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Ein unheimliches Buch

Ein unheimliches Buch

Ein unheimliches Buch / Foto Hund: Ruth Marcus / Foto Buch und Montage: Doc Baumann

Unheimliche Bücher tauchen eigentlich nur in Horror-Filmen oder -Romanen auf. Doch Doc Baumann besitzt ein wirklich unheimliches Buch, das er in den Tiefen seiner Bibliothek fast vergessen hatte. Vor ein paar Tagen wurde er durch einen merkwürdigen Zufall wieder darauf aufmerksam.

Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, diesen Bericht beginnen zu lassen. Lassen Sie mich mit dem aktuellen Anlass und seiner Vorgeschichte anfangen:

Vor einigen Jahren war ich eine Weile im Krankenhaus. Eines Tages fand ich eine Nachricht vor, ich solle am nächsten Morgen um 9 Uhr zum Internisten in Zimmer … kommen. Ich war pünktlich zur Stelle und wartete zusammen mit einigen anderen Patienten auf einem der unbequemen Stühle vor seinem Raum. Kurz darauf erschien ein freundlicher Herr, grinste mich an und sagte: „Machen Sie mal so!“ „So“ bedeutete, dass er seine rechte Hand hob, alle Finger ausstreckte und Zeige- und Mittelfinger zu einem V formte.

Das war ja nun nicht so schwer, auch wenn ich nicht wusste, wozu es gut sein sollte. Dann bewegte er den Mittelfinger nach rechts, so dass das V nun durch diesen und den Ringfinger gebildet wurde. Auch das klappte bei mir mühelos. „Sie haben nie geraucht, stimmt’s?“ Nun, bis auf ein paar Zigarillos in der Zeit um 1970, als die Clint-Eastwood-Western im Kino liefen, stimmt es. Da ich die aber nur von einem Mundwinkel in den anderen geschoben (wenn auch nicht so schnell wie Clint) und höchst selten auch mal angezündet habe, konnte ich seine Behauptung bestätigen.

„Kommen Sie mal rein!“ Hatte ich mir durch diesen Nichtraucher-Test nun den Zugang verdient? Nachdem er die Tür geschlossen hatte, grinste er mich wieder freundlich an. „Hätte nicht gedacht, dass ich Sie mal persönlich kennenlerne. Willkommen in der Klinik!“ Ein DOCMA-Leser!

Seitdem sind wir immer mal wieder in Kontakt; ich habe in seinem Fotoclub einen kleinen Photoshop-Vortrag gehalten, und kürzlich hat er mir mit gutem Rat geholfen, als ich für meinen Roman ein medizinisches Problem klären musste. Vor ein paar Tagen war er mal wieder bei mir, um etwas abzuholen, und da er anschließend noch etwas vor hatte, wartete seine Frau im Auto. Das muss ja nicht sein, dachte ich, und auch, wenn die beiden nur ein paar Minuten Zeit hatten, bat ich sie natürlich ins Haus.

Wir gingen gleich in die Bibliothek, wo der Karton stand, den er mitnehmen wollte. Seine Frau, die noch nie bei mir zu Hause gewesen war, war angemessen beeindruckt, weil dort eine nicht unerhebliche Menge an Büchern steht. „Da sind ja auch etliche ältere dabei“, sagte sie bewundernd. Zufällig kamen wir vor einem bestimmten Regal zum Stehen, ich deutete auf das oberste Regalbrett und erklärte: „Ja, schon. In diesem Regal hier zum Beispiel stehen fast nur Bücher über Jack the Ripper und London in der Zeit um 1888. Die großen Jahrgangsbände in der obersten Reihe sind Londoner Magazine aus der Zeit der Ripper-Morde.“

Dann musste ich natürlich erklären, warum mich Jack the Ripper interessiert – er spielt eine wichtige Rolle in meinem Roman-Projekt (und ob Sie’s glauben oder nicht, hat er einiges zu tun mit dem Tempel des Herodes in Jerusalem sowie mit einem weltberühmten Gemälde, das in einem Londoner Museum hängt).

