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Bundesregierung: Unterstützungsmaßnahmen für Verschwörungstheoretiker

Ein kurzer Exkurs über schlechte Vorbilder

Samstagabend, 2. Mai 2020, Tagesschau. Am Nachmittag protestierten in Stuttgart mehrere Tausend Menschen gegen die Corona-Beschränkungen. Wie die Medien berichten, zählten zu den Teilnehmern unter anderem Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und Anhänger der Pegida-Bewegung. Zeitgleich demonstrierte die Bundesregierung ihre Unterstützung für die dort aufgestellten Forderungen.

Bundesregierung: Unterstützungsmaßnahmen für Verschwörungstheoretiker
Montage: Doc Baumann, nach einer Szene der Tagesschau von der Sitzung der Bundesregierung am 2. Mai 2020

Es gibt ja viele Verschwörungstheorien zur Corona-Pandemie. Bill Gates steckt dahinter. Die Chinesen haben das Virus durch Genmanipulation geschaffen und es ist ihnen aus dem Hochsicherheitslabor in Wuhan entwischt. Das Ganze wird nur hochgespielt und ist letztlich nicht schlimmer als jede Grippewelle (wie auch unser Gesundheitsminister vorausschauend noch am 23. Januar verkündete ).

Nach manchen dieser Verschwörungstheorien wird die eigentlich nicht sonderlich bedenkliche Erkrankung hochgespielt und ihre Gefährlichkeit maßlos übertrieben, um unsere Rechte einzuschränken und uns unsere Freiheit zu nehmen. (Dabei hat gerade das Bundesverfassungsgericht die Demo in Stuttgart per Eilentscheidung genehmigt.) Natürlich nahm man es in Stuttgart mit Abstandhalten und Maskentragen nicht so genau. Das eint die Pegida-Anhänger mit den Muslimen in Idlip, die dicht gedrängt in der Moschee beten, weil alles ohnehin in Allahs Händen liegt. Mag sein … oder in denen der natürlichen Selektion.

„Merkel, Spahn, Wieler, Drosten haben die Bürger belogen“ war auf einem der Plakate zu lesen. Was wohl heißen soll: Die ganzen angeblichen Eindämmungsmaßnahmen, Abstände, Masken, ausgefallene Fußballspiele und geschlossene Kneipen oder Spielplätze dienen nur dazu, die Bevölkerung zu quälen und zu entrechten. Denn die da oben wissen genau, dass an den Warnungen letztlich nichts dran ist; es sollen nur Angst und Panik verbreitet werden.

Dass man für diese üblen Machenschaften mal nebenbei weltweit die Wirtschaft den Bach runtergehen lässt, ohne dass mächtige Konzerne, Banken und Hedgefonts das durchschauen und an die Öffentlichkeit bringen, mag seltsam erscheinen. Also müssen die irgendwie selbst Teil der Verschwörung sein – schließlich gibt es genug Menschen und Firmen, die sich in der Krise eine goldene Nase verdienen. Wir Normalbürger blicken da bloß nicht durch.

Nun, wie ließe sich ein solcher Verdacht gegen die Bundesregierung beweisen? Ausgangsthese: Wenn die da oben in Berlin genau wissen, dass alle Warnungen eigentlich Blödsinn sind, dass Masken und Abstandsregeln sowieso völlig überflüssig sind, dann würden sie das von den Bürgern zwar fordern, aber sich selbst natürlich nicht dran halten.

Und – was zeigen uns die Nachrichtensendungen von nahezu jedem Sitzungsbeginn unserer Regierungsmannschaft? Freundliches Händeschütteln und Schulterklopfen, zusammengesteckte Köpfe beim vertraulichen Gespräch, Tummeln der Politiker mit Körperkontakt wie auf der Tanzfläche einer Disko. Masken? Nöö! Abstand? Ha, ha!

