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Keine Insekten auf der Autoscheibe

Keine Insekten auf der Autoscheibe

Keine Insekten auf der Autoscheibe / Fotos und Montage: Doc Baumann

 Heute wird sich Doc Baumann kurz fassen – und es geht mal wieder nur am Rande um Bildbearbeitung. Es geht um Insekten, genauer: um keine Insekten. Vor ein paar Jahren noch war nach jeder längeren Autofahrt die Frontscheibe des Autos voller toter und vom Scheibenwischer verschmierter Fliegen, Wespen, Falter und Käfer. Und heute? Nichts mehr! Wo sind sie geblieben?


Zugegeben – so ganz ohne Photoshop kommt auch dieser Beitrag nicht aus. Das betrifft allerdings nicht den Text, sondern die Abbildung dazu. Alles Montage: Meine Hände am Lenkrad, die Position der Zeiger auf dem Armaturenbrett, die Autobahn vor dem Kühler – und natürlich die zerplatzten und verschmierten Viecher auf der Scheibe (kleiner Tipp: Weichzeichnungsfilter radialer Weichzeichner).


Aber wo sind die Insekte geblieben? Früher musste ich nach jeder längeren Fahrt mit dem harten Schwamm ran und die traurigen Reste vom Glas scheuern – heute kaum noch dann, wenn ich mal tanke.

Ich habe im Web nachgeschaut. Da gibt es etliche Erklärungsversuche:

Erstens: Es gibt keine Insekten auf der Autoscheibe mehr, weil die Autos inzwischen aerodynamisch günstiger gebaut werden. Hmm, mag schon sein, im Durchschnitt betrachtet – aber ich fahre seit 19 Jahren dasselbe Auto, und dessen Aerodynamik hat sich in dieser Zeit wenig verändert.

Zweiter Grund, warum heutzutage keine Insekten auf der Autoscheibe zu finden sind: Die Menge zerquetschter Insekten steigt mit zunehmender Geschwindigkeit des Wagens. Ja, kann auch sein –  ich fahre heute etwas langsamer als in der Zeit, als die Scheibe noch voll war.

Vielleicht aber habe ich, drittens, deswegen keine Insekten auf der Autoscheibe, weil ihre natürlichen Feinde, die Vögel, überhand genommen haben? Allerdings widerspricht das sowohl meinem eigenen Eindruck, dass nämlich auch die Zahl der Vögel rapide zurückgeht, als auch den Zählungen von Vogelkundlern in vielen Regionen, die zum selben Ergebnis kommen.

Nun fällt mir der Mangel an Insekten allerdings nicht nur auf, weil ich meine Frontscheibe kaum noch putzen muss, sondern auch beim Spazierengehen und im Garten. Ich habe in diesem Jahr noch keine Biene gesehen (und ich wohne in relativ ländlicher Umgebung), kaum mal einen Schmetterling, ein, zwei Hummeln, keine Libelle. Das Wespennest unterm Dach hege und pflege ich, damit wenigstens die noch bleiben.

So ganz subjektiv scheinen meine Beobachtungen nicht zu sein. Bereits vor einem Jahr berichtete etwa die FAZ: „Während man 1995 noch durchschnittlich 1,6 Kilogramm Biomasse aus jeder Untersuchungsfalle gesammelt habe, sei man heute froh, wenn es 300 Gramm seien, sagt Josef Tumbrinck, Landesvorsitzender des Nabu Nordrhein-Westfalen. Der Rückgang von bis zu 80 Prozent umfasse auch Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen. Für ganze Artengruppen bezeichnet Martin Sorg vom Entomologischen Verein die Rückgänge als „drastisch und deprimierend“.“

Man kann es natürlich so sehen wie beim Klimawandel: Der hat ja auch nicht ausschließlich negative Folgen. Während ein paar Milliarden Erdenbürger unter zunehmender Hitze und steigendem Meeresspiegel zu leiden haben werden, wird es für ein paar Millionen angenehmer und sie können Wein anpflanzen, wo bisher keiner wuchs. Ist ja auch schon etwas! (Mist, Fake News – hatte ganz vergessen, dass der Klimawandel ja eine Erfindung der Chinesen ist, um die US-Wirtschaft zu zerstören. I’m so sorry, Mr. President!)

