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Die Geschichte des Semikolons

Lohnt es sich, ein ganzes Buch über ein Satzzeichen zu schreiben? Die Historikerin und Wissenschaftstheoretikerin Cecelia Watson hat es getan und ihr „Semicolon – The Past, Present, and Future of a Misunderstood Mark“ lässt einen nicht nur das Semikolon, sondern die Zeichensetzung insgesamt mit anderen Augen sehen.

Die Geschichte des Semikolons
In Pietro Bembos „De Aetna“ wurden 1494 erstmals Semikolons verwendet.

Die menschliche Sprache gibt es vermutlich seit hunderttausenden von Jahren und die Schrift seit immerhin mehreren tausend Jahren, während eine Zeichensetzung, wie wir sie kennen, erst rund 500 Jahre alt ist. Das Semikolon wurde 1494 von dem venezianischen Drucker Aldus Manutius (1449–1515) erfunden. Seine Ausgabe von Pietro Bembos „De Aetna“ (ein Essay über eine Besteigung des Ätna) verwendete erstmals dieses Satzzeichen, um Teilsätze voneinander zu trennen. Der Schriftdesigner Francesco Griffo (1450 – 1518) hatte dafür eine neue Schrift entworfen, und diese ist noch heute in Gebrauch – Monotype hat eine digitale Version unter dem Namen „Bembo“ herausgebracht. Aldus Manutius und Francesco Griffo stritten sich übrigens später darum, wer von ihnen als Erfinder der Kursivschrift anzusehen sei.

Die Epoche des Humanismus brachte eine Vielzahl von Satzzeichen hervor. Dazu gehörte beispielweise das punctus percontativus, ein horizontal gespiegeltes Fragezeichen, das rhetorische Fragen markierte. Während solche Erfindungen aber bald wieder verschwanden, gibt es das Semikolon bis heute, wenngleich es sich über die Jahrhunderte mal größerer und mal geringer Popularität erfreute. Bei Cecelia Watson können Sie nicht nur die Geschichte der Liebhaber und Verächter des Semikolons – und von Letzteren gibt es bis heute nicht wenige – nachlesen. Auch die Funktion des Semikolons veränderte sich; so wurde es einst auch zur Einleitung einer Aufzählung genutzt, also in einer Rolle, die heute der Doppelpunkt spielt. Wie wichtig es sein kann, das richtige Satzzeichen zu wählen, beweist ein Fall aus dem Jahre 1927, in dem die Entscheidung zwischen Komma und Semikolon dazu führte, dass ein wegen Mordes Angeklagter auf dem elektrischen Stuhl landete, während er andernfalls mit dem Leben davongekommen wäre.

Cecelia Watson erzählt allerdings nicht nur die Geschichte des Semikolons, sondern auch die der Zeichensetzung insgesamt und wie sich deren Bedeutung wandelte. Ursprünglich standen Komma, Punkt, Doppelpunkt und Semikolon vor allem für unterschiedlich lange Pausen in der gesprochenen Sprache, wobei das Semikolon als „halber Doppelpunkt“ („semi colon“) eine etwas kürzere Pause als ein Doppelpunkt anzeigte, aber eine längere als ein Komma. Nach dem Aufkommen von Grammatiklehrbüchern im 18. Jahrhundert stellte sich die Frage, welche Rolle die Interpunktion darin spielen sollte. Frühe Grammatiker stellten die Zeichensetzung weitgehend dem Sprachgefühl anheim und verzichteten darauf, dafür ein umfangreiches Regelwerk zu entwickeln. Seit dem 19. Jahrhundert gab man den Satzzeichen jedoch zunehmend eine syntaktische Funktion und sah es beispielsweise als Fehler an, Hauptsatz und Nebensatz durch ein Semikolon zu trennen – hier galt nur ein Komma als akzeptabel. Selbst Autoren wie Shakespeare blieb es nicht erspart, dass ihre Texte korrigiert und gemäß der Grammatik- und Zeichensetzungsregeln der neuen Zeit umgeschrieben wurden.

Cecelia Watson selbst schlägt den umgekehrten Weg ein und führt anhand von Texten von Mark Twain, Herman Melville, Henry James, Raymond Chandler, Ludwig Wittgenstein, Irwin Welsh, Rebecca Solnit und Martin Luther King, Jr. vor, welche Wirkung das Semikolon erzielen kann, wenn man es so meisterhaft wie diese Autoren einsetzt. Die Zeichensetzung ist für sie keine Angelegenheit von Prosodie oder Syntax, sondern der Pragmatik (im linguistische Sinn).

Nun ist die Zeichensetzung ein Thema, mit dem wir naturgemäß auch bei jeder DOCMA-Produktion zu tun haben. Das beginnt damit, dass wir die Zeichensetzung unserer Autoren an die DOCMAtischen Gepflogenheiten angleichen; danach sehen alle anderen Redakteure die Texte noch einmal durch und schlagen Korrekturen vor, bis schließlich in der Schlussredaktion letzte Fehler ausgemerzt werden. Dabei halten wir uns zwar weitgehend an die Duden-Regeln, folgen ihnen aber nicht sklavisch. Ein Komma zwischen mit „und“ verbundenen Hauptsätzen ist laut Duden nur erlaubt, bei uns aber obligatorisch. In manchen Fällen sind wir uns auch uneinig; so bestehe ich darauf, Infinitivgruppen stets mit einem Komma abzutrennen, während andere das für überflüssig halten – nach der reformierten Rechtschreibung ist oft beides zulässig, aber ich finde, dass sich ein Satz mit Komma flüssiger liest und sein Sinn schneller erfassbar ist.

Die Zeichensetzung ist ein Mittel zum Zweck, und wer eine präzise Vorstellung davon hat, was er oder sie mit einem Komma oder Semikolon bezweckt, wird dabei kaum in die Irre gehen. Leider bleibt vom Deutschunterricht in der Schule oft nur hängen, dass zu einem längeren Satz auch angemessen viele Satzzeichen gehören, die dann willenlos zwischen den Wörtern eingestreut werden.

Die Geschichte des Semikolons: Cecelia Watsons „Semicolon – The Past, Present, and Future of a Misunderstood Mark“ ist 2019 bei HarperCollins erschienen; eine deutsche Übersetzung ist noch nicht angekündigt.

Die Geschichte des Semikolons
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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

2 Kommentare

  1. … dass zu einem längeren Satz auch angemessen viele Satzzeichen gehören, die dann willenlos zwischen den Wörtern eingestreut werden.

    Das Wort »willenlos« wurde hier mit Sicherheit falsch verwendet – »sinnlos« trifft es besser. 🙂

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