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Know-How: Retro-Perspektive

Im letzten Teil unserer Serie über die Gewinner des DOCMA-Fotobuch-Wettbewerbs mit CEWE COLOR zieht die Fotobuch-Spezialistin Eva Ruhland ihr Fazit.

Die Idee und die Umsetzung bestimmen die Qualität des Fotobuchs seit seinen Anfängen. Wie vielfältig das stilistische Spektrum mit den Mitteln der digitalen Fotografie und Bildbearbeitung geworden ist, zeigen die Fotobücher der Wettbewerbs-Preisträger. Der technische Fortschritt führt zu immer neuen Möglichkeiten, doch die Maßgaben für gute Bildgestaltung, -komposition und Qualität bleiben konstant.
Ein Fotobuch zu klassischen Genres der Fotografie wie Landschaft, Porträt oder Akt kann genauso überzeugen wie eine Dokumentation über Architektur, ein Kunstkatalog, ein Buch über Produktgestaltung oder ein erzählerisches Fantasy-Projekt mit raffinierten Bildmontagen.
Inhalt und Gestaltung im Einklang
Im Laufe der kontinuierlichen Beschäftigung mit den vielen Varianten von Fotobüchern zeichnen sich grundlegende Vorzüge und Schwächen der Werke ab (siehe Checkliste der Fotobuch-Sünden auf der gegenüberliegenden Seite). Die Basis bildet ein individueller Ansatz, der Idee und Gestaltung in einem durchgängigen Konzept in Einklang bringt. Kommt eine innovative und variantenreiche Umsetzung dazu, handelt es sich meist tatsächlich um ein herausragendes Fotobuch. Das ist der Punkt, an dem sich visuelle und gestalterische Erfahrung paaren – manchmal sehr konventionell und manchmal sehr verwegen, doch immer dem Kriterium einer durchgängigen gestalterischen Identität entsprechend.
Was aber ist ein echtes Fotobuch?
Vielfach finden Sie unter dem Begriff Fotobücher Werke über Technik, Belichtung und Handhabung von Fotografie. Bei alledem handelt es sich nicht um ein Fotobuch im eigentlichen Sinn.
Tatsächlich ist der Begriff „Fotobuch“ wesentlich neuer als seine Geschichte. Im angloamerikanischen Sprachraum erfüllt der Begriff „Artist’s book“ mit der Begrenzung auf Fotografie noch am besten dessen eigentliche Definition, denn echte Fotobücher zeichnen sich vor allem durch ein zwingendes künstlerisch-fotografisches Konzept und dessen angemessene Umsetzung in der Buchform aus. Die Fotobuch-Beschreibungen im Highlight-Kasten am Ende dieses Beitrags geben Ihnen konkrete Einblicke.
Retro plus Perspektive
Der Blick auf die Geschichte des Fotobuchs ermöglicht Ausblicke und Perspektiven für weitere Ansätze. Mit drei klar definierten Positionen werden deshalb die Fotobücher von drei weiteren Gewinnern des DOCMA-Fotobuch-Wettbewerbs vorgestellt.

Retro in Mode

Der Fotograf Martin Hilgenhöfer verfasste ein Fotobuch, in dem er Modefotografie aus 25 Jahren seiner Schaffenszeit ansprechend illustrierte. Die stilistische Bandbreite der Fotos ist in mehrfacher Hinsicht „Retro“, da sie sowohl eine Retrospektive seines Werks darstellt, als auch eine Reise durch mehr als ein halbes Jahrhundert der Modegeschichte.
Das Spektrum reicht vom nostalgischen Flair der 1950er Jahre über die kühle Ästhetik der 1980er bis hin zur inszenierten Sachlichkeit der Gegenwart. Dabei legt Hilgenhöfer großen Wert auf den „Unplugged“-Charakter seiner Werke: „Die Fotos in diesem Buch sind das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Model. Niemand sonst war an diesen Bildern beteiligt – keine Auftraggeber, Visagisten, Stylisten oder externe Bildbearbeiter.“
Das Fotobuch als Bild-Container
Den schlichten Ansatz seiner „Unplugged“-Fotos hat Hilgenhöfer auch bei der Gestaltung des Fotobuchs weiterverfolgt. Das Bild selbst steht immer bedingungslos im Vordergrund – keine Spielereien mit dem Anschnitt, sondern eine nicht-abfallende Platzierung wie in einem Fotoalbum, keine auffälligen Hintergründe, sondern schlichtes Grau oder dezentes pastellfarbenes Apricot, keine mehrzeiligen Texterklärungen, sondern einfach nur Modelname und Entstehungsjahr. Zum Charakter des Albums passt auch die skizzenhafte Schreibschrift.
Mit der klassischen Gegenüberstellung der Motive auf den Doppelseiten entstehen spannungsvolle Kompositionen, indem etwa Halbporträt gegen Porträt steht oder Diagonalen vom äußeren oberen Seitenrand nach unten zum Falz führen. Das Fotobuch ist in diesem Fall nicht mehr als ein Container oder eine Plattform für die Bilder. Es ordnet sich stilistisch den Inhalten unter. Voraussetzung für diese Herangehensweise bei der Fotobuchgestaltung sind natürlich exzellente Fotos, die ohne großen Schnickschnack drumherum für sich selbst stehen können.

