharf“ und „maskieren“ gar nichts zu tun hätte … *hüstel*). Zum anderen benötigen Sie zum zielgerichteten Arbeiten mit Photoshop aber auch ein solides Verständnis der unterschiedlichen Farbmodelle RGB, HSB/HSL, Lab und CMYK. Erst, wenn Sie verstanden haben wie Bilder aufgebaut sind (es sind alles nur Pixel!) und wie etwa das RGB-Modell funktioniert, können Sie Fragen wie diese beantworten, die mir gar nicht mal so selten gestellt werden: Gradationskurve oder Tonwertkorrektur oder Farbbalance? Finger weg von Helligkeit/Kontrast? Denn dann erkennen Sie sehr schnell die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser grundlegenden Photoshopwerkzeuge.

Kann man denn sämtliche Funktionen in Photoshop verstehen? Ja, auch das ist kein Problem – nur muss man sich da schon deutlich mehr hineinknien.

Kombinieren

Die eigentliche Faszination beginnt dann, wenn man Funktionen kombiniert, um zu bestimmten Bildergebnissen zu kommen. Und genau dies ist die eigentliche Spielwiese der kreativen Bildbearbeitung. Anfänglich ist es vielleicht eine Vignette mit dem Objektiv-Korrekturfilter plus eine Einstellungsebene Farbbalance, die Sie bereits begeistern.

Später sind es dann zum Beispiel Tutorials von Doc Baumann, der etwa Filter aus der Filtergalerie, die von nicht wenigen Anwendern tatsächlich als überflüssig angesehen werden, so kombiniert, dass man hinterher stilisierte Holzschnitte oder gläserne Menschen erhält. Oder etwa Ebenen-Techniken wie multiple Raw-Konvertierungen, Bandpass, Bandstopp, Matter machen-Schärfung und vieles mehr, die ich Ihnen in der aktuellen DOCMA (Heft 65) vorstelle. Oder die Schritte zu einer Zeichnung in DOCMA 64:

head

Kann man all diese Dinge und alle daraus resultierenden Möglichkeiten kennen? Ganz klar: Nein!

Durch die kreative Kombination von Werkzeugen, Einstellungsebenen und Filtern entstehen auf unterschiedlichen Wegen immer wieder neue Möglichkeiten. Ebenentechniken wie die Frequenztrennung vereinfachen Retuschen enorm, sind jedoch – auch wenn man alle Funktionen kennt und versteht – alles andere als intuitiv, so dass es unwahrscheinlich ist, dass jemand die mal eben unabhängig von anderen von sich aus neu erfindet.

Und genau das ist das Schöne an der Bildbearbeitung: Auch wenn Sie Photoshop in und auswendig kennen, bietet genau dieser Aspekt die Möglichkeit, sein Leben lang dazuzulernen und sich weiter zu entwickeln. Und spätestens dann ist der Punkt erreicht, an dem das Technische und die Software in den Hintergrund und das Bild in den Fokus rückt. Ganz ähnlich ist es bei der Fotografie, der Hardware, dem Licht … und all das geht natürlich mit der Bearbeitung Hand-in-Hand.

Haben wir nicht ein schöne Leidenschaft (Hobby, Beruf …)? 🙂

Beste Grüße,

Ihr Olaf Giermann

Olaf Giermann

Olaf Giermann

  1. kkm3105

    Ihre Bemerkung über das „kennen“ ist genau der Punkt: „verstehen“ heißt nämlich etwas ganz anderes. Wer aus dem Bereich Druckvorstufe etwa kommt, hat ein anderes Verständnis für Farbe, Gradation, Schärfe usw. und dem Zusammenspiel und Verwendung von Werkzeugen als ein Amateurbildbearbeiter, der größtenteils eigentlich nur seine Fotos aufhübschen möchte.

