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Street Art in Zeiten von Corona

Kürzlich erschien ein kleiner Bildband mit 50 Abbildungen von Street Art-Graffiti zum Thema Corona: „Street Art in Zeiten von Corona“. Der Herausgeber Xavier Tapies hat Beispiele aus der ganzen Welt zusammengestellt. Oft sagen diese visuellen Kommentare zur Zeitgeschichte mehr aus als lange Abhandlungen.

Street Art in Zeiten von Corona
„Keep calm and Corona“, von Tyler, Mumbai, Indien

In einem Wandbild von Gieb Kashantov aus Tiflis in Georgien können sich beide Seiten wiedererkennen – jene, die das Virus und seine Gefahren ernst und die sich daraus ergebenden Einschränkungen als hart, aber unumgänglich nehmen, und jene, die das alles für faulen Zauber halten, mit dem die Herrschenden uns knechten wollen. Das Graffito am Eingang einer dunklen Unterführung zeigt eine Hand, die eine Taschenlampe hält; im Lichtkegel ein kleines Virus mit seiner typischen Stachelkontur (hier eher als eine Art Wanze dargestellt) – dahinter als Schattenwurf an der Wand seine riesengroße Projektion.

Vorzug wie Nachteil von bildlichen Darstellungen ist, dass sie uneindeutig sind. Ein Bild lässt sich nicht in eine – und nur eine – klare sprachliche Aussage übersetzen (die dann wahr oder falsch sein kann), sondern in zahllose Aussagen. (Falls Sie das nicht glauben sollten: Zu diesem Bild passt nicht nur meine eingangs genannte Beschreibung, sondern etwa auch: „Dies ist eine linke Hand“ oder „Dies ist nicht das Matterhorn“.)

Und so könnte Kashantovs Bild sowohl bedeuten: Ein winziges Virus hat eine gewaltige Auswirkung, als auch: So ein kleines Vieh wird durch die Berichterstattung der Medien zu einem Riesenmonster hochgespielt (für letztere Interpretation könnte das Band um das Handgelenk des Taschenlampenhalters sprechen, auf dem sich die Buchstaben TV wiederholen).

Sollte das Graffito also eine klare Botschaft transportieren wollen, so ist das offensichtlich misslungen. Ich halte es da lieber mit Banksy, dem derzeit wohl berühmtesten Street Art-Künstler, der kürzlich in einem Video unmissverständlich erklärte: „Wenn du keine Maske trägst, kapierst du es nicht.“ Natürlich war er dabei selbst in doppelter Funktion maskiert, denn wer er ist, ist bis heute nicht wirklich geklärt.

Schade, dass ausgerechnet er nicht in diesem Buch vertreten ist, etwa mit seinem Werk aus der Londoner U-Bahn, in dem unter anderem eine Ratte an einem Mundschutz als Fallschirm zu Boden schwebt, während eine andere, ungeschützt, gegen eine Fensterscheibe niest und so sichtbar großflächig ihr Aerosol verbreitet.

Street Art in Zeiten von Corona: Helden und Heldinnen

Andere Bilder sind da eindeutiger in ihrer Aussage, etwa „Super Nurse“ von Fake aus Amsterdam. Hier gibt es kein großes Rumdeuten – es sei denn, man wolle das auf die Maske gedruckte Superman-Logo als ironischen Kommentar verstehen. Eine gewisse Ironie ist hier aber sicherlich im Spiel, indem die Propaganda-Funktion von Helden- und Heldinnen-Darstellungen etwa des sozialistischen Realismus mit einem Comic-Logo kombiniert wird. Das Buch zeigt mehrere solcher Varianten.

Street Art in Zeiten von Corona
„Super Nurse“ von Fake, Amsterdam, Niederlande

Die Graffiti interpretieren die Pandemie bei aller Angst vor den Folgen mitunter durchaus (schwarz-)humorvoll oder optimistisch: Swed Oners „Child of Desitiny“ etwa (aus Uzes in Frankreich) zeigt ein kleines Mädchen, auf dessen Mundschutz „Hope“ zu lesen ist; Nils Westergards „No Glove, no Love“ zeigt eine Hand im blauen Schutzhandschuh, die  Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen ausstreckt.

Und dass man bei aller angebrachten Vorsicht nicht in Panik ausbrechen sollte, signalisiert Tylers eingangs gezeigter „Keep Calm“-Buddha aus dem indischen Mumbai.