„Sie haben ja wirklich viele Bücher,“ sagte sie, „aber ich wette, dass Sie ein großes, dickes Buch ganz bestimmt nicht besitzen, das mein Mann hat.“

Dem wollte ich nicht widersprechen, da die Wahrscheinlichkeit, dass ich ein bestimmtes Buch nicht habe, weit größer ist als die, dass es tatsächlich irgendwo in meinen Regalen steht. „Wie heißt es denn?“

Der genaue Titel fiel ihr gerade nicht ein. „So ein großer Bildband zur Gerichtsmedizin …“. Ihr Mann sprang ihr bei: „Du meinst wahrscheinlich den Prokop, den Atlas der gerichtlichen Medizin.“

„Doch“, erklärte ich bescheiden, „den habe ich auch. Sie stehen zufällig sogar direkt davor.“ Und ich zeigte auf einen großen, schwarzen Band hinter ihr. Ich ließ ihn allerdings aus guten Gründen im Regal stehen und zog ihn nicht triumphierend heraus. Wahrscheinlich hatte das Buch nur auf diese Gelegenheit gewartet.

 


Ein wirklich unheimliches Buch


Das ist nun das dritte Mal, dass ich es mit diesem Buch zu tun habe. Eigentlich habe ich mit den meisten meiner Bücher häufiger als drei Mal zu tun; aber dieses ist das erste – und einzige – das ich einmal durchgeblättert und das Wichtigste gelesen habe, wonach mir klar war, dass ich es wohl nie wieder aufschlagen würde.

Gekauft habe ich es Ende der Achtziger, als ich für mein Buch „Horror – die Lust am Grauen“ recherchierte, eine Untersuchung über das Horror-Genre und die Psychologie des Schreckens. Ich hatte den „Prokop“ mehrfach zitiert gefunden und versprach mir etliche Aufschlüsse von der Lektüre.

Wenn man ein Buch über Horror schreibt und nicht von vorn herein zu wissen glaubt, dass dieser Teilbereich von Literatur und Film widerwärtig ist und am besten verboten werden sollte, sollte man sich mit dem auskennen, was man beschreibt. Konkret: Genug derartiger Filme gesehen und Romane gelesen haben. Dabei trifft man auf vieles, das in der Tat erschreckend und grauenvoll ist. Aber man weiß stets: Es ist nur das Werk eines Schriftstellers (wie etwa Stephen King) oder eines Regisseurs, und während wir Kinobesucher nur die kreischende Frau sehen, die vor dem Monster erstarrt, steht diese von Kameraleuten, Beleuchtern und vielen anderen der Produktions-Crew umgeben am Set und kreischt bereits zum siebten Male, weil dem Regisseur die sechs mal davor nicht überzeugend genug waren. (Nachdem ich ein paar Jahre zuvor bei den Dreharbeiten zu „Der Name der Rose“ dabei gewesen war, kannte ich mich da aus.)

Ich bin zwar der Meinung, dass viele blutspritzende Szenen mit eigentlichem Horror wenig zu tun haben, aber das ist eine andere Sache. Gesehen habe ich solche Szenen oft genug, und wenn das Grauen allzu dicht an mich heranzukommen drohte, vergegenwärtigte ich mir immer die vielen Menschen, die beim Dreh dort herumgestanden hatten.

Der „Prokop“ jedoch ist ein ganz anderes Kaliber. Er ist ein unheimliches Buch in einem völlig anderen Sinne als jeder Roman von King oder jede Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft. (Apropos Lovecraft: Wenn Sie einen Horror-Kenner danach fragen, was ein wirklich unheimliches Buch ist, wird er Ihnen vielleicht das schreckliche „Necronomicon“ des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred nennen – ein Buch, das jeden in den Irrsinn treibt, der seine widerwärtigen Sätze zu lesen versucht. Allerdings gibt es das Buch nicht wirklich – obwohl Sie unter diesem Titel bei Amazon zahlreiche Einträge finden –, es ist eine Erfindung von Lovecraft.)

Die Lektüre eines Horror-Romans oder -Films kann man bedenkenlos genießen, weil man immer weiß, dass es lediglich Fiktion ist. Man hat dafür bezahlt, sich erschrecken zu lassen – so, wie man auf dem Jahrmarkt den Eintritt für die Geisterbahn am Kassenhäuschen abgeliefert hat.

Den „Prokop“ hingegen kann man nicht genießen, denn man weiß zwar, dass bei den rund 2000 Abbildungen wohl auch einige Leute beim Fotografieren herumgestanden haben werden, aber ebenso, dass diese Szenen nicht der Phantasie eines Schriftstellers oder Regisseurs entsprungen sind. Diese Leichen sind echte Leichen und ihre Verletzungen sind nicht das Ergebnis der Kunst eines Maskenbildners, sondern sie wurden ihnen tatsächlich von anderen Menschen beigebracht. Ein paar dieser Toten stehen mir noch heute vor Augen, obwohl ich das Buch vor einem Vierteljahrhundert zugeklappt habe. Ich möchte gern vergessen, was reale Menschen mit anderen realen Menschen anstellen können, obwohl es die Tagesschau ja jeden Abend erwähnt, aber uns die Details erspart.