Ich muss nun also meine Frontscheine viel seltener säubern, was durchaus angenehm ist.

Irgendwie drängt sich mir der Gedanke auf, das könne doch was mit den Chemie- und Agrar-Konzernen zu tun haben. Mit Pflanzengiften und Monokulturen. Lieber zum Quartals- und Jahresende ein fettes Plus auf dem Firmenkonto und Ausschüttungen an die Aktionäre, als sich sinnlos die Köpfe darüber zu zerbrechen, wie die Lebensbedingungen in ein paar Jahren aussehen werden.

Nein, das ist jetzt unfair, man hat ja auch hohe Kosten. Die EU-Kommission will zum Beispiel Glyphosat zehn weitere Jahre lang zulassen – das gibt’s schließlich nicht umsonst. Vielleicht haben Bayer, Monsanto und Co. ja schon Pläne in den Schubladen, wie in ein paar Jahren ohne fleißige Insekten die Pflanzen bestäubt werden sollen, ohne die wir sonst verhungern. Notfalls haben wir ja noch die Flüchtlinge – wenn man die mit Pinselchen in der Hand auf die Äcker und Plantagen schickt, kann Europa für Bestäubungszwecke sogar noch viel mehr von ihnen brauchen.

  1. augenblickpunkt.de

    ist doch klar: weil die computerisierung und automatisierung uns unserer arbeitsplätze beraubt, gehen wir dann aufs feld und bestäuben die blüten manuell, mit feinen pinseln bewaffnet. wird doch in den bevölkerungsreichen ländern schon geprobt.
    aber wir könnten dafür auch chinesen importieren. die sind sowieso im vorteil, weil sie niedriger gewachsen sind, müssen sie sich nicht so tief bücken, beim bestäuben…

  2. Sonnemeyer

    Zum Teil ist sicher die besser Aerodynamik der Autos ein Grund für die sauberere Frontscheibe. Ohne Zweifel hat aber die Anzahl Insekten abgenommen. Gründe: Insektizide, Lichtverschmutzung, Fahrzeugverkehr, Sauberkeit im Umgang mut Lebensmitteln und Abfällen, andere Mähmethoden (Rotationsschneider, häufiges Mähen). Früher gab es in fast jeder Wohnung Maßnahmen zur Fliegenbekämpfung, dass ist heute nicht mehr nötig.
    Ganz so schlimm sind meine Beobachtungen aber nicht, der Garten summt, es ist wirklich ein stetiges Grundgeräusch. Viele Hummeln, Wildbienen, Wespen. Viele Schmetterlinge verschiedener Arten. Mein Garten ist ein gutes Fotorevier. Gestern und heute noch: Kleiner Feuerfalter, Kohlweißling, Hauhechelbläuling, Waldbrettspiel, Zitronenfalter, Admiral, das waren keine Ausnahmetage.
    Man kann etwas für die Insekten tun: Totholzpfähle, „Insektenhotels“, Obstbäume, Fallobst zum teil liegen lassen, Wiese statt Rasen, nur 1-2 mal im Jahr mähen, optimal mit der Sense.

  3. aquorange

    Könnte doch auch sein, dass die Insekten einfach intelligenter geworden sind und die Wirkunsstätten der Menschen stärker meiden als früher 😉

  4. olivermengedoht

    Die vorletzte längere Autofahrt über gut 400km (17. oder 18.5. war das glaube ich) erforderte eine dreimalige, gründliche Reinigung, der Frontscheibe. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich derart viele Insekten auf der Scheibe, nicht einmal annähernd. Und ich habe jeweils angehalten, um die Scheibe zu säubern, weil ich wirklich zu wenig sah – das habe ich noch nie machen müssen, sondern eher nebenbei erledigt.
    Ansonsten sind es eher weniger geworden, der Beobachtung stimme ich zu…

    Cheers, Ollie

  5. gerke

    in diesem Zusammenhang auch lesenswert:

    «Es hat wie Regen gegen die Windschutzscheibe geklatscht» Einst galt es, ganze Wolken zu durchfahren. Seither ist die Zahl der Insekten markant zurückgegangen. Eine Spurensuche.

    https://www.srf.ch/news/p/es-hat-wie-regen-gegen-die-windschutzscheibe-geklatscht?ns_source=srf_app

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