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Ausmisten: Was tun mit den Festplatten?

Was tun mit alten Festplatten, die sich über die Jahre angesammelt haben? Ich stehe gerade vor einem Stapel von zehn Festplatten aus 25 Jahren, für die ich eine sichere Endlagerstätte finden muss.

Mit der Aufräum-Queen Marie Kondō habe ich wenig gemein. Wenn es darum geht, ein Mindestmaß an Ordnung und Platz zu schaffen, gehe ich nicht nach ihrer Konmari-Methode vor; vielmehr packt mich eher anfallsweise die Aufräum- und Wegwerfwut, meist aus einem besonderen Anlass.

Vor ein paar Wochen gab es hier einen Starkregen, der in Hamburg zwar keine Flutkatastrophe wie jüngst im Westen der Republik auslöste, aber der Wolkenbruch reichte, um den Keller mehrere Zentimeter unter Wasser zu setzen. Da wurde so einiges, das Wasser schlecht vertrug, nass. Und das Abpumpen scheiterte an einigen Stellen daran, dass die Kellerräume vollgestellt waren und irgendetwas im Wege stand. Also beschlossen wir, einmal gründlich auszumisten und all das Zeugs zur nächsten Sammelstelle zu fahren, das sich im Laufe von Generationen angesammelt hatte und das nach Channeling unserer inneren Marie Kondō („Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?“) niemand mehr haben wollte. Um einen ungefähren Eindruck zu vermitteln: Der für den Abtransport gemietete Anhänger wurde dreimal bis unter das Dach voll.

Ausmisten: Was tun mit den Festplatten?
Eine Auswahl ausgemusterter Festplatten, die ich beim Aufräumen fand.

Nachdem wir mit dem Keller fertig waren, schaute ich mich mit dem nunmehr für Wegwerfentscheidungen kalibrierten Blick im oberen Stockwerk um, und stieß da und dort auf Horte alter Festplatten. Wie es so ist: Man ersetzt eine alte, schadhafte oder zu klein gewordene Platte durch eine Neue, aber wirft die Alte nicht gleich weg, weil man ja vielleicht etwas zu kopieren vergessen hat oder man hofft, dass sich später noch etwas von einer defekten Platte retten ließe. Auf diesem Wege hatten sich bei mir insgesamt zehn Platten angesammelt, überwiegend im 3,5-Zoll- und teilweise im 2,5-Zoll-Formfaktor. Eine Platte besaß noch eine SCSI-Schnittstelle und stammte wohl aus einem Macintosh der 90er Jahre, die übrigen verschiedene Varianten von IDE. Leider hatte ich versäumt, Zettel mit einem Hinweis auf Ursprung und Inhalt der Platten (und einen Hinweis auf mögliche Defekte) darauf zu kleben, aber die Schnittstellen (SCSI, ATA, SATA …) und Kapazitäten erlaubten zumindest eine ungefähre Zuordnung.

Was damit anfangen? Selbst noch funktionsfähige Festplatten ließen sich heute nicht mehr sinnvoll nutzen. Abgesehen davon, dass es ihr vorgerücktes Dienstalter nicht mehr ratsam erscheinen lässt, ihnen Daten anzuvertrauen, sprechen ihre Kapazitäten dagegen. Mein erster Mac hatte eine 40-MB-Platte (40 Megabyte, nicht Gigabyte) und ein Jahrzehnt später fragte ich mich, wie ich eine neue 9-GB-Platte jemals voll bekommen würde, aber heutzutage bietet jeder billige USB-Stick mehr. Also weg damit. Das wäre eigentlich kein Problem, denn auf dem Weg zum Bäcker komme ich regelmäßig an einem Sammelcontainer für Elektronikschrott vorbei, den ich schon öfter mit in die Jahre gekommenen elektronischen Gadgets gefüttert habe, aber bei Speichermedien wäre das leichtsinnig – deren Inhalt ist ja sensibel.

Zumindest einige der Platten enthalten beispielsweise meine Korrespondenz aus der damaligen Zeit, und damit schützenswerte Daten. Nun erscheint es vielleicht seltsam, sich über die eher theoretische Gefahr von Datenräubern auf Müllhalden Sorgen zu machen, während wir doch in den sozialen Netzen meist recht freigiebig mit Privatem umgehen, aber dennoch sollte man hier kein Risiko eingehen. Die Daten müssen also vor der Entsorgung der Platten gelöscht werden.

Vor ein paar Jahren hatte ich mir einen IDE-Adapter gekauft, in den man Platten mit IDE-Interface nur einzustecken braucht, um über eine (eher langsame) USB-Schnittstelle darauf zuzugreifen; ich musste also nicht erst nach alten externen Plattengehäusen mit passendem Interface suchen. Dass weder normales Löschen noch eine Neuformatierung reicht, dürfte heutzutage zum Allgemeinwissen gehören, denn dabei werden nur die Einträge der Dateien im Dateisystem gelöscht; ihr Inhalt dagegen bleibt erhalten. Es ist so, als wären in einer Bibliothek alten Stils die Karteikarten aller Bücher verbrannt: Zwar fiele es schwerer, ein bestimmtes Buch zu finden, aber da die Bücher weiterhin in den Regalen stünden, könnte man sie immer noch lesen. Gerade wenn es um Bilddateien im JPEG-, TIFF- oder Raw-Format geht, die alle einen recht regelhaften Aufbau haben, ist eine Wiederherstellung recht einfach – wie jeder weiß, der mal gelöschte Bilder mit einer darauf spezialisierten Software zu retten versucht hat. Oft tauchen dabei noch Bilder auf, an die man sich gar nicht mehr erinnert (oder erinnern will – ich könnte da Geschichten erzählen …). Bei Texten kommt es nicht einmal darauf an, ob man beispielsweise ein Word-Dokument exakt wiederherstellen kann, denn schon einzelne unverschlüsselte Textblöcke lassen sich nach sensiblen Informationen durchsuchen.