 


Noch einmal davongekommen


Nachdem ich Ihnen nun von meinen ersten und dritten Kontakt mit dem Buch berichtet habe, bin ich Ihnen nun noch die zweite Begegnung schuldig. Vor ein paar Jahren hatte ich einen massiven Wasserschaden in meiner Bibliothek, nach dem ich – ohne Übertreibung – wohl eine Tonne Wasser aus dem Raum schleppte und die monatelang laufenden Trockungsgeräte noch einmal jede Menge Kondenswasser produzierten.

Wie durch ein Wunder war das Wasser fast ausschließlich in den Gängen zwischen den Regalen aus der Decke geströmt, so dass letztlich nur rund fünfzig Bücher unwiederbringlich zerstört waren. Darunter auch etliche aus dem Bereich der Kriminologie.

Der „Prokop“ stand direkt neben diesen durchweichten Bänden. Er hatte sich nur minimal verzogen. Bei den anderen Büchern waren die Seiten durch die Nässe zusammengeklebt und bildeten nun einen massiven Papierklotz. Als ich damals den „Atlas der gerichtlichen Medizin“ aus dem Regal zog, erwartete ich bei ihm das Gleiche – aber er ließ sich mühelos durchblättern. Ganz so, als habe er nur auf der Lauer gelegen, bis ich ihn mal wieder in die Hand nehme, aufschlage und seine grauenvollen Schwarzweißfotos anblicke. Ein unheimliches Buch! Ich habe geblättert – aber dabei woanders hin geschaut.

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  1. augenblickpunkt.de

    hallo doc,
    ich habe ende der 80er „den prokop“ besessen.
    ich habe noch nie seitdem auch nur einen einzigen menschen getroffen, der dieses buch auch nur kennt.

    exakt, wie du es beschreibst, geht es mir mit diesem buch. beim lesen deines artikels und auch jetzt beim schreiben fährt es mir widerlich durch den bauch, wenn ich an dieses buch nur denke.

    mist, ich hatte es wirklich beinahe vergessen und plopp… hüpft der teufel aus der flasche!

    auch ich habe es mir genau einmal durchblätternd angesehen – lange gelesen habe ich nicht, nur ein paar stellen. und ich habe bis heute einige der bilder im kopf. ich bin lange zeit horror-konsument gewesen und habe mir die härtesten sachen angesehen und gelesen, aber dieses buch ist aus genau den gründen, die du geschildert hast… ähm… nicht lustig.

    eigentlich sollte man allen lust-gewaltverherrlichern dieses buch zum lesen geben. ich glaube, etliche hätten danach ein wenig weniger lust auf horror und gewalt.
    oder die filme würden endlich gut gemacht… 😉

    wenn ich das richtig erinnere, war das damals nur für handverlesene leute zu bekommen und kostete irgendwas um die 300 mark. ich habe es im A&V eingelöst und 150 dafür bekommen. da ich keine anschaffungskosten hatte, war das ein guter erlös. und da ich keine ambitionen habe, mich als krimischreiber zu betätigen, hätte ich heute keinen wirklichen fachlich begründeten bedarf.
    allerdings würde ich heute zu recherchezwecken lieber fachleute befragen, als mir dieses buch nochmal anzusehen… 😉

    irgendwie ist mir jetzt… ärgs…

    viele grüße und „herzlichen dank“ für die erinnerung
    detlef

  2. Doc Baumann

    Hallo Detlef,

    na, dann gibt es unter Einbezug meines Internisten ja schon drei Besitzer. Ich habe es Ende der Achtziger ganz normal bestellt, handverlesen war ich nicht, und ich habe nach dem Erwerb auch keinen präventiven Besuch von der lokalen Mordkommission bekommen. In meinem Romanprojekt spielt – für mich zunächst überraschend – Jack the Ripper eine zentrale Rolle; hat sich so ergeben bei den Recherchen. Die Fotos seiner Opfer sind sehr unscharf oder Holzstiche; ich hätte zu Recherchezwecken mal Analoges im Prokop nachschlagen können – aber lieber nicht.
    Viele Grüße
    Doc

  3. augenblickpunkt.de

    „ich hätte zu Recherchezwecken mal Analoges im Prokop nachschlagen können – aber lieber nicht.“

    *gbg*

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