Als sich am 17. April Minister Spahn und hessische Politiker samt Anhang an der Uniklinik Gießen wie die Sardinen in einem Aufzug quetschten, waren Spott und Schelte in den Medien – zu recht – groß. Dass bei nahezu jedem Fernsehbericht aus dem Bundeskabinett ein Gedränge herrscht wie auf dem Wochenmarkt eines Dritte-Welt-Slums, scheint dagegen niemanden aufzuregen.

Mich regt es auf, jedes Mal! Wie können diese Herrschaften so miserable Vorbilder sein? Physikerin Merkel, die schon einmal in Quarantäne musste, Gesundheitsminister Spahn, Kanzleramtsminister und Minister für besondere Aufgaben Helge Braun, selbst Mediziner? Mit ihrem unverantwortlichen Verhalten kippen sie hektoliterweise Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker, die nun mit guten Gründen argumentieren könnten: Wenn was dran wäre am notwendigen Schutz durch Abstand halten, würden die es ja wohl zuerst tun. Und da das nicht der Fall ist …

Ladenbesitzer müssen hohe Bußgelder zahlen, wenn ihre Angestellten keine Masken tragen. Wie wäre es, wenn die Kabinettsmitglieder und anderen Anwesenden nach jeder dieser Sitzungen pro Kopf 5000 Euro in die Kaffeekasse zahlten? Dann sind die paar hundert Milliarden schell wieder drin. Immerhin ist dieses Verhalten eine sympathische Geste der Bescheidenheit und Ersetzbarkeit: Schaut her – wir wissen ja, wenn einer von uns positiv getestet würde, dass wir dann alle in Quarantäne müssten – aber so wichtig sind wir ja auch nicht, dann machen halt andere weiter! Die Szene können Sie sich auf tagesschau.de HIER anschauen (ab 00:02:09).

Vorsichtshalber, nachdem mir einige Leser/innen den Text zur Trumpschen intravenösen Vergabe von Desinfektionsmitteln wegen möglicher Míssverständlichkeit übel genommen haben: Ich halte die Corona-Pandemie für hochgefährlich, ebenso die einschneidenden, schwierigen und unangenehmen und die oft vielleicht sogar zu laschen Einschränkungen der Grundrechte für leider unumgänglich. So lange, wie unbedingt nötig.

Mag sein, dass an der Vermutung mit dem Viren-Ausbruch aus dem Labor in Wuhan sogar was dran ist. Dass dessen Chef es abstreitet, ist genauso wenig verwunderlich wie dass Trump es behauptet. Der eine wie der andere würde das auch tun, wenn das Gegenteil der Fall wäre.

Schön übrigens, wie sich Trump mit seinen zahllosen Lügen sein eigenes Glaubwürdigkeitsgrab geschaufelt hat: Vielleicht ist an seiner Behauptung etwas dran, US-Wissenschaftler hätten schon vor Jahren nach einem Besuch des Hochsicherheitslabors vor mangelnden Sicherheitsvorkehrungen gewarnt. Mag sein, mag aber auch nicht sein. So wird die Welt eben, wenn man sich nur mit Lügen und Fake News über Wasser halten kann.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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6 Kommentare

  1. Lieber Doc Baumann, Sie und die anderen Leser werden es mir hoffentlich nachsehen, wenn ich auf die von Ihnen zitierten Verschwörungstheoretiker mit meiner eigenen Verschwörungstheorie antworte.
    Da ich ein fauler, ääääh, effektiver Mensch bin, zitiere ich mich selber anhand meines Leserbriefs an die NZZ, der dort vor vier Wochen veröffentlicht und recht viel beachtet wurde:

    “Ich spiele jetzt mal den Verschwörungstheoretiker:
    Keine Regierung dieser Welt kann und wird doch wohl ein Interesse daran haben, die eigene Wirtschaft zu ruinieren, oder?
    Genau das scheint aber jetzt der Fall zu sein, die Wirtschaftswissenschaftler unken schon, dass die Weltwirtschaft um Jahrzehnte zurück geworfen wird.
    Wenn dem so ist, dann gibt es zwei denkbare Szenarien:
    1. Der Virus ist noch weit gefährlicher, als man bereit ist zuzugeben-vielleicht mutiert er ständig, vielleicht gibt es weder Immunität noch dauerhafte Heilung, vielleicht ist der Planet in ein, zwei Generationen menschenfrei-das zu verzögern/verhindern würde den Ruin der Wirtschaft (der allerdings auch schon Leben kostet, in Bangladesh werden sie verhungern…) halbwegs rechtfertigen.
    2.: Der Virus ist ein Geschenk des Himmels an die Regierungen!
    Denn man kann ihm die Schuld geben an dem ohnehin unvermeidlichen Ruin des Weltwirtschaftssystems, der jetzt eben ein paar Monate verfrüht eintritt.
    Die getroffenen Maßnahmen kann man somit weit übertreiben, vorgeschoben wegen der Welt-Gesundheit, tatsächlich weil die Wirtschaft ohnehin am Ende ist!
    Ich neige zu Version 2.
    Seit man im TV Werbung dafür macht, einen Kredit aufzunehmen, der nicht nur nichts kostet, sondern 0,6% Zinsen EINBRINGT, ist mir klar, dass das System am Ende ist.
    Oder kurz davor war, jetzt erfolgt am Abgrund der finale Tritt in den Hintern.
    Alles auf Null, gehen Sie auf Start zurück, gehen Sie nicht über Los.

    Viele Grüße von Hubert Schmitz

  2. Es hilft halt auch nicht viel, wenn Regierung und Medien zur Verwirrung beitragen. Neulich so in der Tagesschau “die Zahl der Infizierten ist weiter gestiegen..” und auf der Webseite des Robert Koch Institut steht es genau anders. Was nun? Ist es so schwer zu sehen ob die Zahlen nun rauf oder runtergingen? Muß man das “interpretieren”? Reicht “lesen” nicht?
    Fragen wir mal andersrum – wie oft haben wir in der Vergangenheit erlebt, daß unsere Regierung uns die volle, klare Wahrheit sagen? “Brutaltsmögliche Aufklärung” also? (hier gerne Gelächter einblenden) Wie oft, daß sie zu gunsten der kleinen Leute die großen und Mächtigen in die Pflicht nehmen? Wie oft, daß Probleme dafür herhalten müssen, daß sie damit genau DAS begründen, was sie eh schon in Dauerschleife durchpeitschen wollen? Und wem von euch ist genau das schon lange vor Corona aufgefallen?

    1. “Sollen sie doch Kuchen essen”, soll Marie-Antoinette den hungrig nach Brot schreienden Bürgern geantwortet haben.
      Das war nicht Ausdruck von Herzlosigkeit, sondern der Blase, in der sie sich befand.
      Man vergleiche mit den heutigen Zuständen in der Politik, nicht nur bei uns…

      1. Als ich diese Anekdote zum ersten Mal bei Erich Kästner (den ich sehr bewundere) gelesen habe, hat sie mir sehr Eindruck gemacht. Unterdessen habe ich aber von einer anderen Interpretation erfahren (und halte das für äusserst plausibel), dass es schlicht Propaganda ihrer Gegner war (fake News, wohl etwa die erste mit Unterstützung von Massenmedien in Umlauf gebrachten).

  3. Danke an Doc für den guten Beitrag.
    Mich macht es auch einfach nur traurig, wenn man im Fernsehen sowohl bei Politikern als auch in sonstigen Shows kein zur Vermeidung einer Infektion angepasstes Verhalten sieht. Kein Wunder, wenn im Alltag sich auch viele nicht daran halten.
    Es ist nun mal so: Wenn sich alle dran halten, dann gibt es wenig Infektionen. Das ist dann aber überhaupt kein Argument,, dass das Virus nicht gefährlich ist. Die Prophezeiung erfüllt sich nicht, wenn sich alle an die Verhaltensmaßregeln halten. Naja, wir werden es sehen was passiert, wenn viele die Regeln missachten. Ich verhalte mich so, als ob alle anderen infektiös sein könnten.
    Schade, dass die Regeln in Diktaturen besser durchgesetzt werden können.

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