    Wirkliche Bildbearbeitung beginnt bei schwierigen Collagen, dem Erreichen vorgegebener Parameter, der Abstimmung für verschiedene Weiterverarbeitungen usw. Photoshop ist in erster Linie immer noch ein Tool für Profis, eine ganze Menge Werkzeuge in diesem Prog werden Amateure niemals brauchen, abgesehen davon sie die auch gar nicht verstehen können, weil es spezielle Features eben für Druck-/vorstufe sind. Wer benützt schon die Kanaltrennung für „richtige“ Triplexbilder, Überfüllungen, Auszüge für Sonderfarben, LAB oder CMYK, wer muss sich mit GCR beschäftigen oder Flächendeckungen einhalten, nur um die rudimentärsten Anforderungen zu nennen, die i.d. Druckvorstufe gang und gäbe sind?

    Die wahrscheinlich schwierigsten Arbeiten, die wirklich „Highend-Kenntnisse“ voraussetzen, dürften die Vorlagengestalter erledigen, die für ihre Auftraggeber wirklich künstl. Welten erschaffen, meist in Verbindung mit 3-D Programmen. Dagegen sind die frequenzgetrennten, porzellanpuppenretuschierten Kosmetikanzeigen eher Kindergeburtstag.

    Der Artikel beschreibt das völlig richtig und ich kann den Hinweis, dass man bei PS so gut wie nie auslernt, nur bestätigen. Immer wieder findet man entweder in Publikationen wie der DOCMA oder im Netz ausgefuchste workflows, auf die man wirklich nur kommen kann, wenn man „kennen“ und „können“ unter einen Hut bringt. Aber genau das ist auch für die Profis eine ständige Herausforderung, die man immer wieder gerne neu entdeckt. Diese Software ist eine wirklich geniale Spielwiese – die aber auch sauber danebengehen kann, wenn man sich die in eurem Heft gezeigten Collagenkatastrophen ansieht. Auch wenn da angeblich „Profis“ vor dem Monitor saßen…

  2. shashi

    Hallo km3105,

    Ihre letzten beiden Sätze habe ich besonders genossen. 😀

    Zum Beitrag:
    Zuerst einmal denke ich, dass die Frage falsch gestellt ist. Sie müsste „richtig“ lauten:
    „MUSS jemand in Sachen Photoshop alles wissen?“

    PS ist ein mächtiges Programm. Blabla… Und nein, ich bspw. KENNE es auch nach ca. einem Jahrzehnt nicht wirklich umfangreich. Warum? Weil ich nicht die Zeit habe, es kennenzulernen in der Gänze der Weiten. Das ist für mich auch gar nicht nötig.
    Wie km3105 schon schreibt: Es kommt drauf an, wie man das Programm nutzen will/muss. Auch ich bin eher in der Druckvorstufe „zu Hause“ und habe hier andere Prämissen bei der EBV.
    Zudem ist daran zu denken – das schrieb ich schon in einem anderen Zusammenhang -, dass sich die Software in den Jahren verändert. Was man wusste, ist irgendwann nicht mehr nutzbar, andere Aspekte dagegen kommen hinzu und somit ändern sich ganze Bearbeitungsstrategien (!). Das „Kennen“ wird somit ein Stück weit Luxusgut, das man sich nicht leisten muss. Man muss WISSEN.

    „Auch wenn Sie Photoshop in und auswendig kennen, bietet genau dieser Aspekt die Möglichkeit, sein Leben lang dazuzulernen und sich weiter zu entwickeln. Und spätestens dann ist der Punkt erreicht, an dem das Technische und die Software in den Hintergrund und das Bild in den Fokus rückt.“

    Ich denke, Sie berühren da eine Grundfrage:

    1. Will ich etwas wissen, weil ich eine Lösung finden muss?
    oder
    2. Will ich etwas wissen, um etwas zu wissen?

    Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich jemand PS kauft (oder heutzutage: mietet), um dieses Programm zu entdecken.
    Ist es nicht eher so, dass man etwas Kreatives vorhat bzw.. Fotograf, Designer etc. ist und nach einer Software sucht, die die Lösung befördert?

    Und gerade Software (nomen est omen) impliziert den Vorgang „ewigen“ Lernens. Das muss man nicht extra erwähnen.

    Software ist das Werkzeug, nicht die Lösung.

    MfG – Frank

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