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Fototipp: Maler als Vorbilder für Fotografen

Maler als Vorbilder für Fotografen? Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal in einem Museum beziehungsweise in einer Gemäldegalerie? Man sagt ja gerne, dass Fotografen nur deshalb fotografieren, weil sie nicht so gut malen können. Da mag durchaus auch etwas Wahres dran sein, aber das soll heute nicht unser Thema sein. Mit diesem Beitrag möchten wir Ihren Blick schärfen, indem wir für den Besuch von Museen und Galerien appellieren – ein Blick über den Tellerrand lohnt sich unseres Erachtens, denn Fotografen können viel von Malern lernen.

Auch, wenn Malen oft mehr Geduld und ein ganzes Stück mehr Fingerfertigkeit erfordert als das Fotografieren, sind beides  Kunstformen. Da macht es wenig Sinn, sie gegeneinander aufzuwiegen und versuchen herauszufinden, was einfacher oder schwieriger ist. Nicht jeder gute Maler ist schließlich auch ein guter Fotograf. Viel besser ist es, voneinander zu lernen und Maler als Vorbilder für Fotografen zu begreifen. Malerei unterscheidet sich insofern von der Fotografie, als dass der Maler sein Bild idealisieren kann, also nicht unbedingt die Wirklichkeit abbilden muss. Anders in der Fotografie, denn wenn da einer durchs Motiv rennt, dann ist es eben im Bild, der Maler hat das Problem nicht. Und genau hier ist der Punkt, an dem Fotografen von Malern lernen können. Denn in der Malerei wird das Optimale abgebildet. Das, was im Idealfall auch aufs Foto kommt.

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Starten wir mal mit etwas Essenziellem, das Maler und Fotografen gleichsam betrifft: die Aufteilung des Raumes. Das können beide falsch machen, keine Frage. Aber wer es in die Gemäldegalerie geschafft hat, der kann es wahrscheinlich auch. Es ist natürlich nicht so, dass es hier die für alle gültige Regel gibt, vielmehr gibt es eine Fülle von Möglichkeiten. Aber perfekte Proportionen, eine ideale Aufteilung des Raumes zeigen schon die Fresken in Herculaneum, einer Stadt, die im Jahr 79 vom Vesuv ausgelöscht wurde. Und es ist nicht nur die Darstellung realistischer Szenen, wie wir sie vor allem aus dem Barock und der Ölmalerei der Renaissance kennen, die den Raum entsprechend aufteilen. Es zieht sich durch alle Epochen und kommt nochmals ganz deutlich bei modernen Künstlern wie Roy Lichtenstein zum Tragen. Wer einmal dessen „Chinesische Landschaften“ gesehen hat, begreift, wie man den Raum so aufteilt, dass der Betrachter in der Weite etwas Fesselndes findet, und das, obwohl er ja nur mit wenigen Farben und – in diesem Fall – mit Punkten gearbeitet hat. Die Lichtenstein’sche Raumaufteilung lässt sich Eins zu Eins in die Fotografie übertragen.

Die Aufteilung des Raumes geht einher mit der Lichtstimmung, die für beide Kunstarten ein essentieller Bestandteil ist, sowohl für die Malerei als auch für die Fotografie. Spätestens mit der ersten eigenen Blitzanlage ist jeder Fotograf in der Lage, das Licht seiner Aufnahmen so zu steuern, wie er es für ideal hält. Was aber zu sehen ist, sind oftmals ideen- und lieblos angeblitzte Bilder nach dem Motto „Hauptsache hell“. Dabei gibt es ein wirklich großes Spektrum an Möglichkeiten, das vom Streiflicht und Gegenlicht über Lowkey bis zu Highkey-Aufnahmen reicht. Der Fotograf muss schon einmal in Gedanken eine Vorstellung davon haben, wie das Bild am Ende aussehen sollte. Das Einstelllicht hilft – ein Stillleben hält ewig still. Man sollte vielleicht nicht erst mit einem Fotomodell vor der Linse anfangen, mit den Scheinwerfern zu experimentieren.

Alle großen Künstler haben das Licht als bildbestimmendes Element in ihren Arbeiten, und wenn es eben weggelassen wurde. Ob nun Rembrandt van Rijn in seiner „Winterlandschaft“ von 1646 (Museum Schloss Wilhelmshöhe Kassel) oder seinem Bild, das „Zwei junge Afrikaner“ zeigt (Mauritshuis, Den Haag), oder als weiterer niederländischer Künstler Jan Vermeer, der mit seiner „Briefleserin am offenen Fenster“ (um 1657, Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden) eine Szene gemalt hat, der sich auch ein Fotograf stellen könnte – mit dem Fenster als einzige Lichtquelle. Sie alle haben peinlich genau darauf geachtet, wie das Licht fällt, haben ihr Bild, das zweifelsohne nach realen Vorbildern gefertigt wurde, sorgsam arrangiert. Egal, ob Landschaft oder Porträt, erfolgreiche Maler haben das Licht, wie es fällt, eingefangen. Zumindest so lange es sich nicht um abstrakte oder allzu reduzierte Kunst handelt. Und selbst dann kann eine surreale Lichtstimmung als Vorbild dienen – der Fotograf hat schließlich ähnliche Möglichkeiten mit Blitzgeräten und Filtern.

In Zeiten der Digitalfotografie und all ihren Möglichkeiten der nachträglichen Bildbearbeitung rückt auch noch ein anderes Thema in den Fokus, und zwar die Farbe. Zu Zeiten analoger Fotografie war es wesentlich aufwändiger, Farben eines Fotos anzupassen, als es das heute ist. Und auch hier lohnt ein Blick in die Malerei, denn auch dort ist Farbe ein ganz wesentlicher Bestandteil. Es geht aber weniger um Aktionen, die Farben völlig verändern. Mit Weißabgleich und Farbbalance können aber sehr wohl die Farb- und Lichtstimmungen eines Fotos angepasst werden.

In fast jeder Gemäldegalerie finden sich Bilder von Küsten, Häfen und Schiffen. Das Thema war früher einfach zu bedeutend, um es zu ignorieren, und für viele Maler war und ist es deshalb naheliegend. Als Giovanni Battista Castagneto beispielsweise 1893 seine „Tarde em Toulon“ malte (zu sehen in der Staatsgalerie in São Paulo), hat er auf Farben zurückgegriffen, die zum einen das ganze Bild warm erscheinen, gleichzeitig aber die Farben ein wenig ausblassen lassen, so dass die ganze Szenerie wie im Dunst des Nachmittags liegt. Es kann dem Fotografen also schon helfen, die Farbabstimmung etwas weicher zu machen und gleichzeitig die Farbsättigung zurückzunehmen. Oder eben ein Winterbild mit knackigen Farben und einem stahlblauen Himmel eiskalt aussehen lassen.

Wer sich aufmacht in eine Gemäldegalerie und die Bilder nicht einfach nur so anschaut, sondern sich ein wenig mit ihnen beschäftigt, entdeckt viele Bereiche, in denen die Malerei durchaus als Vorbild für gelungene Fotografie dienen kann und Maler als Vorbilder für Fotografen dienen. Auch in der  modernen Kunst, wo eine einheitliche Farbfläche einer offensichtlich unversöhnlich anderen gegenüber steht. Da tun sich in der Landschaftsfotografie ganz neue Möglichkeiten auf. Und wo es keine Gemäldegalerie in der Nähe gibt: Eine Bibliothek gibt es wirklich fast überall.

Quelle: prophoto-online.de

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