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Ex-Voto: Die Gewinnerbilder des Sony World Photography Awards 2018

Alys Tomlinson hat dieses Jahr den Gesamtpreis der Sony World Photography Awards 2018 mit einer Serie von analog aufgenommenen 5×4-Zoll-Schwarzweißfotos gewonnen. Richtig gelesen: Analog Schwarzweißfotos – sollte diese Jury-Entscheidung uns als Digitalfotografen zu denken geben? 

Nach eigenem Verständnis prämieren und präsentieren die Sony World Photography Awards nun zum elften Mal „die beste Fotografie der Welt aus dem vergangenen Jahr“ (Website). Schaut man sich die Bilder des mit 25.000 Dollar ausgelobten Preises der Gesamtsiegerin Alys Tomlinson an, sind sie sicher auf den ersten Blick durchaus faszinierend. Aber nicht auf eine Weise, wie man es bei einem solchen Award in heutiger Zeit vermuten dürfte. Sie zeigen zum Beispiel wenig bis gar nichts von dem, was man gemeinhin für das Jahr 2017 als typisch erachtet hätte. Auch die Ästhetik der Bilder ist zeitlos, fast konservativ, die Technik der Plattenkamera so alt wie die Fotografie. Selbst das Thema ist eher klassisch und nur noch für einen kleinen Teil der Weltbevölkerung relevant.

Aber was genau ist eigentlich das Thema? „Ex-Voto“ ist die lateinische Bezeichnung des Begriffs „Votivgabe“. Auch mit diesem Begriff dürfte in der heutigen, säkularisierten Welt kaum noch jemand etwas anfangen können. Man versteht darunter – religionsübergreifend –  „Gegenstände, (die) als symbolische Opfer einer überirdischen Macht öffentlich dargebracht werden. Dies geschieht insbesondere für die erfolgte oder gewünschte Rettung aus einer Notlage und häufig an einer kultischen Stätte“. (Wikipedia). Gute Bilder sollen ja eigentlich für sich selber sprechen. Für diese Gewinnerbilder braucht man jedoch eine tiefergehende Erklärung, um herauszufinden, worum es eigentlich geht.


Was kann man von den Gewinnerbildern der Sony World Photography Awards 2018 lernen?


Was macht also diese Bilder aus, das sie den anderen 320.000 Einsendungen voraus haben? Um die Fotos ihrer Serie aufzunehmen, hat Profi-Fotografin Alys Tomlinson Pilgerstätten in Lourdes (Frankreich), Ballyvourney (Irland) und Grabarka (Polen) bereist. Was brachte sie wohl dazu? Vielleicht Religiosität? Oder einfach die Suche nach Sinn? Letzteres wäre zumindest ein zeitgenössisches Problem. Alys Tomlinsons Lebenslauf lässt vermuten, dass sie (noch) andere Beweggründe hat: Die 42-jährige Britin studierte zunächst Literatur, später Fotografie und erst kürzlich Anthropologie mit Spezialisierung auf Reise, Tourismus und Wallfahrt. Als Anthropologin arbeitet sie über Themen im Kontext von Umwelt, Zugehörigkeit und Identität.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Bilder verständlicher. Mit der Mischung von Porträts, Landschaftsbildern und den Stillleben der Votivgaben verbindet Tomlinson drei Fotogenres in ihrem Projekt. In der Schwarzweißfotografie findet sie eine formale Klammer dafür und mit der über alle Bilder hinweg gleichförmigen Tonalität der Kontraste schafft sie eine Verbindung zwischen den Motiven, auch wenn diese an unterschiedlichen Orten aufgenommen wurden.

Was so hochgestochen klingt, sind aber eigentlich nur die Basics der Reportagefotografie: Blickwinkel ändern, Nähe und Entfernung variieren und unterschiedliche Aspekte eines Themas erfassen. Hinzu kommt die umfängliche Recherche vorab. Letztere ist in vielen Fällen wichtiger als die technische Perfektion der Aufnahmen. Wer ganz genau weiß, was er fotografieren muss, wenn er sich vor Ort befindet; wer einen Plan hat und wer erkennen kann, was wichtig ist, was nicht und was die beobachtete Situation besonders macht, der wird die besseren Bilder bekommen. Soweit nichts Neues.

Auffällig ist in einer Zeit der allgegenwärtigen Smartphone-Fotografie, dass jene Bilder wieder an Wert gewinnen, die in langen, aufwändigen Prozessen entstehen und die in komplexe thematische Kontexte eingebunden sind. Das gab es in der Qualitätsfotografie schon immer, aber im Mainstream – und den repräsentieren die Sony World Photography Awards – war er seit Jahren verdrängt vom mehr oder weniger oberflächlichen Effekt. Kurz gesagt, es geht wieder zurück zu den Wurzeln. Ähnlich wie bei Vinyl-Schallplatten, gedruckten Büchern oder handgefiltertem Kaffee und anderen Entwicklungen der gerade so angesagten Retrotopia.

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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