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Bitcoins – der Hype, die Technik und das Risiko

Alle reden von Bitcoins … Spam-Mails gaukeln mir vor, ich könnte durch Spekulation mit Bitcoins reich werden, während mir Facebook penetrant die Mitgliedschaft in geschlossenen Gruppen empfiehlt, die sich mit Kryptowährungen beschäftigen. Darin werden dann wohl die ganz heißen Get-rich-quick-Tipps getauscht. Was steckt überhaupt dahinter, wann platzt die Blase … und was tut DOCMA?

Bitcoins

Der Grund, dass so viel über Kryptowährungen geredet und geschrieben wird, ist natürlich der exponentielle Kursanstieg der Bitcoins. Dauerte es noch dreieinhalb Jahre, damit sich der Wert eines Bitcoins von 1000 auf 2000 Dollar verdoppelte, war die Verdoppelung von 10.000 auf 20.000 Dollar jetzt eine Sache von Wochen. Inzwischen kann man sogar auf den Anstieg oder Abfall des Bitcoin-Kurses wetten, wie es bei Rohstoffen gängig ist. Dabei haben Bitcoins gar keinen ihnen innewohnenden Wert, weshalb die Spekulationsblase jederzeit platzen kann – ähnlich der Tulpomanie in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, als man sich für eine seltene Tulpenzwiebel an einem Tag noch ein stattliches Haus kaufen konnte – am nächsten Tag taugte sie nur noch dazu, in den Garten gepflanzt zu werden, um sich ein paar Monate später an den bunten Blüten zu erfreuen (Charles Mackay hat das in „Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns“ beschrieben).

Das Konzept der Bitcoins wurde 2008 entwickelt, von einer Person oder einer Gruppe, der oder die sich Satoshi Nakamoto nennt. Die Idee dahinter war, eine Ersatzwährung zu schaffen, die nicht von staatlichen Notenbanken oder überhaupt von Banken abhängig wäre. Die technische Grundlage für eine solche Währung ist ein asymmetrisches Public-Key-Verschlüsselungsverfahren, bei dem jeder Teilnehmer ein Schlüsselpaar verwendet: Der öffentliche Schlüssel wird zur Verschlüsselung verwendet und ist allen bekannt; der zur Entschlüsselung nötige private Schlüssel wird geheimgehalten. Ein solches kryptografisches Verfahren eignet sich auch dazu, eine digitale Signatur zu schaffen, die zur Authentifizierung dient. Anders als beispielsweise ein Ausweis, mit dessen Vorlage man beweist, eine bestimmte Person zu sein, kann eine digitale Signatur Anonymität gewährleisten: Man kann im Geschäftsverkehr mit einem Partner beweisen, dass man derselbe ist, mit dem der Partner bereits zu tun gehabt hat, ohne damit offenzulegen, wer man ist.

Bitcoins

Kryptowährungen sollen Geld schaffen, das sich sicher transferieren lässt, so dass niemand Kryptogeld ausgeben kann, das er oder sie gar nicht besitzt oder bereits ausgegeben hat. Dennoch bleibt die Identität von Sender und Empfänger einer Zahlung verborgen. Kryptowährungen kommen ohne zentrale Instanzen wie Banken aus, die mit Konten darüber Buch führen, über wie viel Geld ihre Kunden verfügen. Stattdessen gibt es ein Netz von Knoten im Internet, die alle Details von Transaktionen verarbeiten, blockweise speichern und neue Blöcke im Internet publizieren. Jeder Block enthält einen kryptografischen Hash des vorigen Blocks, und alle Blöcke bilden so eine Kette – die Blockchain. Durch die kryptografische Verknüpfung der Blöcke wäre es praktisch unmöglich, eine Transaktion in einem einzelnen Block zu manipulieren, denn dann müssten sich auch alle danach erzeugten Blöcke ändern. Für den Zugang zu seinem Geld braucht man seinen privaten Schlüssel, und wenn dieser einmal verloren geht, ist das Kryptogeld verloren – weder der Besitzer noch sonst jemand kommt noch an das Vermögen heran.

Zur Verwaltung der Infrastruktur einer Kryptowährung werden Knoten benötigt, die eine hohe Rechenleistung bewältigen müssen; deren Betreiber „schürfen“ damit neue Bitcoins und werden so für ihren Dienst an der Gemeinschaft belohnt. Mit freiwillig erhöhten Transaktionsgebühren kann man die Ausführung einer Transaktion beschleunigen.

Die Idee hinter Bitcoins und anderen Kryptowährungen ist zweifellos brillant; das System ist zudem quelloffen und damit recht sicher – wenn es Angriffsmöglichkeiten gibt, werden sie durchweg rechtzeitig entdeckt und geschlossen. Dass Kryptowährungen auch für verbrecherische Zwecke genutzt werden, bei denen naturgemäß Wert auf Anonymität gelegt wird, liegt auf der Hand, ist ihnen aber nicht anzulasten. Das eigentliche Problem ist ein anderes: Was ist ein Bitcoin überhaupt wert und welche Sicherheit gibt es, dass er seinen Wert behält?

