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Jubiläums-Techtalk: 175 Jahre Fotografie

Die Fotografie feiert heute offiziell ihren 175-jährigen Geburtstag – da fragt man sich unwillkürlich, wie lange es die ­Bildbearbeitung wohl schon gibt. Christoph Künne sucht eine Antwort.


Als der französische Maler Louis Jaques Mandé Daguerre im Jahr 1839 offiziell die Fotografie ­erfand, war das kein technologischer Neustart. Geforscht wurde über das Thema schon Jahrzehnte von unterschiedlichen Technik­pionieren. Bereits 1816 gelang es Nicéphore Niépce, erste Lichtbilder auf ­Papier zu bannen, nur waren sie nicht auf Dauer lichtbeständig. Das Problem löste der Tüftler erst zehn Jahre später, im Jahr 1826. Der britische Landadlige William Henry Fox Talbot erfand bereits 1834 ein Negativ-­Positiv-Verfahren, das er aber zunächst für Fotogramme nutzte. Daguerres Aufnahmeverfahren unterschied sich von denen seiner Vorläufer vor allem in seiner ­Komplexität: Es umfasste eine Kamera, eine lichtempfindliche Platte und ein chemisches Verfahren, das die Trägerplatte in eine lichtbeständige Fotografie verwandelte. Außerdem bot es eine höhere Qualität in den Tonwertabstufungen, und man konnte – wegen der kurzen ­Belichtungszeit von „nur“ drei Minuten unter optimalen Bedingungen – sogar Menschen ablichten.

Entscheidend für die Erfindung der Fotografie, das lernen wir aus diesem kleinen geschichtlichen Exkurs, ist nicht die Belichtung des Moments, sondern der Prozess, der zu einem Ergebnis führt, welches eben jenen Moment überdauert. Neudeutsch würden wir von einem Workflow sprechen, der auch die Abläufe nach der Belichtung umfasst. Führt man sich dies vor Augen, wird deutlich, dass im Jahr 2014 nicht nur die Fotografie ihr 175. Jubiläum ­feiert, sondern auch die Bildbearbeitung. Ja, Sie haben richtig gelesen: Bildbearbeitung kam nicht erst als Begleiterscheinung der digitalen Fotos auf die Welt, sondern schon mit Erfindung der Fotografie.

Die ersten Fotografen waren vornehmlich Bildbearbeiter, denn sie hatten die meiste Zeit damit zu tun, in der Dunkelkammer aus den belichteten Platten lichtbeständige Positive zu machen. Die erste Trennung zwischen Belichtung und Bearbeitung brachte die Eroberung des „Massenmarktes“ durch die Firma Kodak. Sie warb mit dem Slogan „You Press the Button, We Do the Rest“ schon ab 1888. Danach erwuchs die Laborarbeit zum eigenständigen Beruf und verschwand spätestens mit dem Aufkommen des Farbfilms – ab den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts – nach und nach selbst aus dem Betätigungsfeld der Berufsfotografen. Noch bis in die 90er Jahre gehörte es in weiterbildenden Schulen zum Lehrplan, Jugendlichen die Grundtechniken der Schwarzweißentwicklung im Rahmen des Kunstunterrichts beizubringen.  
Im anlogen Fotolabor war die Nachbearbeitung der Belichtungen an die Bildausgabe auf Papier gebunden. Neben ausgefeilten chemischen Techniken zur Entwicklung von Filmen und Papieren kam bei höheren Ansprüchen auch die Ausarbeitung mit Belichtungsmasken, Abwedler- und Nachbelichter-Werkzeugen hinzu, sowie als Königsdisziplin: die analoge ­Retusche. Diese fand mit scharfen Skalpellen, kleinen Spritzpistolen, feinsten Marderhaarpinseln und Eiweißlasurfarben auf dem Abzug oder bereits auf dem Negativ statt. Ziel der Eingriffe blieben meist Hautretuschen, damit die Bilder vom Fotografen auch wirklich schmeichelhaft wirkten. Für Druckpublikationen gingen „Positivretuscheure“, so die Berufsbezeichnung in der grafischen Druckformenherstellung, noch weiter und entfernten auch Störendes aus den fotografischen Vorlagen.

Ab den 1980er Jahren verbreiteten sich Computersysteme, die solche und noch viel weiter reichende Retuschen merklich vereinfachten. Ab der Erfindung von Photoshop 1990 war selbst für komplexere Verfremdungen keine Berufsausbildung mehr nötig, und spätestens am Ende der 90er Jahre kam die Bildbearbeitung auch bei den ambitionierten Amateuren an.
Es dauerte noch einmal rund fünf Jahre, bis etwa 2003, dann hatte auch der Rest der Technik mitgezogen: Bezahlbare Digi­talkameras, die qualitativ mit analogen Kleinbild-Spiegelreflexmodellen ebenbürtig waren, und erschwingliche Fotodrucker, deren Ergebnisse auch auf Dauer lichtbeständig und farbecht blieben, eroberten den Markt.
Damit war der digitale Prozess der Fotografie auf dem Niveau des analogen Vorläufers angekommen, und es konnte an die erstaunliche Weiterentwicklung gehen, deren Zeugen wir in den letzten zehn Jahren geworden sind. Allerdings hat diese Dekade die Möglichkeiten nicht mehr ­revolutioniert. Heute arbeiten wir einfach nur schneller mit größeren Datenmengen, belichten mehr Details ins Bild und können in Photoshop viele einst aufwendige Prozesse erheblich vereinfacht nutzen.
Neu sind nur unsere Telefone, die längst zu Schnappschusskameras mutiert sind und auf denen wir selbst komplexe Bild­korrekturen vornehmen können.

In den nächsten Jahren wird alles schneller, leichter und qualitativ besser. Ein Grundproblem aber bleibt: Was soll aufs Bild? Die erhalten gebliebenen Fotos der ­Pioniere zeigen deutlich, wie wenig Fantasie sie bei den Bildinhalten und bei der Gestaltung entwickelten. Heute sind die meisten Bilder technisch relativ perfekt – vor allem, wenn eine komplexe Bildbearbeitung erfolgt ist. Aber macht die Weiterentwicklung der Technik es wirklich leichter, das Herz des Betrachters zu erobern? Nach meiner Erfahrung geht das nur über eine Beschäftigung mit den Bildinhalten.
Munter bleiben!

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