Touché – eine Bildreportage

Während Martin Hilgenhöfer die schlichtestmöglichste Herangehensweise bei der Gestaltung eines Fotobuchs wählte, hat Fred Arnold in seiner Bildreportage „Touché“ alle gestalterischen Register gezogen. Das Buch des professionellen Fotografen ist fast schon ein Lehrstück in Sachen Fotobuchgestaltung, das eindrucksvoll die Möglichkeiten beim Zusammenspiel von Bild und Buchseite(n) demonstriert.

Symbiose von Bild und Buch
Gekonnt nutzt Arnold die ihm als Plattform für seine Bilder zur Verfügung stehenden Doppelseiten nicht als einfache Foto-Container, sondern als tragendes gestalterisches Element zur Verstärkung der Bildwirkung. Hier gehen Bild und Buch eine Symbiose ein, die sie zu einem untrennbaren Gesamtkunstwerk machen.
So verwendet Arnold Querformate in raumgreifender Form [1], die sich abfallend über die Doppelseite erstrecken und die ganze Dynamik und Wucht eines Angriffs mit dem Degen visualisieren. Die Spitze des Degens und somit das Ziel des Angriffs befinden sich außerhalb des sichtbaren Bereichs, was durch die gedachte Fortführung des Motivs für weitere visuelle Spannung sorgt.
Den vielbeschworenen „Mut zur Lücke“ zelebriert Arnold auf der Beispielseite [2], wo er eine colorierte High-Key-Aufnahme links mit einer komplett leeren, weißen Seite rechts kombiniert und dem Motiv damit den nötigen Freiraum gibt.
Beispiel [3] spielt mit einem spannenden Klein-Groß-Gegensatz in Kombination mit Blicklinien, die der Betrachter unwillkürlich verfolgt. Der aggressive, schreiende Sportler rechts (schön akzentuiert durch Unschärfe und starke Körnung) starrt den offensichtlich unterlegenen Kontrahenten an, der winzig und auch durch die schwarzweiße Abbildung zurückgesetzt im Zentrum der linken Seite verharrt. Sieg und Niederlage, Wut und Verzweiflung sind hier perfekt durch Fotos und Layout visualisiert.
Von visueller Kraft zeugt auch die Doppelseite [4] – durch die ungewöhnliche Perspektive wird der Betrachter zunächst verwirrt, aber durch die ausgeprägte Diagonale der freigestellten Bodenmatte vor schwarzem Grund entsteht eine mitreißende Dynamik über die ganze Doppelseite hinweg.
In Bild [5] arbeitet Arnold erneut mit Blicklinien – die offensichtlichen Kontrahenten stehen Rücken an Rücken und blicken nach links beziehungsweise nach rechts. Trotz visueller Nähe wird die Distanz zwischen den beiden Fechtern greifbar.
Eine ebenfalls grundlegende Form der Seitengestaltung ist die Reihung, respektive Serie – gut zu sehen in Bild [6], wo die horizontal aneinandergereihten Einzelbilder einer Bewegungssequenz fast schon den Eindruck eines bewegten Videos entstehen lassen.
Wie fast alle professionellen Fotobuchgestalter hat Fred Arnold die Doppelseiten für sein 72-seitiges Hardcover-Buch zunächst in Photoshop arrangiert, in einer Auflösung von 300 dpi im JPEG-Format exportiert und schließlich im CEWE-Editor [6] platziert.

Timpetee – ein narratives Fotobuch

Im Sinne eines Bilderbuchs begreift Andrea Cziesso ihr 98-seitiges Fantasy-Märchen, in dem sich bühnenhafte Inszenierungen mit Bildmontagen zu surrealen Szenen vereinen. Cziesso greift die seit dem 18. Jahrhundert bekannte Tradition der Tableaux vivants (frz. „lebende Bilder“) auf, in denen Bilder und Szenen mit lebendigen Personen dargestellt werden. Die entstandenen Fotos kombiniert sie mit raffinierter digitaler Nachbearbeitung.
Bilder und Texte als logisches System
Den Bildern der jeweils rechten Seite sind emblematische Textblöcke mit Titeln in Schmuckschriften zugeordnet, die präzise und stimmig gesetzt sind. Obwohl sich Schriftart und Schmuckinitialen der Titel je nach Textinhalt ändern, funktioniert der variable Umgang mit den Fonts hier erstaunlich gut, wohl auch, da der Fließtext immer dieselbe Schriftart aufweist.
Die Gedichte und Textauszüge unterstützen die Bilderzählungen und geben entscheidende Hinweise auf die Bildaussage, die – wie auch in Märchen – ernste existentielle Themen aufgreift und überdies auch ganz aktuelle Bezüge herstellt. Die vergrößerte Darstellung des Stillleben-Motivs rechts lässt erkennen, wie viele Details es zu entdecken gibt.

Fazit: Das Fotobuch stellt ein eigenes Medium dar

Wie Sie auf unserer Reise durch die Welt der Fotobücher feststellen konnten, ist ein Fotobuch mehr als die Summe seiner Teile und mehr als eine bloße Ansammlung von Fotografien, vielmehr folgt es den Gesetzmäßigkeiten eines eigenen Mediums.

Diesen und weitere Artikel, Tipps, Tricks und Workshops finden Sie im DOCMA-Heft Nr 47 (4-2012). Mehr Infos zum Heft gibt es hier. Wer keine Lust hat zum Kiosk zu gehen, kann sich diese Ausgabe (und ältere) bequem bei uns im Webshop bestellen.

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