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Was geht?

Technik-Messen wie die Photokina bringen viele neue Geräte, aber meist wenig echte Neuerungen. Christoph Ku?nne geht der Frage nach, warum das wohl so ist.

Wahrscheinlich haben Sie es auch längst bemerkt: Die Novitäten der Photokina waren bei weitem nicht so revolutionär, wie man es sich als fototechnisch-affiner Bildermacher gewu?nscht hätte. Stattdessen haben die großen Marken, trotz spu?rbarer Absatzeinbru?che, mit funktional unbedeutenden Neuauflagen ihrer – umsatzmäßigen – Flaggschiffe eher behutsame Evolution betrieben und die wirklich neuen Technologien bestenfalls in Aussicht gestellt.
Doch fu?r den normalen Bildermacher geht es im Grunde nicht um immer höhere Auflösungen, nachtsichtgerätartige Empfindlichkeiten oder 4K-Videofunktionen.

Was man nicht braucht

Die real installierte Basis von Geräten, mit denen man 4K-Videos vollauflösend abspielen kann, du?rfte sich heute noch im einstelligen Prozentbereich bewegen. Ein Feature also, das – zumindest in absehbarer Zeit – kaum jemand wirklich wu?rdigt. Ganz abgesehen davon, dass enorm viel Rechenleistung fu?r eine komplexe 4K-Video-Nachbearbeitung nötig wird.
Auch schon mit 12 800 ISO Empfindlichkeit lassen sich bei Kerzenlicht eindrucksvolle und erstaunlich rauscharme Bilder produzieren – wozu also Empfindlichkeiten von 100 000, 200 000 oder 400 000 ISO?
Und dann der Unsinn mit der Auflösung: Je weiter die Auflösungen steigen, desto kleiner werden die Pixel. Das erfordert immer anspruchsvollere und damit komplexer konstruierte, schwergewichtigere und teurere Objektive.

Neulich brachte es ein Industrievertreter in einem Telefonat auf den Punkt: „Zehn Prozent mehr Pixel lassen sich recht einfach auf einen Chip packen – aber versuchen Sie mal die Auflösung eines guten Objektivs um zehn Prozent zu steigern. Das ist fast so aufwendig wie die Neuerfindung des Objektivs.“ Man kann versuchen, diese eher diffusen Zusammenhänge in Zahlen zu fassen: Aktuelle High-End-Objektive reichen aus, um ein Bild in einer Feinheit aufzulösen, die ein Sensor mit Pixeln einer Kantenlänge von sechs Mikrometern (10-6 m) besitzt. Anders herum ausgedru?ckt: Sind die Pixel auf dem Bildsensor kleiner als sechs Mikrometer – wie bei den meisten Kameras – brauchen die kleinen Pixel höher auflösende Objektive, um ihre Auflösungs-Vorzu?ge voll ausspielen zu können. Prominentestes Beispiel: Die Nikon D800/810 mit ihren 4,8-Mikrometer-Pixeln: Es gibt kein Objektiv – nicht mal das sagenumwoben hochauflösende Zeiss Otus 55 Millimeter – das die 36 Megapixel Auflösung der Kamera „auf die Straße bringt“.

Nach Messungen von DXOmark.com, der Zentralinstanz fu?r solche Fragen, ist schon bei 29 Megapixeln das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Umkehrschluss ist einfach – und erklärt vielleicht auch die Zuru?ckhaltung der Hersteller: Eine Vollformat- Kamera sollte nicht mehr als 24 Megapixel Auflösung haben, eine APSC- Kamera theoretisch nur neun und ein Sensor im 4/3-Format kann sich mit fu?nf Megapixeln bescheiden. Das war u?brigens die Auflösung, die Olympus bei seinem ersten 4/3-System als „auch fu?r professionelle Zwecke völlig ausreichend“ beschrieb. Das Mehr an Pixeln auf dem Chip zieht zwar eine Steigerung der Auflösung nach sich, aber als „Oversampling“-Effekt. Die optischen Signale des Objektivs werden mit einer höheren Abtastrate bearbeitet als fu?r die Darstellung der Signalbandbreite benötigt. Das fu?hrt praktisch zu höher auflösenden Bildern, aber bei weitem nicht in dem Maß, wie die höheren Megapixel-Zahlen es uns glauben machen wollen.

Was man brauchen könnte

Ein Ausweg aus dem Dilemma sind bei gleicher Objektivkomplexität größere Sensoren mit mehr, mindestens sechs Mikrometer großen Pixeln. Bisher scheitert dieser Weg der Qualitätsoptimierung an mindestens zwei Hindernissen: Zum einen sind große Sensoren, wegen der hohen Ausschussquoten bei der Produktion, sehr viel teurer als kleine. Zum anderen erfordern sie größere Bildkreise und damit größere Kamera-/Objektivkonstruktionen. So erklären zumindest die Kamera- Hersteller ihre Zuru?ckhaltung bei großen Sensorformaten.


Andererseits erinnern sich die Älteren unter uns auch noch an vergleichsweise handliche Mittelformatkameras wie die Mamiya 7, die Rolleiflex oder die Voigtländer Bessa III.
In den vergangenen Monaten gab es viele Geru?chte, dass Canon, Nikon und Fuji den digitalen Mittelformat-Markt in den Blick nehmen. Diese wurden besonders durch den Sony-CMOS-Mittelformat-Sensor befeuert, der sich sowohl in den aktuellen Hasselblad- und PhaseOne-Ru?ckteilen befindet als auch in den Bodies der aktuellen Pentax-645-Generation. Die neue Leica S hat ebenfalls einen u?bergroßen CMOS-Sensor, wohl aber von einem anderen Hersteller als Sony. Schön wäre es ja – aber das scheint unwahrscheinlich –, die großen Kamerahersteller wu?rden in dieses kleine Segment investieren, zumal hier kaum Absatzmärkte sein du?rften. Dennoch: Transportable, handliche und bezahlbare Kameras im kleinen (44 × 33mm) digitalen Mittelformat, das wären Novitäten – zumindest wenn es um die sinnvolle Steigerung der Bildauflösung geht. Aber ich schätze, darauf mu?ssen wir noch eine Photokina warten – mindestens eine.
Munter bleiben!

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