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Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8

Altglas-Report

Um diese Optik ranken Geschichten, besonders um die konkav geformte Frontlinse. Sie wölbt sich sozusagen ins Objektiv hinein – ganz im Gegensatz zu anderen Konstruktionen. Zunächst nur mit Icarex BM-Bajonett gefertigt, später auch für den bisher verschmähten „Ostblock-Anschluss“. Auch wenn das Zeiss Ultron 50/1.8 vielleicht zum Sargnagel für den deutschen Kamerabau wurde, ist eines gewiss: Die Abbildungsleistung ist über (fast) alle Zweifel erhaben.

Linsenschnitt Zeiss Ultron. Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8
Charakteristisch am Zeiss Ultron 50/1.8 ist die ungewöhnlich geformte Frontlinse, aber auch das für die moderate Lichtstärke aufwendige Design mit sieben Linsen in sechs Gruppen (Martin J. Kunz).

Frank Mechelhoff will von Albrecht Tonnier erfahren haben, dass das Design der Frontlinse des Zeiss Ultron aus einem Witz heraus entstanden ist. Weil jemand behauptete, Objektive müssen vorne grundsätzlich eine konvexe Linse haben, wollte Tonnier das Gegenteil beweisen. Im Digicamclub finden sich in einen Thread zu dieser Optik, Stand heute, rund 20 Bildschirmseiten mit knapp 200 Beiträgen.

Gewogen und vermessen

Im ausführlichen Labortest einschließlich MFT-Charts wurde das Zeiss Ultron 50/1.8 auf der Website Wavechaser.xyz analysiert. Augenscheinlich handelt es sich um einzelnes getestetes Exemplar. Wer die Analyse durchgeführt hat oder die Webseite betreibt, ist nicht ersichtlich. Interessant ist eine Grafik, die den Verlauf des Lichts im Objektiv skizziert und den Nutzen der konkaven Frontlinse verdeutlichen möchte: Peripher einfallendes Licht soll sich besser als üblich in der Mitte konzentrieren.

Ultron1. Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8
Schärfe bis in die Bildecken, auch am 45 Megapixel Vollformatsensor der Canon R5 (Martin J. Kunz).
Ultron2. Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8
Trotz möglicher Schärfe überzeugt das Bokeh mit weichen Verläufen (Martin J. Kunz).
Ultron3. Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8
Trotz möglicher Schärfe überzeugt das Bokeh mit weichen Verläufen (Martin J. Kunz).

Sargnagel

Beim Zeiss Ultron 50/1.8 handelt es sich um eine der letzten spektakulären deutschen Objektiv-Entwicklungen, bis 1972 bei Voigtländer in Braunschweig produziert. Auch als eines der Spitzenobjektive zur Icarax 35 konnte es den Untergang der technisch keineswegs taufrischen Kamera nicht aufhalten. Ebenso wenig wie die Version mit M42-Anschluss zur Icarex 35 TM. Adapter zum Anschluss an Digitalkameras finden sich für beide Varianten. Mehr dazu weiß Marc-Alexander Heckert zu berichten.

Ultron4. Die Legende: Zeiss Ultron 50/1.8
Zeiss Ultron 50/1.8: Preise um 300 Euro sind nicht unüblich. Speziell ist auch das Bajonett für die Streulichtblende – in der Regel weder günstig noch leicht erhältlich (Martin J. Kunz).

Voigtländer Color Ultron 50/1.8

Beim Voigtländer Color Ultron 50/1.8 handelt es sich um ein in Singapur gefertigtes Nachfolgemodell. Der optische Aufbau ist ähnlich, auf die extravagante Frontlinse wurde zugunsten einer traditionellen Form verzichtet. Es ist heute deutlich günstiger erhältlich, für Rollei QBM- oder M42-Mount und mit konventionellem 49 mm Filtergewinde. Weitere technische Details finden sich unter anderem hier.

Ultron Voigtländer
Das Voigtländer Color Ultron 50/1.8 wird gern mit dem Zeiss Ultron 50/1.8 verwechselt. Ist aber am Namen und dem Filtergewinde eindeutig zu unterscheiden (Martin J. Kunz).

Passende Musik zu Objektiven?

Klingt seltsam, ermöglicht aber die Entdeckung neuer Erlebniswelten. Zum Zeiss Ultron 50/1.8 passt laut Martin J. Kunz die Musik von „Kraftwerk“. Einer 70er-Jahre-Band, die mit ihren Kompositionen ihrer Zeit voraus war und aus dem Rahmen fiel – wie die konkav gewölbte Frontlinse am Zeiss Ultron. Ravels „Bolero“ und das Flektogon 35/2.8? Beide Kreationen waren ein Ereignis, wenngleich im Abstand einiger Jahrzehnte. Für echte Fans mag „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd und das Canon FD 85/1.8 unabdingbar zusammen gehören.

Ein Buch zu Objektiven und Musik

Kunz illustriert in seinem aktuellen Buch „Analoges Sehen und Analoges Hören“ Parallelen zwischen analog aufgezeichneten Vinyl-Schallplatten und Objektiven aus Zeiten der analogen Fotografie. Den Gegenpol bilden aus seiner Sicht die CD-Rom als Tonträger und moderne Objektive. Kunz hört am liebsten „schwarz“ und kann auf eine Sammlung von über 3.000 Schallplatten zurückgreifen, die vielfältige Assoziationen zur gut 100 Objektive umfassenden Altglas-Sammlung erlauben.

Erstmals mit seiner subjektiven Zusammenstellung konfrontiert, fand ich sie – absurd. Doch je weiter ich mich auf das Buch einließ und je mehr bekannte Objektiv-Musik-Konstellationen ich darin entdeckte, desto leichter konnte ich seinen Interpretationen folgen. Auch seine Fotografien trugen viel dazu bei. Das E-Book „Analoges Sehen und Analoges Hören – Wie die Altglasfotografie und das Schallplattenhören uns entschleunigen“ beschreibt auf rund 180 Seiten mehr als 20 Objektive und findet die passende Musik dazu. Es ist für 8,99 Euro bei Amazon erhältlich. Mit der kostenlosen Kindle-App für Android, iOS und PC lässt es sich auf fast jedem Gerät lesen. Der „Blick ins Buch“ vermittelt einen ersten Eindruck. Wer es lieber stilecht auf Papier bevorzugt, kann das gedruckte Buch für 39,95 Euro (plus Porto) beim Autor bestellen.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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