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Sind Meinungsumfragen Meinungsmanipulation?

Suggestivfragen und begrenzte Antwortmöglichkeiten – Doc Baumann hat’s erlebt

Bisher hielt Doc Baumann die Ergebnisse von Meinungsumfragen vorgeblich seriöser Institute für einigermaßen glaubwürdig. Seit er jedoch vor ein paar Tagen selbst von einem Interviewer angerufen wurde und seine Meinung abgefragt wurde, sieht er das weniger positiv, denn etliche Fragen waren nicht wertfrei und beeinflussten durch ihre Formulierung oder Auswahl die Ergebnisse deutlich.

Sind Meinungsumfragen Meinungsmanipulation?
Sind Meinungsumfragen Meinungsmanipulation? Grafik: Doc Baumann

Was würden Sie von einer Frage halten, die so formuliert ist, dass Sie sie mit voller Überzeugung sowohl bejahen wie verneinen könnten? Gibt’s nicht? Also, dann frage ich Sie mal, ob Sie befürchten, bei der nächsten Ziehung der Lottozahlen sechs Richtige zu haben. Na – ja oder nein?

Ähhh … also, ich hoffe das schon, na klar, also: ja … aber ich befürchte es doch nicht, also: nein, ich erhoffe es vielmehr. Ach so! Oder umgekehrt: Freuen Sie sich darauf, sich im nächsten halben Jahr eine Corona-Virus-Infektion einzufangen? Dieselbe Struktur: Man kann das mit hoher Wahrscheinlichkeit erwarten, aber außer Corona-Party-Idiot/innen (also impliziten Eltern- und Großelternmördern) wird sich kaum jemand über diese Aussicht freuen.

Jeder, der seine Muttersprache ein wenig beherrscht, weiß, dass man Fragesätze so nicht aufbauen darf – sofern man die Antwortenden nicht gezielt in eine bestimmte Richtung drängen will. Das nennt man dann Suggestivfragen.

Wenn daher Fragebögen einer Meinungsumfrage solche Sätze enthalten, muss man davon ausgehen, dass das kein Zufall ist. Denn die Leute dort machen ja den ganzen Tag lang nichts anderes, als sich Fragen auszudenken, auf die sie dann von den Befragten Antworten erwarten. Ich bezweifle nach meiner eigenen Erfahrung nun allerdings, ob solche Umfragen für die Gesamtbevölkerung repräsentative Antworten liefern sollen oder solche, die die Absichten ihrer Auftraggeber so gut wie möglich bestätigen.

Die Meinungsumfrage

Was war geschehen? Das Telefon klingelt. In der Leitung ist ein leicht gestresster und gelangweilter Mann, der mir mitteilt, er rufe von Kantar aus an. Ob ich bereit sei, an einer Meinungsumfrage teilzunehmen.

„Kantar“ hatte ich noch nie gehört. So heiße Emnid jetzt. Ach so! Ob er mir zusichern könne, das sei eine echte und seriöse Umfrage, die nicht nach einer Viertelstunde damit endet, dass ich ein Zeitschriftenabonnement abschießen soll, dann könnten wir nämlich auch gleich aufhören. Nein, nein, ganz seriös. Na gut, legen Sie los!

Das Ganze dauerte rund 20 Minuten, schätze ich, und die allermeisten Fragen erschienen mir in der Tat seriös: Von der Einschätzung der Regierungsmaßnahmen zur Corona-Pandemie über meine Wahlpräferenzen, Umweltfragen bis hin zu Fernsehgewohnheiten.

Bei zwei Fragen allerdings protestierte ich. Die erste wurde mir am Ende einer Reihe von Fragen zu Umweltproblemen gestellt und lautete sinngemäß: „Machen Sie sich Sorgen darum, Ihren Lebensstandard aufgrund verschärfter Umweltbestimmungen einschränken zu müssen?“ Nein, sagte ich nach kurzem Überlegen, also ja. Was nun – nein oder ja? Beides, entgegnete ich, nein und ja. Das könne er so nicht ausfüllen. Ich weiß, sagte ich, aber dann dürfe sein Institut nicht so unprofessionelle Fragen formulieren.