Dem Geld, das von staatlichen Notenbanken ausgegeben wird, lag früher eine Deckung durch Gold, Silber oder andere Werte zugrunde. Die Idee war, dass man mit dem vom Staat ausgegebenen Geld einen Anteil am staatlichen Goldschatz (o. Ä.) erwirbt. Von einer solchen Deckung durch materielle Werte sind die Staaten aber längst abgegangen. Sie wäre auch nicht dauerhaft praktikabel, denn durch die Kreditvergabe entsteht immer wieder neues Geld; die Geldmenge bläht sich auf und kann dann nicht mehr durch Gold oder andere Werte gedeckt sein.

Letztendlich entsteht der Wert des Geldes auf andere Weise. Der Wert bemisst sich danach, was man dort, wo das Geld gesetzliches Zahlungsmittel ist, dafür kaufen kann. Ein Land mit einer starken Wirtschaft, die begehrte Waren und Dienstleistungen anbietet, hat folglich eine Währung mit einem hohen Umtauschkurs, während man das Geld von Staaten mit schwacher Wirtschaft, deren Produkte wenig nachgefragt werden, billiger bekommt. So lange man also in der Eurozone schöne Dinge erwerben kann, behält der Euro seinen Wert. Daneben gibt es zwar auch Währungsspekulationen, die den Wert schwanken lassen, aber wenn es hart auf hart kommt, ist es die Wirtschaftskraft, die dem Geld einen intrinsischen Wert gibt.

Mit Bitcoins kann man nun zwar prinzipiell überall auf der Welt zahlen, wenn der Zahlungsempfänger Bitcoins akzeptiert, aber sie sind ebensowenig wie andere Kryptowährungen irgendwo ein gesetzliches Zahlungsmittel. Daher kann niemand dazu verpflichtet werden, Bitcoins zu akzeptieren, und wer sie heute noch annimmt, kann sie morgen ablehnen. Aufgrund der wachsenden Transaktionskosten wäre es ohnehin nicht mehr praktikabel, seine täglichen Einkäufe mit Bitcoins zu bezahlen, und statt des tatsächlichen Zahlungsverkehrs scheinen spekulative Transaktionen überhand zu nehmen.

Die Bitcoin-Verfechter wehren sich gegen den Vorwurf, es handele sich um ein Schneeballsystem, eine Art Pilotenspiel, bei dem diejenigen, die das Spiel begonnen haben, nur das gewinnen, was die Späteinsteiger verlieren. Sicherlich sind Kryptowährungen nicht zum Zweck eines Betrugs geschaffen worden; eine böse Absicht ihrer Erfinder kann man wohl ausschließen. Im Endeffekt wird es trotzdem auf eine ganz ähnliche Entwicklung hinauslaufen. Den dramatischen Kurszuwächsen bei Bitcoins entspricht ja keinerlei Wertschöpfung. Wer mit Futures auf steigende oder fallende Rohstoffpreise wettet, kann mit seinem Scharfsinn einen Gewinn machen, weil er den zukünftigen Bedarf richtig einschätzt. Spekulationen mit Bitcoins sind dagegen reine Spekulation, die sich auf nichts gründet. Früher oder später wird die Bitcoin-Blase platzen, und der Gewinn, den die frühen Käufer von Bitcoins erzielt haben werden, sofern sie rechtzeitig den Ausstieg geschafft haben, zahlen diejenigen, die spät – zu spät – auf den fahrenden Zug gesprungen sind. Es ist ein Nullsummenspiel, indem man nur gewinnen kann, was andere verlieren.

Aber auch Kryptowährungen könnte man so etwas wie einen intrinsischen Wert geben. Nehmen wir an, DOCMA würde eigenes Kryptogeld ausgeben – DOCMA-Dollars. Die dazu nötige Infrastruktur ließe sich leicht einrichten, denn geeignete Open-Source-Software ist ja frei verfügbar. Jeder Abonnent bekäme, sagen wir, 100 DOCMA-Dollars; außerdem könnte man sich DOCMA-Dollars verdienen, indem man beim Betrieb der Infrastruktur hilft, also „schürft“. Ab dann würde die DOCMA-Dollar-Wirtschaft außerhalb unserer Kontrolle laufen, genauso dezentral organisiert wie die der Bitcoins.

Wir würden dann besondere, exklusive Produkte wie beispielsweise Video-Tutorials oder dergleichen anbieten, die man nur für DOCMA-Dollars erwerben kann. Wer diese haben möchte, aber weder Abonnent ist noch einer werden möchte, müsste einem DOCMA-Abonnenten die nötigen DOCMA-Dollars abkaufen. Auf Basis des Werts der angebotenen exklusiven Produkte würde sich durch solche Transaktionen ein Wert der DOCMA-Dollars ergeben, also ein Umtauschkurs gegenüber dem Euro.

Natürlich könnte man auch mit dieser Währung spekulieren. Jemand könnte erklären, gleich zehn DOCMA-Abos abgeschlossen zu haben, weil der Kurs der DOCMA-Dollars demnächst durch die Decke gehen würde, und andere würden dasselbe tun (hmm … ich glaube, ich muss mal mit dem Verlag reden …). Aber ob der Kurs nun steigt oder fällt: Wir würden DOCMA-Dollars jederzeit mit dem Verkauf unserer exklusiven Produkte honorieren und damit behielten sie einen Wert, der dem Wert dieser Produkte entspricht.

Wohlgemerkt: Die Einführung von DOCMA-Dollars ist nicht geplant (derzeit und soweit ich weiß). Vom Kauf von Bitcoins und anderen existierenden Kryptowährungen kann ich aber nur abraten.

Michael J. Hußmann
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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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