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2020 im Rückblick: Kauft noch irgendjemand Kameras?

Die nunmehr vollständigen CIPA-Zahlen für 2020 zeigen die dramatischen Auswirkungen der Corona-Pandemie, die den Abwärtstrend noch überlagert.

Im April des vergangenen Jahres hatte es sich schon angedeutet, dass die Pandemie den Kameramarkt einbrechen lassen würde. Die Verkaufszahlen für das gesamte Jahr bestätigen das.

2020 im Rückblick: Kauft noch irgendjemand Kameras?
Jahr für Jahr werden weniger Kameras verkauft, aber im Frühjahr und Sommer 2020 gab es zusätzlich einen Pandemie-bedingten Einbruch. (Quelle: CIPA)

Normalerweise haben die Kurven der Verkaufszahlen in jedem Jahr die gleiche Form, nur rutschen die Kurven in jedem Jahr tiefer. Der Verlauf in 2020 ist atypisch: Statt eines Anstiegs der Verkäufe zu einem Gipfel im April fielen die Zahlen stetig ab und erreichten eine Talsohle im Mai. Zum zweiten Gipfel im Oktober hatte sich die Entwicklung aber wieder normalisiert und der Abfall zum Dezember lag im normalen Rahmen.

Für 2021 sagt CIPA einen Zuwachs der Verkäufe voraus – zum ersten Mal seit etlichen Jahren. Der Grund dafür ist allerdings vor allem der, dass man nicht erneut mit einer Corona-Lücke in den Verkäufen rechnet.

Schaut man sich die Zahlen nach Kameraklassen aufgeschlüsselt an, bestätigt 2020 den langjährigen Trend. Kompaktkameras zeigen die größten Verluste und auch Spiegelreflexkameras verlieren. Spiegellose Systemkameras haben die DSLRs nach verkauften Stückzahlen knapp überrundet; nach Wert gerechnet liegen sie mit großem Abstand vorn: Fotografen haben 2020 zweieinhalb mal so viel für spiegellose Kameras wie für DSLRs ausgegeben. Die vergleichsweise erfolgreichsten DSLRs sind die Billigmodelle. Im Profibereich werden sich wohl noch für einige Zeit die Spitzenmodelle absetzen lasen, aber in diesem Bereich sind die Stückzahlen ohnehin gering. Vor allem Mittelklasse-DSLRs dürften den Konkurrenzdruck der spiegellosen Systeme spüren.

Den stärksten Rückhalt haben die DSLRs in Europa, wo noch immer mehr DSLRs als spiegellose Modelle verkauft werden, aber ihr Wert liegt nur bei gut der Hälfte des Werts verkaufter spiegelloser Kameras. Spiegellose Kameras verkaufen sich in Japan am besten, wo Fotografen viermal so viel Yen für spiegellose Modelle wie für solche mit Spiegel ausgegeben haben. Nach Stückzahlen gerechnet liegen die Verkaufszahlen der Spiegellosen fast beim Dreifachen der Zahlen für die DSLRs.

Da aber auch die neueren spiegellosen Systeme bislang keinen neuen Aufschwung gebracht haben, müssen die Hersteller Kosten sparen. Nikon hat bereits angekündigt, den Großteil seiner Kamera- und Objektiv-Produktion nach Thailand zu verlagern; nur noch ein kleiner Teil der Objektive wird weiter in Japan hergestellt. Zwei der drei Fabriken für Objektive (in den Präfekturen Yamagata und Fukushima) schließen. Um solche Umstrukturierungen wird wohl kein Hersteller herum kommen.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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3 Kommentare

  1. Meine letzte Neukamera stammt aus dem Jahr 2019. Es war eine Sony A7II. Für meine Altglasfotografie reicht das mehr als dicke aus.

    Mein Sohn hatte sich zum Abschluss seiner Lehre eine Canon R5 gegönnt. Für die nächsten 5 Jahre wird er sich sicher keine neue Kamera mehr kaufen. Darin liegt das Problem, wer kann sich so eben mal 4-5 kEUR für eine Kamera leisten?

    Mich selber würde das Mittelformat sehr reizen, aber wenn ich mir die Preise anschaue und dann die finanziellen Verpflichtung als Familienvater, dann hat sich das Thema ganz schnell erledigt.

    Nicht umsonst tummle ich mich im Billigsegment der Altglasfotografie herum, da ich mir gute, lichtstarke Objektive schlichtweg nicht leisten kann. Siehe mein 1€-Projekt: https://lmy.de/buuAW

    Was fehlt ist eine günstige Basis-Fotokamera unter 1000 Euro. Denn viele Amateurfotografen benötigen die ganzen Videofunktionalitäten gar nicht, müssen diese aber mitbezahlen.

    Liebe Grüße
    Bernhard

  2. Ich hatte mir im März 2020 eine neue 5D Mark 4 gekauft und eine Woche später schlug Corona zu.
    Ich kann es also mehr als verstehen dass die Kollegen im Moment abwarten und nicht in größere Anschaffungen investieren. Denn wer auf Peoplefotografie und Hochzeiten spezialisiert ist hat momentan andere Sorgen als sich um eine neue Kamera zu kümmern.

  3. Sehr geehrter Herr Hußmann,

    an und für sich lese Ihre Beiträge ja sehr gerne, doch dieser Beitrag scheint mir übertrieben komprimiert geraten; unter Zeitdruck fabriziert?

