RSS

Eine Frage des Stils – noch mal die Prisma-App

Schloss Charlottenburg

Foto: Doc Baumann (Original: links) / Umsetzung (rechts): Peter Winkler & Very Deep Convolutional Networks for Large-Scale Image Recognition

 

Vor drei Wochen hatte Doc Baumann an dieser Stelle über die App Prisma berichtet, die aus eigenen, hochgeladenen Bildern in Sekundenschnelle digitale Gemälde im Stil großer Meister zu produzieren verspricht. „Ist doch keine Kunst!“, hatte Doc Baumann damals geurteilt. Inzwischen lässt sich mehr zu diesen Bildern mitteilen. Sie dürfen schon mal raten, wessen der Stil welchen Künstlers auf das Schloss-Foto oben angewandt wurde.

Lassen Sie mich mein Ergebnis von neulich noch einmal kurz zusammenfassen: Die von den neuronalen Netzen von Prisma berechneten Bilder sind höchst eindrucksvoll, ästhetisch bemerkenswert und handwerklich besser als das, was viele Illustratoren mühsam per Hand hinkriegen. Aber sie sind gewiss keine Kunst. Und das nicht, weil ich einen so hochgesteckten Kunstbegriff hätte und meinen würde, Maschinen könnten nie und nimmer etwas Künstlerisches hervorbringen, sondern auch deswegen, weil die Vorgabe nicht stimmt, hier würde der Stil alter oder moderner Meisters übernommen und auf aktuelle Fotos übertragen. Selbst wenn dem so wäre, würde er unterschiedslos auf Wichtiges und Nebensächliches angewandt. Es gibt keine Gewichtung, Konzentration, Komposition, Absicht.

Das macht eigentlich nichts, weil die Ergebnisse dennoch oft faszinierend aussehen. Aber wenn man ein wenig an dieser – im Web kritiklos übernommenen und weitergegebenen – Behauptung kratzt, hier würde der Stil eines Künstlers analysiert und dann auf andere Bilder übersetzt, stößt man schnell auf Ungereimtheiten. Wer sich ein wenig mit Kunstgeschichte und Bildanalyse auskennt, merkt schnell, dass die Fotoumwandlung „im Stil von van Gogh, Lichtenstein, Mondrian …“ eine leere Versprechung ist.

Das ist übrigens nicht nur bei Prisma der Fall. Auch die Wissenschaftler in Tübingen, die das Verfahren im letzten Herbst bekannt gemacht haben, wecken mit ihren van-Gogh-Beispielen falsche Erwartungen. Zugegeben, die umgerechneten Fotos erinnern durchaus an seine Malweise. Doch spätestens, wenn sich mehrere der van-Goghschen Sonnen in einem Bild wiederfinden, und nicht nur am Himmel, sondern auch an Mauern auftauchen, ahnt man, dass der Bezug ein recht oberflächlicher ist. (Was nicht bedeutet, dass die Bilder nicht bemerkenswert wären. Außerdem werden neuronale Netze erst seit kurzer Zeit in diesem Bereich angewandt, da wird sich in den nächsten Jahren noch sehr viel tun.)

Die recht grobe und pauschale Anwendung konkreter, malerischer „Stile“ machte mir die zum Teil überzogenen Behauptungen gleich etwas verdächtig. Deutlich mehr verstand ich von den Hintergründen, als ich meinen Freund Peter in Berlin konsultierte, der selbst mit neuronalen Netzen und Bildern experimentiert.

Und siehe da: Auch andere Väter haben hübsche Töchter, wie das alte Sprichwort verheißt. In diesem Fall konnte ich ihm nicht nur Fotos schicken, die in „Digitalgemälde“ umgewandelt werden sollten, sondern auch Bilder mit einem „Stil“, der darauf angewandt werden sollte. So, und nun dürfen Sie raten, welcher Stil der Umwandlung des Fotos von Schloss Charlottenburg oben zugrunde liegt. Und damit Sie noch eine weitere Chance haben, finden Sie am Ende dieses Beitrages ein weiteres Digitalgemälde mit einen Stil, den es zu erraten gilt. Erkennen Sie die Künstler? Die Auflösung gibt’s hier in einer Woche.

 


Bedenken: Ästhetisch – technisch – und rechtlich sowieso


Übrigens lassen sich gegen die Anwendung von Prisma noch Bedenken ganz anderer Art nennen: Zum einen behält sich der Programmierer in den Nutzungsbedingungen vor, die hochgeladenen Fotos frei zu verwenden. Das könnte übel ausgehen, wenn Sie etwa das Bild einer Freundin als Geschenk an sie zu Prisma-Kunst machen wollen – und später taucht es irgendwo im Web auf. Ganz legal – Sie haben dem ja zugestimmt.

