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Der Linsen-Krieg – frei nach Roger Cicala

Altglas-Report

Roger Cicala berichtet über seine „Tear Downs“, das Zerlegen von Kameras und Objektive in ihre Bestandteile, häufiger bei DPReview. Dort findet sich auch sein launig-pointiertes Essay über den Linsen-Krieg, das historische Ereignisse skizzieren möchte. Unterhaltungswert und Schmunzel-Faktor sind hoch. Betrachtet man Einzelheiten seiner Darstellung, wirkt einiges salopp und manches fragwürdig.

Lens-war. Der Linsen-Krieg – frei nach Roger Cicalla
Die Entwicklung von Linsen und Objektiven war markiert durch zahllose Konflikte. Schillernde Figuren um 1840 waren Chevallier, Petzval und Voigtländer.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Grundlagen entwickelt, die heute noch in der optischen Industrie von Bedeutung sind. Das ist zum einen der Achromat, um 1730 von Chester Moor Hall erfunden. Ein gewisser John Dollond beanspruchte und erhielt rund 30 Jahre später ein Patent darauf. Sein Sohn führte 30 weitere Jahre einen erbitterten Rechtsstreit. Schon hier driftet Cicalas Story ab. John Dollond wird als „sleazy“ (schäbig, anrüchig, schmierig) eingeführt. Sein Handeln soll kommende Abgründe im bisher „sauberen“ Geschäft mit Optiken und Kameras andeuten. Schlagworte fallen, keines unzutreffend oder weit hergeholt: Copyright- und Patentverletzungen, Diebstahl geistigen Eigentums, Lügen und Intrigen. Und Cicala ist erpicht darauf („I am eager“), darüber zu berichten. Das History of Science Museum in Oxford bietet Einblick in den Verlauf der Diskussionen, die in Cicalas Darstellung einen anderen Beigeschmack bekommen.

Achromat. Der Linsen-Krieg – frei nach Roger Cicalla
Ein Achromat besteht aus zwei Linsen, korrigiert zwei von drei Wellenlängen, sodass sie wieder an einem Punkt zusammentreffen. Der Streit um das Patent währte 30 Jahre.
Lupe. Der Linsen-Krieg – frei nach Roger Cicalla
Achromatische Konstruktionen finden sich heute in hochwertigen Lupen und Nahlinsen für die Makrofotografie.

Paradigmenwechsel

Um 1812 datiert die Erfindung der Wollaston-Landschaftslinse. Daraus entwickelte Charles Chevalier 1839 die „French Landscape Lens“, die Eigenschaften von Achromat und Meniskuslinse vereinte. Davon angestachelt stellte Josef Petzval 1840 sein nach ihm benanntes Porträt-Objektiv vor – die erste Optik der Geschichte auf Grundlage mathematischer Berechnungen. Von Petval entwickelte Theoreme finden noch heute Anwendung im Objektivbau. Zuvor entstanden Optiken nach Erfahrungswerten von Linsenschleifern durch Pröbeln.

Petzval. Der Linsen-Krieg – frei nach Roger Cicalla
Das auf mathematischen Berechnungen basierende Petzval-Objektiv initiierte 1840 einen Paradigmenwechsel im Objektivbau. Die Lichtstärke betrug ungefähr F/3.5 und war ebenso einzigartig.

Neben den mathematischen Grundlagen der Berechnung war die Massenproduktion ein weiteres Novum des Petzval Objektivs. Peter Friedrich von Voigtländer sollte es in Wien herstellen. Soweit zu den Fakten, über die in den meisten Quellen Einigkeit besteht. Cicalas Darstellungen sind unterhaltsamer, ebenso seine Skizze von Petzvals streitbarem Charakter. Seine Auslassungen zur Person des John Dollond wirken gewollt. Ein von Ciallla verbal blumig ausgemalter Wettbewerb der „French Society for the Encouragement of National Industry“, an dem Chevallier und Petzval teilgenommen haben sollen, wird in der Encyclopedia of the 19th Century Photography lediglich am Rande als vergleichende Analyse („comparative analysis“) erwähnt. Andere Quellen verzichten darauf. Der Schweizer Fachpublizist Urs Tillmanns (Geschichte der Photographie, 1981) ebenfalls. Neben detaillierten Beschreibungen mit Quellenangaben laden die Reproduktionen alter Fotos in seinem Buch zu einer visuellen Zeitreise ein.

Cicalla-Krimi mit fiktiven Elementen

Letztlich bekommen Cicalas Ausführungen Krimiqualität. Voigtländer soll sich nach Braunschweig abgesetzt haben, weil Petzvals Patent dort keine Gültigkeit besaß. Ob Petzval ein Patent besaß, ist unbekannt, englische Quellen behaupten es gerne. Wikipedia https://de.m.wikipedia.org/wiki/Voigtl%C3%A4nder will wissen, dass Petzval Voigtländer das Objektiv gegen eine Einmalzahlung von 2000 Gulden überließ. Dass der Firmensitz nach Braunschweig verlegte wurde, ist unstrittig. Deutschsprachige Quellen nennen eine Reihe nachvollziehbarer Gründe. Im weiteren Verlauf schmiert der Linsen-Krieg bei Cicala komplett ab. Ein weiteres von Petzval berechnetes Objektiv konnte nicht produziert werden, weil der Hersteller in Konkurs ging. Bei Petzval wurde eingebrochen und alle Berechnungen gestohlen. Voigtländer produzierte ein weiteres Petzval-Objektiv auf eigene Rechnung. Cicalas Darstellung ist nicht ganz falsch – nur die Jahreszahlen zeigen eine andere Reihenfolge und ergeben ein anderes Bild. Petzvals neuer Produzent ging erst nach einigen Jahren Pleite. Voigtländer produzierte nach alten vorhandenen Unterlagen ein weiteres Petzval-Objektiv und der Einbruch fand erst später statt.

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Bernd Kieckhöfel

Bernd Kieckhöfel hat einige Jahre für eine lokale Zeitung gearbeitet und eine Reihe von Fachartikeln zur Mitarbeiterführung veröffentlicht. Seit 2014 schreibt er für Fotoespresso, DOCMA, FotoMagazin sowie c't Digitale Fotografie.

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