    1. Der Untertitel ist zwar tagesjournalistisch Trampel typisch reißerisch provokativ, aber wenn Sie an Ihre wissenschaftliche Zeit zurück denken; trifft er den Inhalt wirklich optimal, wie es sich für einen guten Aufsatz gehört? Gehirnschmalzgesteuerte Menschen kaufen doch ohnehin keine taufrischen Kameras, die selten mehr als unreife Prototypen sind, und heutzutage erst oder mehr und mehr mit dem Gebrauch durch Kunden reifen. Aber keine Technikbranche verkauft wohl besser mit der Eitelkeit der Kunden als der Fotovertrieb, so dass es genügend naive Versuchskaninchen gibt die dennoch Frischlinge kaufen. Bestes Beispiel Nikon mit seiner Z-Serie. Ausgabe II wird mit bombastischem Tam-Tam gelobhudelt, obwohl alles Neue schon in die Erstausgabe hinein gehört hätte und trotzdem fehlen immer noch essentielle Funktionen und Pfiffigkeiten (Pixelshift, den inzwischen alle anspruchsvollen Kameras bieten; interne Staffelfocusverrechnung a la Oly; internes GNSS+Kompass wie bei M1X, Steckblitz Zubehör als Ersatz für fehlenden Einbaublitz wie für OM-D M-1I verfügbar u.a.m.) einer echten Voll-Profikamera mit fotografischen Langzeitambitionen einer grünen Welle, die ohnehin nur Wunschdenken von uneitlen Kunden ist. (Nikon ist hier nur exemplarisch herausgegriffen. Andere Hersteller sind kein Deut besser.)

    2. Ein Bild (auch eine Grafik, selbst Tabelle) sagt bekanntlich mehr als tausend Worte! Warum wird der 2. Teil Ihrer Ausführungen nicht durch weitere Grafiken, zumindest aber Tabellen illustriert?

    3. Ihr Dudenbeitrag hat deutlich mehr Tiefgang, aber vielleicht lässt sich vorliegendem Erguss ja auch noch etwas mehr Wasser unterm Kiel verschaffen?
    – Wie sind die „Units“ definiert und differenziert? Wie vertrauenswürdig sind die Zahlen?
    – Ist Europa im Kamerageschäft noch der Nabel der Welt? Wie sehen die Zahlen anderer Regionen aus? ct Fotografie gibt Hilfestellung!
    – Wie wäre es mit einer Hersteller differenzierten Betrachtung? Von welchem Hersteller kaufen wir in Zukunft wirklich keine Kamera mehr?
    — Bleibt es beim Krepieren von Samsung und Olympus? Sind zumindest Panasonic und Pentax – oder in umgekehrter Reihenfolge – von den Verkaufszahlen nicht noch weit überfälliger und nur vom Mutterkonzern gefüttert, um den Kopf über Wasser zu halten?
    — Was bringt Sony die Modellflut wirtschaftlich? – gibt es wirklich für jeden neuen Pup genügend Abnehmer? Oder eifert man schon jetzt Leica nach, um sich in Zukunft mit Nobelkunden in Wohlstandsüberdrussgesellschaften am Leben zu halten?

    – Vielleicht sollte man auch die exorbitanten Preisanstiege der letzten Jahre in seine Kameraklassenverlagerungsdeutungen mit einbeziehen.

    4. Kann man heute wirklich noch eine wirtschaftliche Absatzbetrachtung auf dem Fotomarkt ohne Einbeziehung von Smartphone + & durchführen. In wieweit sind traditionelle Kamerahersteller mit Kameraelementen dieser Branche verknüpft und haben selbst dazu beigetragen ihre früheren Knipsen durch SPs zu ersetzen?

    Ich denke Sie haben das Potenzial uns in einer 2. Runde etwas gründlicher und anschaulicher und damit überzeugender zu informieren, auch wenn es für Ihre angedeuteten Zukunftsprognosen guter Glaubensgaben bedarf, wie bei den vielen Aposteln der aktuellen Klimawandelreligion, wenn auch das Kamerageschäft vielleicht nicht ganz so komplex ist und sich doch noch etwas realitätsnäher vorhersagen lässt, halte ich einen Absatzaufschwung in 2021 nicht für wahrscheinlich.

    Abschließend möchte ich nicht durch eine Produktkaufselbstdarstellung zu weiteren nichtssagenden Individualpossen beitragen, aber vielleicht haben Sie eine Idee eine repräsentative Masse zu aussagefähigen Zahlenerhebungen zzgl. Interpretation zusammenzutrommeln? Aber bitte nicht so nichts sagend lächerlich wie die jetzige Umfrage bei Colorfoto + fotocommunity, wobei das Ergebnis von vorn herein dem Unterhaltungswert eines Würfelspiels unter einäugigen Kamerafans entspricht.

    In diesem Zusammenhang eine Anregung für DOCMA: Wie wäre es mit einer aussagefähigen Angabe über Leseraktivitäten wie Klikangaben für jede Lesung oder gar ein Bewertungssystem wie es selbstbewusste und transparente Internetauftritte bieten und Amazon inzwischen verwässert hat?

    Dank im Voraus für Ihre weiteren Beiträge.

    Prodrejo

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