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Lehren, lernen, nachplappern …

Ein Lehrer/Lehrender lehrt nicht nur, sondern lernt auch ständig dazu: Nicht zuletzt von seinen Schülern und durch seine Schüler und deren Probleme beziehungsweise Fragen. So sollte es jedenfalls sein, wenn man nicht einfach Schulbuchwissen und hier und da Aufgeschnapptes immer wieder vor- und nachplappern will.

Nomad_Soul - Fotolia

Nomad_Soul – Fotolia

Das gilt natürlich nicht nur in der Schule. Dasselbe habe ich an der Universität, im Kampfsportunterricht und eben auch in der Vermittlung von Fotografie- und Bildbearbeitungsfertigkeiten schon immer so empfunden. Nur um immer wieder festzustellen, dass viele Lehrende genau damit ein Problem haben. Denn das „Schulbuchwissen“ wird nur selten in Frage gestellt und allzu gern nur nachgeplappert und immer weitergetragen.

Ein Kampf gegen Windmühlen beziehungsweise gegen Elefanten … Also: Wenn Quatsch verkauft wird, ist das schlicht und ergreifend ein Kick in die Fresse des noch unwissenden (Tutorial-)Käufers. Vieles, was auf Anfänger extrem cool, lässig oder extrem fortgeschritten wirkt, ist letztendlich sehr oft unnötig umständlicher altbackener Unfug. Klingt hart, ist aber so. 😉

Ich für meinen Teil versuche (zumindest), genau DAS in meinen Artikeln in der DOCMA zu vermeiden – und den Weizen von der Spreu zu trennen. Sollte ich daran scheitern – BITTE! – lassen Sie es mich wissen!

Plapper-Beispiele?

An der Uni – ich bin diplomierter Humanbiologe – bekam ich in manchen Vorlesungen noch Wissen vermittelt, das aus alten Lehrbüchern stammte, die durch neuere Forschungsergebnisse längst als falsch widerlegt worden oder weit komplexer waren, als sich die Scholastiker das erträumt hatten. Realitätsfern.

uni_hd-vortrag

Im Kampfsport – ich hatte >15 Jahre verschiedene Wing Tsun/Wing Chun-Stile trainiert, aber dabei immer wieder gern über den Tellerrand trainiert/geschaut – gab es auf kritische Einwände für bestimmte Konzepte von vielen Lehrern (Sifus) immer nur entweder theoretisch/unrealistische Zeitlupen-Antworten mit – in Echtzeit übersetzt – plötzlich einsetzenden Überlichtgeschwindigkeiten oder das konkrete Problem wurde einfach ignoriert. Die theoretische Überlegenheit löst sich in der Praxis also gern mal in Luft auf. Realitätsfern.

Kampfsport

Kampfsport. Ich: links … Annodazumals. Minipixel statt Megapixel-Fotos. 😉

In der Bildbearbeitung – mit der ich mich mittlerweile auch seit über 10 Jahren beschäftige – ist das nicht anders.

Da wird Ihnen etwa in Tutorials eine super-duper Schärfungstechnik für Fortgeschrittene präsentiert, die aber total unnötig ist, weil der „Unscharf maskieren“-Filter EXAKT dasselbe macht. Die „Schärfungstechnik“ stammte im Beispiel aus dem mitunter nervig-langatmigen, aber trotz alledem wirklich sehr empfehlenswerten Buch „Farbkorrektur“ von Dan Margulis, in dem dieser mit exakt den Einzelschritten nur erklären wollte, wie „Unscharf maskieren“ an sich funktioniert. Jawoll – toll!
Aber diese Erläuterung als Super-Duper-Freaky-Amazing-Bla-Bla an „Dumme“ weiterzuverkaufen? Nun ja … das ist nicht nur realitätsfern, sondern veräppelt den Lernenden, indem ihm unnötig umständlicher Kram als der Weisheit letzter Schluss vermittelt – oder gar verkauft – wird.

Der „Lehrer“ weiß es oft nicht besser, so dass man ihm keinen Vorwurf machen kann – außer, sich nicht richtig/weiter/umfassender informiert zu haben. Das kann man von einem Wissensvermittler erwarten, oder?

Fotografie-Seminare

Der Anlass dieses Blog-Beitrages ist die Mail unseres Lesers G.R. an mich, der in verschiedenen Fotoworkshops völlig widersprüchliche „Fakten“ vermittelt bekommen hatte und um Aufklärung bat:

„In letzter Zeit habe ich mehrere Fotoworkshops besucht und zwischen den Leitern dieser Workshops unterschiedliche Aussagen, ja sogar konträre Aussagen aufgenommen.“

Und was sollte ich darauf anderes antworten als „Ja, es kursiert echt viel Unsinn … ;-)“? Ohne jetzt auf jede Frage und jedes Detail hier erschöpfend einzugehen, nur ein paar Beispiele:

1. Farbräume in der Kamera und dem Workflow:

Aussage des Leiters Nr. 1:

In der Kamera nur sRGB als Farbraum auswählen (und dieser wirkt sowieso nur auf die jpeg nicht auf die RAW-Datein). Workflow in LR und PS nur in sRGB nicht in AdobeRGB, egal ob am Ende ein Ausdruck oder eine Bildschirmanzeige. Der Monitor des iMAC kalibriert reicht vollkommen aus, es braucht keinen Monitor, welcher 100% Adobe RGB darstellen kann. Der grössere AbobeRGB Farbraum wirkt nur auf Grün- und Cyantöne und ist bei Portrait und Aktshootings irrelevant.