Und dann erklärte ich ihm, dass ich durchaus erwarte, meinen Lebensstandard aufgrund verschärfter Umweltbestimmungen einschränken zu müssen – dass ich mir deswegen aber keine Sorgen mache, sondern das völlig richtig, angemessen und notwendig fände. Es handle sich also eigentlich um zwei Fragen: Erstens, ob ich solche Einschränkungen erwarte, und zweitens, ob ich sie gut oder schlecht fände. Die von ihm gestellte Frage jedoch sei nicht neutral, sondern suggestiv. Seinem Erstaunen zufolge war ich wohl der Erste, der das angesprochen hat.

Gar nicht erst zur Wahl stellen

Eine Weile später ärgerte mich nicht darüber, was und wie gefragt wurde, sondern dass diesmal die Vorgabe der Antwortmöglichkeiten zu einem falschen Bild führen musste.

Stellen sie sich eine Wahlumfrage vor, bei der Sie gefragt werden, ob Sie für Bündnis C – Christen für Deutschland, die V-Partei3 – Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, die Familien-Partei Deutschlands oder die Freien Bürger Mitteldeutschland stimmen wollen. Da Sie eigentlich eine andere Partei bevorzugen, antworten Sie jedes Mal mit „sicherlich nicht“. Weiter mit dem nächsten Themenbereich. Halt, Moment mal, die Partei meiner Wahl haben Sie noch gar nicht genannt! Ja, mehr gibt’s leider nicht auf unserer Liste. Aua!

Konkret ging es um etwas anderes, das mit den Parteien diente nur zur Veranschaulichung: Das Thema war Pay-TV. Hab’ ich nicht, brauch’ ich nicht, will ich nicht. Das reichte aber nicht, ich musste trotzdem eine endlose Liste von Anbietern bewerten (kennichnich, kennichnich …) und jedesmal ausdrücklich bestätigen, dass ich den nicht nutze. Dann kamen weitere Fragen dazu, für welche Inhalte ich denn gegebenenfalls bereit sei, zusätzliche Gebühren zu zahlen: Sportsendungen, Fußballübertragungen national, Fußballübertragungen international, Musiksendungen, deutsche Serien, ausländische Serien, Familienserien, Shows, Komödien … Auch diese Liste war lang, ich erinnere mich an die Vorgaben nicht mehr genau, aber schnell abgearbeitet: nee, nee, nee, nee … Weiter mit dem nächsten Themenbereich. Halt, Moment mal, die Themen meiner Wahl haben Sie noch gar nicht genannt: Reportagen, Dokumentationen, Wissenschaftssendungen usw. Tut mir leid, mehr gibt’s nicht auf unserer Liste. Aua!

Eine dämliche Suggestivfrage ist schon ärgerlich genug. Wenn Sie also demnächst irgendwo lesen sollten, soundsoviel Prozent der deutschen Bevölkerung würden sich Sorgen darüber machen, ihren Lebensstandard wegen Umweltbestimmungen einschränken zu müssen, dann wissen sie jetzt, dass das Blödsinn ist und allein aus der Art der Fragestellung resultiert.

Und wenn man will, dass die Menschen im Fernsehen lediglich seichte Unterhaltung anschauen, dann lässt man Alterativen einfach weg und muss so nicht befürchten, dass sich jemand dafür entscheidet.

Ich habe diese Kritik übrigens umgehend an das Befragungsinstitut gemailt, darauf aber keine Antwort erhalten. Mein Vertrauen in die Aussagekraft solcher Meinungsumfragen hat nach dieser Erfahrung jedenfalls deutlich nachgelassen.

