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Dark Art – die Vorläufer

Dark Art
Dark Art – die Vorläufer / Titel des Begleitbandes vom Michael Imhof Verlag, Gemälde von Caspar David Friedrich

Szenen von Verfall und Weltuntergängen sind heute bei vielen Bild-Monteuren beliebte Sujets. Düster, von Flammen gespenstisch beleuchtet, Ansichten gewaltiger Katastrophen – Photoshop macht’s möglich. Aber Bilder mit derartigen Motiven gibt es nicht erst seit wenigen Jahren. Sie hatten ihre Vorläufer bereits im 17. Jahrhundert. Eine Ausstellung in Hamburg zeigt derzeit in rund 200 Werken eindrucksvolle Gemälde, Zeichnungen und Fotos, gegen deren Dramatik viele Montagen heutiger Dark Art verblassen. Der dicke Katalog-Band enthält neben Wiedergaben dieser Bilder zahlreiche aufschlussreiche Essays.

 

Kunst soll schön sein. Seit es Texte gibt, die sich mit Ästhetik – oder ihren Vorstufen – beschäftigen, war diese Forderung eigentlich selbstverständlich. Sofern man damals gewisse Produkte menschlicher Tätigkeit überhaupt als „Kunst“ ansah, was wiederum nicht selbstverständlich war. Auch wenn nicht alle Werke dieser Erwartung entsprachen, Schönheit in der Kunst war die Norm. Die nicht gerade seltenen Höllendarstellungen, in denen die Sünder von Teufeln und Dämonen in alle Ewigkeit gequält wurden – nun, sie waren nicht direkt schön, aber die Auseinandersetzung mit ihnen sollte immerhin auf den Weg des Guten und Heilsamen führen. Quasi Dark Art von Mittelalter und früher Neuzeit. Wer sie recht betrachtete, wusste, was ihm blühte, wenn er die Gebote der Kirche nicht hinreichend ernst nahm. So waren sie in ihrem Selbstverständnis immerhin Wegbereiter des Guten, wenn auch selbst nicht schön.

Das änderte sich im 18. Jahrhundert, denn nun tauchte in den ästhetischen Untersuchungen eine neue Kategorie auf – die des Erhabenen. Das Erhabene musste nicht schön sein, es durfte es nicht einmal. Es war terribilis: überwältigend, schrecklich, beeindruckend, so wie Dark Art heute. Es zeigte den Menschen ganz klein als Opfer und Spielball des Gewaltigen; ausgeliefert und machtlos angesichts der unberechenbaren Natur und grauenvoller Katastrophen.

Es gibt einige historische Marken, die diese Sicht mit ausgelöst haben. Natürlich hatte es große Katastrophen schon immer gegeben – seit der Sintflut. Aber mangels verlässlicher Massenmedien erfuhren die Menschen davon erst viel später, bruchstückhaft, über- oder untertrieben. Nach dem Beginn des Buchdrucks, der natürlich auch Flugblätter oder „Zeitungen“ ermöglichte, wurde das anders. Die Berichterstattung wurde zwar nicht gerade zuverlässiger, aber sensationelle Texte und Bilder führten das Grauen nun unmittelbarer vor Augen, als das zuvor bloße mündliche Berichte über tausend Ecken gekonnt hatten.

1666 verheerte ein gewaltiger Brand London. Und knapp 100 Jahre später, 1755, wurde Lissabon zerstört: Zuerst kam ein Erdbeben, dann ein Tsunami und Feuersbrünste. Dieses Erdbeben hatte nicht nur wirtschaftliche und politische Folgen – es war einer der Auslöser der Aufklärung, denn niemand hatte eine Erklärung dafür, wie ein gütiger Gott Tausende seiner Geschöpfe, Gläubige ebenso wie Sünder, derart strafen konnte. Gab es diesen Gott wirklich?

Und natürlich hatten diese Katstrophen auch Auswirkungen auf die Kunst. Ihre Wiedergabe lieferte frühe Beispiele von Dark Art; Beispiele für die ästhetische Kategorie des Erhabenen. Zunächst noch als getreues Abbild mit belehrend-informativem Charakter, doch zunehmend ins Unermessliche gesteigert in Szenen, in denen letztlich das ganze Universum zu Bruch geht.

Auch alte Katastrophen gerieten plötzlich ins Zentrum des Interesses. Mehr als anderthalb Jahrtausende hatten die Städte Pompeji und Herculaneum unter dicken Ascheschichten verborgen gelegen, und nichts mehr erinnerte an sie, bis sie Anfang des 18. Jahrhunderts wiederentdeckt und nach und nach ausgegraben wurden. So entwickelten sich auch Katastrophen der Antike – wie jener Vulkanausbruch des Jahres 79 – zu legitimen Bildsujets.


Die Vorläufer der Dark Art


Noch bis zum 14. Oktober 2018 ist in der Hamburger Kunsthalle die Ausstellung „Entfesselte Natur – das Bild der Katastrophe seit 1600“ zu sehen. Sie präsentiert knapp 200 Exponate (Gemälde Zeichnungen, Grafiken, Fotografien …) zu diesem Themenbereich.

„Bei allen Unterschieden in der Darstellung durch die Jahrhunderte hinweg wird dabei eines sehr deutlich: Die Bilder lassen uns nicht kalt. Sie ziehen uns in ihren Bann, appellieren an unser Gefühl und regen zum Nachdenken an – über uns und über die Welt, in der wir leben“, heißt es im Ankündigungstext. Diese Aussage ist insofern bemerkenswert, als wie sie – sicherlich nicht beabsichtigt – auch eine Erklärung liefert für Phänomene, die offenbar so neu gar nicht sind: Katastrophentourismus und Unfallgaffer.

