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Verfassen der Bildunterschrift

Beim DOCMA-Award 2009 gibt es da eine Besonderheit: Sie sollen sich eine Bildunterschrift ausdenken: Einen kurzen, knackigen (Halb)satz, der die gesamte Situation zusammenfasst.

Stellen Sie sich vor, Sie würden dieses Bild von Doc Baumann in einer normalen Zeitung oder Zeitschrift sehen, dort, wo Sie nicht mit einer Fälschung rechnen. Da wäre es wahrscheinlich ein Blickfang. Ihr Interesse, etwas mehr über das gezeigte Ereignis zu erfahren, wäre entsprechend groß. Der Text, der unter diesem Bild steht, darf Sie also nicht enttäuschen. Er sollte, analog zum Bild, ein ?Lesefang? sein. Der erste Satz, vielleicht sogar die ersten Worte, sind entscheidend, damit Sie nicht aussteigen und denken: Ist ja doch nicht so spannend. Das sollten Sie berücksichtigen, wenn Sie selbst einen Text für Ihr Bild verfassen.
Beim Wettbewerb gibt es da eine kleine Besonderheit: Sie sollen sich für die ersten Worte so etwas wie einen Einstieg ausdenken: Einen kurzen, knackigen (Halb)satz, der die gesamte Situation zusammenfasst. Nehmen wir einmal an, bei unserem Beispiel hätte ein Sturmtief den gezeigten Schaden verursacht. Die Überschrift könnte dann lauten:

Sturm knickt Windrad

Das hätte sogar einen ironischen Unterton, denn gerade ein Windrad müsste ja eigentlich einem Sturm standhalten. Gleichzeitig ist mit diesen drei Worten eigentlich schon alles gesagt.
Allerdings haben wir hier den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht, denn meistens entsteht beim Verfassen eines Nachrichten-Textes die Überschrift als letztes. Es empfiehlt sich also durchaus, erst einmal drauflos zu schreiben und am Schluss an der Überschrift zu feilen.
Aber: 200 bis 400 Zeichen, das ist nicht viel. Ein so dramatisches Ereignis wie das Abknicken eines Windrades würde in der zuständigen Lokalzeitung möglicherweise eine ganze Sonderseite einnehmen. Der kurze Text, der unter dieses Bild gehört, wäre vielleicht der, mit dem die Berichterstattung auf der Titelseite der Zeitung angerissen wird, und der zum Weiterlesen weiter hinten im Blatt auffordert. Oder eine ausführliche Bildunterschrift. Trotzdem sollte aber auch ein solcher Text alle wichtigen Informationen enthalten. Journalisten richten sich dabei nach einigen Grundregeln. Die bekannteste ist die von den sechs W. Die Nachricht/Meldung/Bildzeile soll Antwort geben auf folgende Fragen:

  • Was geschah?
  • Wer ist beteiligt?
  • Wann geschah es?
  • Wo geschah es?
  • Wie geschah es?
  • Warum geschah es?
  • Und als siebtes W: Welche Quelle?

Schauen wir einmal, ob der Text, den ich mir zu dem Beispielbild ausgedacht habe, diese Antworten liefert:
Sturm knickt Windrad
Tief ?Hannes? (Wer) hat vergangene Nacht (Wann) zwischen A-Stadt und B-Dorf (Wo) eine Windkraftanlage beschädigt (Was): In halber Höhe wurde der Mast abgeknickt, jetzt droht er abzubrechen (Was/Wie). ?Der Rotor ist nicht abgeschaltet worden, wie das bei starkem Sturm passieren sollte?, erklärte ein Sprecher der Firma Wind-Power (Warum/Welche Quelle). Das hat enorme Kräfte freigesetzt. Auch ein Materialfehler wird nicht ausgeschlossen.

Sie werden möglicherweise Schwierigkeiten haben, die Textlänge einzuhalten. Man schmückt seinen Bericht vielleicht gern etwas aus oder fügt noch die eine oder andere Information hinzu, die man für wichtig hält. Am Ende ist der Text doppelt so lang wie er sein darf. Meine Empfehlung dazu lautet: Bemühen Sie sich nicht schon beim Schreiben, die Textlänge um jeden Preis einzuhalten, sondern schreiben Sie erstmal. Den fertigen Text drucken Sie aus und lesen ihn. Dann überlegen Sie, wie und wo Sie kürzen, und ob Sie vielleicht noch Passagen umstellen wollen. Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt die Endversion. Übrigens: Nicht anders ist die (kürzere) Druckversion dieses Workshops in der DOCMA entstanden, ausgehend von dieser längeren Version, die Sie jetzt gerade im Internet lesen.

Am obigen Beispiel lassen sich abschließend auch gut einige weitere Regeln erläutern.

  •  Beginnen Sie mit der wichtigsten Information. Das ist meistens der Satz, den Sie auch im Gespräch mit einem Bekannten sagen würden, wenn Sie ihm erzählen wollten, was passiert ist. Halten Sie sich nicht mit langen Vorreden auf, kommen Sie sofort zur Sache. Damit stellen Sie die zeitliche Chronologie manchmal auf den Kopf, aber achten Sie darauf, Pressemeldungen sind immer so aufgebaut. Zum Beispiel: ?Ein Unfall ist passiert. Zwei Autos sind zusammengestoßen. Das eine war auf der Vorfahrtstraße unterwegs, das andere kam aus einer Nebenstraße.? Würde ich mit dem letzten Satz anfangen, hätte dann ich schon viele Leser verloren.
  • Verwenden Sie Aktiv-Formulierungen. ?Der Sturm hat ein Windrad beschädigt? klingt besser als ?Ein Windrad ist vom Sturm beschädigt worden.?
  • Präsenz und Perfekt sind die grammatischen Zeiten der Zeitungssprache. Die Überschrift lautet: ?Sturm knickt (nicht knickte) Windrad?, auch wenn das Ereignis bereits stattgefunden hat.
  • Zitieren Sie jemanden. Radio und Fernsehen brauchen O-Töne, der gedruckte Artikel braucht das Zitat mit Anführungsstrichen. Häufig wird so ein Zitat als Layout-Stilmittel noch einmal vergrößert auf die Seite gestellt.
  • Verwenden Sie kurze Sätze, vermeiden Sie Schachtelsätze. Der Leser will nicht zurück lesen, um den Sinn zu begreifen.
  • Vermeiden Sie Fremdwörter.

Hilfreiche Beispiele für gut formulierte, kurze und trotzdem meist informative Texte liefert vor allem die Boulevard-Presse. Selbst wenn es solche Blätter manchmal vielleicht mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, in Sachen handwerklicher Qualität sind sie ungeschlagen, weil dort wirklich an jedem Halbsatz gefeilt wird. Freilich formuliert die Boulevardpresse häufig noch zugespitzter, manchmal auch kommentierend, etwa indem eine ungewöhnliche Nachricht mit einer wertenden Vokabel eingeleitet wird, also z.B.:

Unglaublich: Sturm knickt Windrad

Um diesen Stil näher zu beleuchten, fehlt hier der Platz. Aber alles ist erlaubt. Wer möchte, kann den Text zu seinem Bild auch in diesem Stil verfassen.

Matthias Kleemann, Gewinner des DOCMA-Awards 2007, Kategorie Semi-Profis, ist im Hauptberuf Lokalredakteur bei einer Tageszeitung. Das Verfassen von Nachrichten und Reportagen gehört zu seinem täglichen Aufgabenbereich.

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