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Corona-App: Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden …?

Eine Smartphone-App, die Begegnungen mit anderen Menschen protokolliert und den Benutzer warnt, wenn er oder sie sich längere Zeit in der Nähe eines Infizierten aufgehalten hat, gilt als aussichtsreiches Mittel zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Manche finden diesen Ansatz einer „Corona-App“ so attraktiv, dass sie dafür sogar ihre informationelle Selbstbestimmung aufgeben würden. Dabei wäre das gar nicht nötig.

Benjamin Franklin sagte einmal: „Wer eine wesentliche Freiheit aufgeben würde, um sich eine gewisse zeitweilige Sicherheit zu erkaufen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit“ (1775). Als die Diskussion über eine Corona-App begann, wurde ihre Funktionsweise teilweise so beschrieben, als ob eine staatliche Stelle detaillierte Bewegungsprofile der Bürger speichern würde, um durch deren Auswertung herauszufinden, ob man seinen Weg mit einem Infizierten gekreuzt hat. Aus einer Datenschutzperspektive wäre das ein Desaster. Selbst wenn die so erfassten Daten zunächst nur zum Schutz der Bürger vor COVID-19 genutzt würden, ließe sich ein späterer Missbrauch nicht ausschließen. Die Angst der Bürger vor einer unsichtbaren Bedrohung war schon immer ein probates Mittel, sie zur Aufgabe ihrer Freiheitsrechte zu bringen, und die Corona-App weckte den Argwohn, der Staat wolle die Bürger ausspionieren – oder sich eine solche Möglichkeit zumindest für die Zukunft zu schaffen. Prompt gab es Debatten darüber, ob die Freiheit oder die Gesundheit höher zu schätzen wäre. Aber dieser vermeintliche Gegensatz geht in die Irre, denn wir müssen uns nicht für eines von beidem entscheiden.

Corona-App
Es gibt viele Gründe, die gegen eine Corona-App ins Feld geführt werden.

Smartphones ermitteln ständig den Ort, an dem sie sich befinden, und setzen dabei eine Kombination verschiedener Verfahren ein. Wenn die Signale von mindestens vier GPS-Satelliten empfangen werden, lässt sich die Position relativ genau bestimmen, aber da die Satelliten oft durch Gebäude blockiert werden, führt diese Methode nicht immer und überall zum Ziel. Eine grobe Ortsbestimmung ist auch über eine Triangulation zwischen drei in der Nähe befindlichen Funknetz-Sendemasten möglich, und eine weitere, noch präzisere Alternative nutzt dafür empfangbare WLAN-Netze. In der Praxis ist die Lokalisierung aber oft recht ungenau; Abweichungen von 100 und mehr Metern sind nicht ungewöhnlich. Selbst wenn wir diese Daten einem Dritten anvertrauen würden, um auf eine mögliche COVID-19-Infektion hingewiesen zu werden, würde es wenig nutzen: Man würde auf die Begegnung mit Menschen hingewiesen werden, die man tatsächlich niemals gesehen hat.

Für den angestrebten Zweck sind Positionsdaten aber gar nicht entscheidend. Man muss diese auch niemandem anvertrauen. Tatsächlich könnte eine Corona-App die höchsten Ansprüche an den Datenschutz erfüllen und, falls gewünscht, für völlige Anonymität sorgen.

Die Funktionsweise kann man sich etwa so vorstellen: Nachdem man die App installiert hat und sie zum ersten Mal aufruft, nimmt sie Verbindung mit einem zentralen Server auf und lässt sich eine eindeutige Nummer zuordnen. Nehmen wir an, diese Nummer sei beispielsweise 1234567. Diese Nummer würde nirgendwo mit irgendwelchen personenbezogenen Daten verknüpft, so dass die Anonymität des Nutzers gewahrt bliebe. Während man sich nun mit dem Smartphone durch die Stadt bewegte, signalisierte die App über dessen Bluetooth-Modul „1234567 ist hier“. In einigen Metern Entfernung könnten andere Smartphones dieses Signal empfangen und wenn auf diesen ebenfalls die Corona-App läuft, protokollierte sie die Begegnung, falls man sich – an der Feldstärke des Bluetooth-Signals zu erkennen – längere Zeit in der Nähe von 1234567 aufhielte, zusammen mit Datum und Uhrzeit und, falls gewünscht, den Ortskoordinaten. Umgekehrt passierte das ebenso, aber die Smartphones bauten dafür keine Verbindung auf und tauschten keine weiteren Daten aus – es wäre jeweils ein reiner Broadcast, auf den die Empfänger nicht antworten. Diese Begegnungsdaten würden ausschließlich lokal auf dem Smartphone gespeichert; kein Dritter würde davon erfahren.

Interessant würde es, wenn der Nutzer mit der Nummer 1234567 nun COVID-19-Symptome entwickeln und sich mit positivem Ergebnis auf das Virus testen lassen würde. Danach würde er in der Corona-App die Schaltfläche „Ich bin infiziert“ drücken und (nach einer Rückfrage, ob das kein Versehen war) der zentrale Server informiert, dass 1234567 (der nach wie vor anonym bliebe) mit dem neuartigen Corona-Virus infiziert sei. Davon könnte der Server alle Nutzer mit einer Push-Nachricht informieren, falls diese sich dafür identifizieren ließen (diese Daten würden nicht mit der zugehörigen Nummer verknüpft; es wäre eine reine Adressliste). Das wäre aber nicht einmal nötig; die App könnte auch umgekehrt regelmäßig beim Server anfragen, ob es neue bekannte Infizierte gibt.

Wenn nun bekannt würde, dass 1234567 infiziert wäre, würde die App in den lokal gespeicherten Daten nachschauen, ob diese Nummer dort auftaucht – zu einem Zeitpunkt, als 1234567 vermutlich bereits infektiös war. Wenn es eine Fundstelle gäbe, würde sie den Benutzer warnen, dass er oder sie sich zu einem bestimmten Zeitpunkt (und gegebenenfalls an welchem ungefähren Ort) in der Nähe eines Infizierten aufgehalten hat. Dann könnte man sich in häusliche Quarantäne begeben, 116 117 wählen und mit der Information, dass man sich möglicherweise vor beispielsweise drei Tagen angesteckt hat, auf einem Test bestehen.

Ohne dass irgendein Dritter erführe, wer sich wann wo aufgehalten hat und ob jemand infiziert ist oder nicht, könnten mögliche Ansteckungsopfer schnell ermittelt und gewarnt werden – mit dem Ergebnis, dass sich ein lokaler Ausbruch der Epidemie – den es immer wieder geben kann, so lange kein Impfstoff zur Verfügung steht – schnell eindämmen ließe. In der aktuellen Lockdown-Situation wäre eine solche App unnötig, aber sie könnte helfen, das normale Leben wieder aufzunehmen, ohne befürchten zu müssen, dass COVID-19 nach wenigen Wochen relativer Sorglosigkeit in einer massiven Welle zurückkehrte – und als nötige Antwort ein erneuter Lockdown erfolgen müsste.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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Kommentar

  1. Hallo zusammen,
    die Corona App soll ja mit BlueTooth funktionieren, setzt also voraus, dass man BlueTooth eingeschaltet hat. Das ist aber nicht ungefährlich, weil BlueTooth Sicherheitsmängel hat, die dazu führen können, dass Böse Buben z.B. zu wissen bekommen, wann man aus dem Haus geht und damit die Bahn für einen Einbruch frei ist.
    Ich persönlich schalte BT nur ein, wenn es unbedingt notwendig ist.
    Bleiben Sie gesund, beste Grüße
    Thomas P. Niesel

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