Heute würde kaum jemand auf die Idee verfallen, die Zuschauer, die Rettungsarbeiten behindern und Tote, Verletzte und zerfetzte Autos mit dem Smart Phone filmen, als Schöpfer erhabener Werke einzustufen. Aber die Geschichte zeigt eben auch, dass dieses Gaffen, diese Faszination des Grauenvollen, nichts Neues ist. Sie ist heute deswegen besonders irritierend, weil sie nicht nur die Darstellung des Schrecklichen zum Gegenstand hat – wie das etwa beim Horrorfilm der Fall ist –, sondern das Schreckliche selbst. Die Betrachter der Wiedergaben dieser Szenen hingegen, und jene der künstlerisch aufbereiteten insbesondere, könnten sich in gewisser Weise durchaus auf diese ästhetische Kategorie des Erhabenen berufen. (Jedenfalls prinzipiell, im konkreten Einzelfall wohl eher selten.)

So war etwa die Darstellung des Schiffbruchs ein verbreitetes Motiv, andere Transportmittel gab es ja kaum, deren „Verunfallung“ zahlreiche Menschen auf einen Schlag zu Opfern machte.

In der Gegenwart gibt es solch eindrucksvolle Schiffsunglücke nicht mehr, mit im Wasser treibenden Planken und Opfern, die sich in aufgewühlten Wellen verzweifelt an Fässer klammern. Heute gehen die überfüllten Schlauchboote mitsamt ihrer Flüchtlingsfracht unspektakulär im Mittelmeer unter – und die neueste Festsetzung von Rettungsschiffen und Suchflugzeugen sorgt dafür, dass es niemand mehr mitkriegt und sich daran stört. Es brauchte einen neuen Géricault, dessen Gemälde „Das Floß der Medusa“ 1819 einen Schiffbruch, der drei Jahre zuvor tatsächlich stattgefunden hatte, zum Thema und Skandal machte – nicht unverbindliches Aufgreifen wie etwa auf der letzten documenta. An die Toten im Mittelmeer haben wir uns längst gewöhnt; selbst das Foto einer an den Strand gespülten Kinderleiche bleibt höchstens ein paar Tage im Gedächtnis.


Dark Art damals – Dark Art heute


Es gibt zweifellos viele aktuelle Werke der Dark Art, die hohen künstlerischen Ansprüchen genügen. Ein Blick in dieses Buch – oder besser noch: in die Ausstellung selbst – zeigt allerdings, dass es ebenfalls viele andere gibt, über die man das nicht sagen kann.

Es genügt eben nicht, mehr oder weniger virtuos mit den Werkzeugen von Photoshop umgehen zu können. Nicht umsonst haben die Studierenden an den Kunstakademien früher jahrelang gelernt, wie Bilder aufgebaut werden sollten, also Kompositionslehre gebüffelt – oder wie die Darstellung aller denkbaren Oberflächen und Materialien visuell überzeugend gelingen kann. Bei allzu vielen Montagen heute – Dark Art oder nicht – hat man dagegen den Eindruck, die Objekte würden beziehungslos und willkürlich in einer Szene verteilt. (Von meinen Lieblingsthemen korrekter Perspektive, Beleuchtung und Plausibilität ganz zu schweigen.) Ein Bild herzustellen und öffentlich zu machen bedeutet, dass es sich an Betrachter richten soll. Es interessiert kein Schwein, sich psychologisierend in die Gedankenwelt seines Schöpfers oder seiner Schöpferin zu vertiefen. (Das passiert dann vielleicht nach vielen Jahren und errungenem Ruhm, wenn sich Autoren mühsam Texte zu Katalogen und Bildbänden abringen. Am besten dann, wenn der Künstler tot ist und es nicht mehr dementieren kann.)

Wenn ein – veröffentlichtes – Bild also ein Mittel der Kommunikation ist, dann ist es die Aufgabe seines Herstellers, es dafür einzurichten, dass es betrachtet wird. Das bedeutet, es zu entwerfen, zu komponieren, einen Bezug der wiedergegebenen Objekte herzustellen, Farben, Licht und Schatten gezielt einzusetzen, die späteren Betrachter mitzudenken und sie zu leiten. Schauen Sie sich daraufhin Werke der Dark Art der Gegenwart an, selbst preisgekrönte. Genügen Sie diesen Anforderungen?

Aus Sicht der Ausstellungsmacher und der Autor/innen des Begleitbandes, die aufschlussreiche Texte zum besseren Verständnis des Phänomens verfasst haben, sind diese Überlegungen sicherlich etwas daneben. Für DOCMA-Leser/innen jedoch sind sie genau richtig. Denn Katalog und Ausstellung können auch bestens als Präsentation lehrreicher und vorbildlicher Bildgestaltung für Produzenten von Dark Art dienen. Diese Werke zu studieren und ihre Wirkung zu analysieren, kann jedem weiterhelfen, der in diesem Bereich kreativ tätig ist und den Anspruch „Art“ für sein Werk in Anspruch nehmen möchte.

 

ENTFESSELTE NATUR. Das Bild der Katastrophe seit 1600. Hamburger Kunsthalle, Ausstellung bis zum 14. Oktober 2018. Katalog und Begleitband, herausgegeben von Markus Bertsch und Jörg Trempler, gebunden, Großformat, 384 Seiten, durchgängig farbige Abbildungen, Michael Imhof Verlag, 49,95 €

 

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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