Street Art in Zeiten von Corona: Klein und gleichförmig

Es ist lohnend und macht Spaß, sich diese 50 Beispiele in Ruhe anzuschauen, und sie gesammelt zu präsentieren, ist durchaus ein Verdienst des Herausgebers Xavier Tapies. Dennoch kann ich mir ein paar kritische Anmerkungen nicht verkneifen:

Da ist zum einen sein Vorwort, das mit den großspurigen – und empirisch wohl kaum abgesicherten – Worten beginnt: „Von allen Kunstformen war einzig die Street Art in der Lage, die außergewöhnliche Zeit widerzuspiegeln, als das Virus Corvid-19 im Jahr 2020 durch die Welt fegte.“ Geht’s auch ’ne Nummer kleiner? Und Sätze wie die folgenden zeugen auch nicht unbedingt von tiefem politischem Durchblick oder auch nur gesundem Menschenverstand: „Manche entschieden, der ‚Wissenschaft zu folgen‘, obwohl die Wissenschaftler ganz unterschiedlicher Meinung waren. Volkswirtschaften wurden über Nacht zum Einsturz gebracht und überlebten nur mit Falschgeld.“ Bei allen Fehlern, die gemacht wurden – sicherlich nicht wenige – war es der einzig vernünftige Weg, „der Wissenschaft zu folgen“, und dass Wissenschaftler am Anfang eines neu auftretenden Phänomens in Details zunächst unterschiedlicher Meinung sind, ist der normale Gang der Dinge. Je mehr man wusste, um so gleichartiger wurden die Einschätzungen. Und viele Künstler verdanken ihr wirtschaftliches Überleben eben jenem „Falschgeld“.

Ob der Buchtitel eine zufällige oder beabsichtigte Ähnlichkeit zu dem des Romans „Liebe in Zeiten der Colera“ von Gabriel García Márquez aufweist, geht aus dem Vorwort übrigens nicht hervor.

Street Art in Zeiten von Corona
„Cheers”“von Gnasher, Royston, Großbritannien

Zum anderen ist da das Format der Bilder, die angesichts der Größe des Buches von nur 12 × 17 cm mitunter doch sehr klein geraten sind. Klar, bei einem DIN A4-Bildband würde man mehr erkennen, aber der wäre dann eben auch teurer als 15 Euro. Selbst ausgeprägte Querformate stehen allein auf ihrer Seite mit viel leerem Platz ringsum; typografisch ziemlich eintönig befindet sich jeweils auf der linken Seite ein fett umrahmter Kasten mit Bildtitel, Künstlername, einem knappen Kommentar, dem Ort sowie einer nur mit Lupe entzifferbaren deutschen Übersetzung des Titels. Mit mehr gestalterischer Flexibilität hätte man Querformate auch über Doppelseiten zeigen können – aber ich gebe gern zu, dass durch den Bund laufende Abbildungen auch nicht das Wahre sind.

(Was die Inhalte der Textkästen betrifft, so habe ich übrigens nichts von dem finden können, was ein Amazon-Leserkommentar behauptet: „Schön ist es auch, dass es zu jedem Bild ein kurzes Statement des jeweiligen Künstlers gibt.“ Gibt’s nicht. Recht hat er freilich mit: „Daher wäre hier und da eine kleine Hintergrund-Story sehr passend gewesen.“ Stimmt zwar, aber da sollte man berücksichtigen, dass das bei einer – sicherlich auch unter Zeitdruck entstandenen – weltweiten Auswahl sehr viel leichter gefordert als umgesetzt ist.)

Fazit: Eine lohnende, wenn auch nicht rundum zufriedenstellende Sammlung von Street Art-Bildern zum Thema Corona.

Halten wir’s mit den optimistischen Graffiti und der Hoffnung, dass im neuen Jahr 2021 dank Abstandhalten, Mundschutz, Kontaktbeschränkungen, Disziplin und vor allem Impfungen langsam eine Rückkehr zum gewohnten Leben wieder möglich sein wird. In diesem Sinne wünsche ich – und mit mir das ganze DOCMA-Team – Ihnen ein gutes, erfolgreiches und vor allem gesundes Jahr 2021.

Xavier Tapies (Herausgeber): Street Art in Zeiten von Corona, Midas Verlag 2020, 127 Seiten, gebunden, Hardcover, 16,00 Euro

Cover mit „Lovers“ von Pobel, Bryne, Norwegen
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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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