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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7 Kommentare

    1. Um sprachliche Ungenauigkeiten ging es mir eigentlich weniger – zumal die meist auf Unwissen oder Schlampigkeit beruhen. Hier gehe ich aber davon aus, dass die kritisierte Frage absichtlich so gestellt wurde, um ein bestimmtes Umfrageergebnis zu erzielen. Wer tagtäglich professionell damit zu tun hat, verständliche Fragen zu formulieren, dem oder der rutscht es nicht einfach mal so durch, eine Erwartungsfrage mit einer Sorge über das potenziell Erwartete zu formulieren. Dann hätte man ja auch fragen können: “Freuen Sie sich über diese Einschränkungen?”

  1. Das kommt mir bekannt vor, lieber Doc Baumann.
    Man hilft ja eigentlich gerne, wenn es der Wissenschaft dient, oder -wie oft zu lesen- der “Verbesserung des Kundenservice”.
    Nach der ersten ungenauen und daher nicht klar zu beantwortenden Frage (meist folgen noch weitere dieser Art),
    beende ich die Umfrage, weil es mich ärgert.
    In Zukunft werde ich dann aber wohl Ihrem Beispiel folgen und den Meinungsforscher bzw. die Meinungsforscherin auf besagte Unzulänglichkeiten hinweisen. Man hilft ja gerne.

  2. Genau so etwas ähnliches, lieber Doc Baumann,
    ist mir vor einigen Jahren schon passiert:
    Ein Interviewer rief an (habe vergessen, von welchem Institut) und nach einigen harmlosen und belanglosen Fragen wurde ich gebeten, die folgenden Fragen nur mit JA oder NEIN zu beantworten.
    Das ging aber nicht lange gut, denn, um ein Beispiel zu konstruieren, was antwortet man denn auf eine Frage der Art

    “Verprügeln Sie Ihre Frau immer noch?” JA oder NEIN? Weder-noch ist nicht möglich…

    Mein Verdacht: Diese “Forschungen” sind alles andere als unabhängig!
    Wer den ganzen Aufwand zahlt, bestimmt schon im Voraus, was für Ergebnisse gefälligst herauszukommen haben.
    Mal eine Frage in die Runde:
    Was haltet Ihr denn von solchen Online-Umfragen wie “Civey”?
    Ich weiß, dass deren Methode, ausschließlich Befragungen durchzuführen, wo sich die Befragten freiwillig melden, von der “Wissenschaft” heftig kritisiert werden-Freiwillige verhalten sich grundlegend anders als “Überrumpelte”, so wir das Doc und mir passierte, daher seien die Ergebnisse nicht repräsentativ usw…
    Ich sehe darin eher eine Stärke: Wer gezielt angerufen oder aufgesucht wird, der fühlt sich alleine schon dadurch verpflichtet, in gewissem Sinne zu antworten-wurde also schon im Vorfeld manipuliert und ist daher empfänglicher für Suggestivfragen oder auch Fragen, die man objektiv betrachtet gar nicht beantworten kann.

    1. P.S.:
      Wer Tippfehler findet, darf sie gerne behalten-und Leute wie Doc Baumann und ich, denen also irgendwann der Kragen platzte während der “Befragung”, tragen jetzt einen Reiter in ihrer virtuellen Karteikarte: “Renitenter Zeitgenosse, Hirn vorhanden, daher schwer manipulierbar, gefährlich!”

  3. Emnid hat sich mehrfach nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Beispielsweise in einer Umfrage des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und TNS emnid für die INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft). Wer die INSM kennt, verdreht jetzt wahrscheinlich schon die Augen. Gewünscht wurde natürlich keine Umfrage, sondern es diente der “Legitimierung” von Stichwort-geben für eine Pressekampagne zu Zwecken der INSM Lobbyarbeit. Das ganze so präsentiert, als wäre es wissenschaftlich oder neutral. Schmierblätter wie die BILD haben dann die Aufgabe, damit ihre Leser zu manipulieren.

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