(Bis vor rund 20 Jahren war es so, dass Microsoft Office immer dann, wenn ein Dokument wuchs und beim Betriebssystem dafür ein weiterer freier Speicherblock auf der Festplatte angefordert werden musste, diesen Block nicht vorher löschte. Oft enthielten solche Blöcke den Inhalt irgendwelcher alter, längst gelöschter Dateien, und daher war es früher ein beliebtes Spielchen, zugeschickte PowerPoint-Präsentationen oder Excel-Spreadsheets mit einem Hex-Editor zu öffnen und sich den Block am Ende der Datei anzuschauen – nicht selten konnte man dann Fragmente von Texten lesen, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren.)

Wenn man Daten wirklich löschen will, muss man sie überschreiben – jedes einzelne Byte einer Festplatte. Es heißt, dass sich der ursprüngliche Inhalt nach dem Überschreiben mit dem immer gleichen Code (wie einem Null-Byte) immer noch rekonstruieren ließe, wenn man die verbliebene Stärke der Magnetisierung der Platte an dieser Stelle sehr präzise misst, aber das ließe sich durch Überschreiben mit Zufallswerten vereiteln. Obwohl manche glauben, dass erst mehrmaliges Überschreiben Sicherheit verschafft, dürfte das in der Praxis unnötig sein. Vor Jahren hatte das Magazin c’t mal die Probe aufs Exempel gemacht und mehrere Spezialisten mit der Wiederherstellung von Dateien auf einer nur einmal überschriebenen Platte beauftragt – gelungen war es damals keinem, und vermutlich hat sich daran nichts geändert.

Ausmisten: Was tun mit den Festplatten?
Das kann dauern … Das sichere Löschen einer großen Festplatte nimmt Tage in Anspruch, wenn die verwendete Schnittstelle zu langsam ist.

Apples Festplattendienstprogramm, mit dem ich eine der Platten löschen wollte, wählt schon in der untersten Sicherheitsstufe ein zweifaches Überschreiben, und leider hatte ich ohne darüber nachzudenken zu der mit 2 Terabyte Größten der Platten gegriffen. Deren sicheres Löschen dauert nun schon Tage an, wird aber wohl noch in dieser Woche zum Ende kommen.

Wenn es schnell gehen soll, kann man zu mechanischen oder thermischen Lösungen greifen. Ein kräftiges Feuer würde eine Platte vermutlich unlesbar machen, aber wer weiß, was für Chemikaliendämpfe dabei entstünden – und mein alter Kaminofen hat sowieso schon keine gültige Zulassung des Schornsteinfegers mehr. Stattdessen griff ich zum schwersten verfügbaren Hammer, und schon nach wenigen Schlägen auf eine der Platten rasselte es, wenn man sie schüttelte – die magnetisierbaren Scheiben darin waren in kleine Teile zersprungen, und die setzt sicher niemand mehr zusammen.

Nun werde ich mal schauen, welchen Weg ich für die verbliebenen Festplatten wähle …

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

4 Kommentare

  1. Wenn es nicht um SSDs handelt, kann man der Platte auch mit einem ordentlichen Hammer zu Leibe rücken.
    Wer es etwas weniger aggressiv haben möchte, kann man auch n starken Magneten nehmen.
    Der Effekt ist in beiden Fällen der gleiche: Die Platten werden unbrauchbar.

  2. Ich schraube die alten Dinger immer auf.
    Dort drin stecken um die Lagerung der Schreibarme schön große Neodym Magnete, mit denen man
    viele Sachen machen kann.
    Wenn ich schonmal dabei bin, schraube ich die Datenträgerscheiben los und werfe sie in den Hausmüll, der bei uns in der Verbrennung landet.
    Der Rest kommt zum Elektroschrott.
    Grüsse

  3. So mache ich es auch: Alte HDDs aufschrauben und zerkratzen oder zerhämmern… Magnet aufbewahren.

    Zwei schöne Festplatten habe ich aufgeschraubt aufbewahrt, die Technik sieht ja einfach cool und fasziniert aus.

    Glückauf, Ollie

    1. Apropos coole und faszinierende Technik: Ich weiß nicht, ob es immer noch so ist, aber früher hing im Treppenhaus des Rechenzentrums der Universität Hamburg die größte Festplatte der Welt – mit einem Durchmesser von, keine Ahnung, einem Meter oder so. Jedenfalls riesengroß. Das war, wenn ich mich richtig erinnere, eine Entwicklung von Siemens gewesen, die sich aber nicht so richtig bewährt hatte – bei einem so großen Durchmesser war es wohl zu schwierig, die mechanischen Toleranzen und die Stabilität in den Griff zu bekommen. Daher wurde aus der Platte eine Wanddekoration.

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