Aussage des Leiters Nr. 2:

Total das Gegenteil. Und das dadurch die Tonwertabstufungen besser sichtbar sind und das Foto wird, wenn es am Schluss als sRGB für die Bildschirmwiedergabe ausgegeben wird, besser sein als wenn man den reinen sRGB Workflow geht.

Hier eine Auswahl meiner Antworten – vielleicht helfen die auch Ihnen weiter:

Farbraum an der Kamera: Spielt nur für JPEG eine Rolle.

In Lightroom: Da gibt es keinen sRGB-Workflow, weil Lightroom intern mit Melissa RGB arbeitet. Erst beim Export oder durch einen Softproof kann der Farbumfang beschnitten werden.

Photoshop: Ob man in sRGB, Adobe RGB oder Pro Photo arbeitet, ist eine Frage des eigenen (oder des Kunden) Qualitätsanspruchs und dem Umfang der beabsichtigten Änderungen. Was vielen nicht klar ist: Man hat in allen Farbräumen bei einer bestimmten Bittiefe in allen drei Farbräumen nicht MEHR sondern nur ANDERE Farben, die aber eben in bestimmten Bereichen gesättigter sein können. Siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Color_space#/media/File:Colorspace.png Das spielt beim Druck eine Rolle, da viele Drucker in Teilbereichen auch Adobe RGB übersteigen. Will man das Potential des Druckers ausnutzen, darf man schlicht nicht in sRGB arbeiten.

Tonwertabstufungen: Die haben mit dem Farbraum zunächst nix zu tun, sondern nur mit der Farbtiefe (8 Bit vs. 16 Bit). Bei niedriger Bittiefe kann es mit den größeren Farbräumen zu Tonwertabrissen kommen, weshalb es da im Grunde Pflicht ist, in 16 Bit zu arbeiten. Dass die Tonwertabstufungen besser sichtbar sein sollen, mit aRGB an der Kamera, ist schlicht Unsinn. Ich kenne keine Kamera, die direkt das Raw in 16 Bit anzeigt und dabei einen aRGB-abdeckenden Monitor hat. Und bei Tethered Shoot direkt in den Rechner ergibt das auch keinen Sinn, weil dort die Software das Raw wiederum neu intepretiert.

Da ich persönlich soweit wie möglich in Camera Raw beziehungsweise Lightroom optimiere (und dann in Photoshop nicht mehr viel verändere), keine Highend-Prints anfertigen lasse, mir das Bild wichtiger als die Technik ist, reichen mir in Photoshop in der Regel 8 Bit und sRGB. Aber sinnlos sind die größeren Farbräume und 16 Bit deshalb noch lange nicht.

2. RAW

Aussage des Leiters Nr. 1:

Die Kamerahersteller übernehmen 100% die aufgenommen Daten und geben diese zu 100% unbearbeitet, ungeschönt etc. in den RAW-Datein aus.

Aussage des Leiters Nr. 2:

Total das Gegenteil.

Leiter 2 hat Recht: https://de.wikipedia.org/wiki/Rohdatenformat_(Fotografie)#Kameraseitig_vorbearbeitete_Rohdaten

3. Schärfung:

Aussage des Leiters Nr. 1:

Eine Schärfung der Daten im Raw-Konverter etc. ist nicht nötig.
Aussage des Leiters Nr. 2:

Eine Schärfung im Raw-Konverter ist nötig, um die Unschärfe des Sensors auszugleichen, am Ende der Bearbeitung erfolgt je nach dem eine Schärfung für den Druck, die Anzeige auf dem Monitor etc.

Das hängt von der verwendeten Kamera, der Sensorgröße und dem Vorhandensein eines Tiefpassfilter sowie dem eigenen Anspruch und Geschmack ab. Manchem gefällt ja unscharfer Pixelmatsch, andere erfreuen sich an völlig überschärften Bildern. 😉

Bei einer Kamera mit Tiefpassfilter (= Unschärfe) sehe ich für meine Zwecke eine Vorschärfung als unverzichtbar an. Ob man die nun im Raw-Konverter oder hinterher in Photoshop oder einem Plug-in macht, ist dabei unerheblich.

 

Allgemeine Frage zum Verkleinern von Fotos für die Bildschirmpräsentation:

Welche Grösse und Auflösung wählt man in optimaler Weise und wie verkleinert man das Bild richtig? Geht man von 300 auf 72 dpi zurück? Oder verringert man nur die Grösse?

Auflösung: Spielt überhaupt keine Rolle im Web! Siehe http://www.docma.info/blog/ich-speichere-meine-webbilder-mit-72-dpi/
Größe in Pixeln: Hängt vom Verwendungszweck, also der Webplattform und den Zielgeräten (optimiert für Retina-Displays?) ab.
Über die richtige Verkleinerung hab ich schon lange Videos aufgezeichnet und zum Beispiel in DOCMA 57 darüber geschrieben … In der Regel reicht Bikubisch verkleinern plus kräftig mit möglichst kleinem Radius nachschärfen aus. Das kann man alles noch mit Kantenmasken oder den Umweg über 32 Bit verbessern, aber in der Regel ist das alles Overkill, bei dem später nur nur wenige überhaupt einen Unterschied sehen. Im Zweifel einfach Skripte wie http://andreasresch.at/2013/04/07/web-sharpener-mehr-scharfe-furs-web/ oder ein Panel wie zum Beispiel http://pixelsucht.net/sharpen4webcc/ holen.

Über die hier angesprochenen Themen könnte ich mehrere DOCMA-Hefte oder Bücher schreiben. Aber vielleicht helfen Ihnen diese Brocken schon direkt auf die Sprünge.

Frohes Photoshoppen, einen frohen 4. Advent und Frohe Weihnacht, falls wir vorher nicht mehr voneinander lesen! 😉

Olaf Giermann

Olaf Giermann

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