Zudem ist ziemlich unklar, was Sie selbst mit ihren umgerechneten Bildern machen dürfen. Reicht es, das Wasserzeichen „Prisma“ unten rechts im Bild zu belassen? Dürfen Sie die Bilder verbreiten, in Photoshop weiterbearbeiten, kommerziell nutzen? Wahrscheinlich nicht! Streng genommen verbieten die Nutzungsbedingungen das – auch wenn der russische Programmierer das in einer privaten Mail-Antwort lockerer beschreibt. Im Rahmen einer kommerziellen Verwendung, etwa bei einem Illustrationsprojekts, würde das Wasserzeichen ohnehin zu Problemen führen. Hinzu kommt die Beschränkung auf 1080 x 1080 Pixel. Aber auch hier wird sich sicherlich in der nächsten Zeit einiges tun. Wir dürfen gespannt sein.

 

Nachfrage

Ende Juli hatte „dewaling“ in seinem Kommentar zu meinem Blog gefragt; „Hat jemand schon eine Idee, wie sich die Ergebnisse mit Photoshop umsetzen lassen?“ Falls die Frage darauf abzielt, wie sich Prisma-Bilder in Photoshop weiterbearbeiten lassen: Technisch mühelos (etwa Sättigung reduzieren, hochskalieren, retuschieren, montieren …) – rechtlich hingegen: Nach den Nutzungsbedingungen ist das untersagt.

Sollte allerdings gemeint sein: „Wie kann man so was mit Photoshop hinkriegen?“, ist die schlichte Antwort: Gar nicht. Prisma ist kein Plug-in, es läuft nicht mal auf dem Smartphone oder Tablet. Es überträgt die Daten lediglich auf einen Server nach Russland, der rechnet sie um und schickt sie zurück, und das in höchst beeindruckend wenigen Sekunden. Die Basis dafür sind neuronale Netze, und die haben eine völlig andere Struktur und Funktionalität als Anwendungssoftware wie Photoshop.

82 Schloss#2

Foto: Doc Baumann / Umsetzung: Peter Winkler & Very Deep Convolutional Networks for Large-Scale Image Recognition

  1. taurus

    Die Fotos von Prisma sind durchaus beeindruckend. Ich würde mir wünschen in PS, so etwas, als Plugin zu nutzen. Wenn man will kann man aber bei Mediachance ein Programm erwerben mit dem man bessere Effekte unterschiedlicher Künstler erstellen kann. Das Programm kostet 99$ und man kann es direkt über die Seite http://www.mediachance.com bestellen. der Name des Programms ist:“Dynamic Auto-Painter (DAP)“. Die aktuelle Version ist 5.0 und es gibt sie in 32 und 64bit. Bevor man sein Geld ausgibt, kann die Software vorher getestet werden. Die einzelnen Versuche, die Bilder in den Malstil bekannter Künstler umzuwandeln, dauert mitunter etwas länger. Meiner Meinung nach wird man aber mit dem Ergebnis belohnt.

  2. Doc Baumann

    Danke für den Hinweis. Die Ergebnisse sehen interessant aus. Ich vermute allerdings, dass das nicht auf der Basis neuronaler Netze funktioniert, sondern als „normales“ Programm. So schöän die „Van Goghs“ aber auch sind: Mehrere Sonnen in einem Bild, noch dazu an Wänden, zeigen, wie weit das wirklich vom „Stil“ des Künstlers entfernt ist. In DOCMA 73 gehen wir noch mal ausführlicher darauf ein.

  3. htohto

    In der Wiener Mundart gibt es den Begriff „Des is joa ka Kunst“ und steht für etwas das leicht geht und nicht schwierig ist. In diesem Sinne ist es wirklich keine Kunst, sonst denke ich darüber nach und bin mir nicht so sicher wie Doc Baumann. Eigentlich macht jedes in der Bildbearbeitung angewandte Filter nach irgendwelchen Algorithmen aus dem ursprünglichen Foto etwas anderes. Streng genommen werden im digitalen Fotoapparat bei der Aufnahme schon Bildbearbeitungen nach vorgegeben Regeln vorgenommen. Das Resultat wird trotzdem weiter als Kunstwerk vermarktet.
    Ob es gefällt ist auch kein Kriterium für Kunst.

    Programme die ähnliche Ergebnisse wie Prisma bringen gibt es ja schon länger (z.B. ARTWORK von der Firma AKVIS)

  4. Mabe

    Guten Morgen lieber Doc,
    das Programm Topaz Impression bietet eine ganze Reihe von Malern an, habe es mal aus Neugierde gekauft. Es ist ganz lustig, aber ernsthaft verwendet habe ich es noch nicht.
    Wie man van Gogh dort sieht, werde ich per Mail senden
    Liebe Grüße aus Frankfurt
    Manfred Berger

  5. handaufsherz

    Kunst kommt nicht von Können, oder?
    Kunst kommt von Kultur, oder?

  6. Pingback: Eine Frage des Stils – noch mal die Prism...

Mitdiskutieren