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64-Bit- Bildbearbeitung

Glaubt man den Versprechungen, stehen wir an der Schwelle zu einer ganz neuen ­Leistungsdimension digitaler Dunkelkammern. Was von den ­Versprechen übrig bleibt, erklärt Christoph Künne.

Glaubt man den Versprechungen unserer Hard- und Software­lieferanten, stehen wir an der Schwelle zu einer ganz neuen ­Leistungsdimension digitaler Dunkelkammern. Was von den ­Versprechen in der Praxis übrig bleibt, erklärt Christoph Künne.

Bit-Breite ist das A und O der Computerentwicklung. Steigerungen dieses Leistungsmerkmals zogen bisher gravierende Umwälzungen nach sich: In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat der Sprung von 8 Bit auf 16 Bit Spielzeugcomputer und programmierbare Taschenrechner in ?persönliche? Computer verwandelt. Rechner also, auf denen etwa mit Microsofts DOS ein echtes ­Betriebssystem lief. Der nächste Sprung von 16 auf 32 Bit erfolgte Anfang der 90er. Schwarze DOS-Löcher wichen bunten Symbolen und dem Anspruch auf WYSIWYG (What You See Is What You Get). Realistische Grafik war kein Fremdwort mehr, und bald schon ­konnten selbst günstige Bürorechner Fotos ­darstellen. Stehen wir jetzt mit 64-Bit-Bandbreite, also 64 Zeichen (8 Byte) langen Befehlsketten, die mit jedem Arbeitstakt des Prozessors verarbeitet werden, am Anfang eines neuen ­Zeitalters?   

Bis jeder Feld-Wald- und Wiesen-Rechner nach der 32-Bit-Umstellung mit Photoshop klarkam, vergingen die 90er Jahre. Dann war das Thema digitale Fotobearbeitung demokratisiert. Wer wollte, konnte am PC Bilder bearbeiten, und nur die neuesten Versionen von Photoshop machten immer wieder die Anschaffung schnellerer Hardware erforderlich. Und natürlich die immer höhere Auflösung digitaler Kameras und Scanner.  
Bedarf für schnellere Rechner gab und gibt es für Bildbearbeiter allerdings immer noch, auch wenn Video-Editing, 3D und andere höchst rechenintensive Aufgaben die Bildbearbeitung längst von ihrem Platz als Königsdisziplin der Desktop-Computer verdrängt haben. Das gilt selbst dann noch, wenn 20- Megapixel-Bilder mit 16 Bit Farbtiefe bei rund einem Dutzend Bearbeitungsebenen die 1-Giga­byte-Dateigrößengrenze streifen.

Derzeit ist es allein die mit steigenden Auflösungen und Farbtiefen verbundene Bild­größe, die unseren Geräten zu schaffen macht. Ihretwegen müssen Daten bei der Bearbeitung immer wieder vom Arbeitsspeicher auf die Festplatte ausgelagert werden, wobei ein im Grunde unnötiger Flaschenhals entsteht; eine Art Datenstau im Rechner.     
Von der 64-Bit-Bandbreite, die unsere Prozessoren theoretisch bereits seit ein paar Jahren beherrschen, könnten Großbildbearbeiter profitieren: 64 Bit adressieren viel mehr RAM als 32 Bit. Doch zunächst einmal ist dafür ein gescheites Betriebssystem nötig. Im Windows-Lager gibt es Windows XP 64 oder Vista 64. Systeme, die kaum jemand einsetzt, weil 32-Bit-Programme darauf Probleme bereiten. Apple-User haben keine Wahl. Seit ­MacOS X Snow Leopard (10.6) ist jeder aktuelle Mac 64-Bit-fähig. Programmseitig ergeben sich erstaunlich wenig Probleme beim Ausführen von 32-Bit-Software.
Ein 64-Bit-System allein nützt jedoch auch nur wenig. Erste Tests mit dem neuen Schnee- leoparden zeigen etwa bei Standardanwendungen Geschwindigkeitszuwächse im einstelligen Prozentbereich. Das System (und jedes Programm) kann jetzt fast unendlich viel Arbeitsspeicher adressieren, also nicht mehr nur vier Gigabyte, wie im 32-Bit-Modus, sondern theoretische 16 Exabyte (16 Millionen Terrabyte). Doch damit man auch bei den Programmen von der Möglichkeit profitiert, doppelt so komplexe Befehle abzuarbeiten und viel RAM zu nutzen, müssen die Anwendungen für die 64-Bit-Welt umgeschrieben ­werden.
Bei Photoshop ist das mit CS4 schon geschehen ? wenigstens für die 64-Bit-Windows-Version. Die läuft natürlich nur auf einem 64-Bit-Windows-Betriebssystem mit einem 64-Bit-Prozessor. Die aktuelle Mac-Version dagegen läuft nur mit 32 Bit, auch wenn das System darunter und der Prozessor 64-Bit-fähig sind. Erst Photoshop CS5 wird auf dem Mac von den neuen Möglichkeiten ­profitieren.
Ob wir als Endanwender das dann auch beim Arbeiten spüren werden, steht auf einem anderen Blatt. Klar ist schon jetzt, dass sich sehr große Dateien mit einem Gigabyte und mehr Speicherbedarf schneller öffnen und bearbeiten lassen. Das liegt am RAM, der dann im Rahmen von Photoshop nicht mehr auf drei Gigabyte begrenzt bleibt.

Am Ende wird die 64-Bitisierung von Photoshop wahrscheinlich ein ähnlicher Erfolg wie die Verlagerung bestimmter Berechnungen auf den Grafikprozessor zur Optimierung der Bildansicht oder die Nutzung mehrerer Prozessorkerne, die tatsächlich nur bei einigen Filtern funktioniert. Spürbare Geschwindigkeitszuwächse entstehen mit all diesen Techniken nur, sofern man Photoshop in einer Weise nutzt, die diese optimierten Funktionen häufig anspricht.
Das wahre Potenzial von 64 Bit, optimiertem Multiprocessing und der GPU-Implementierung zeigt sich, wenn man mehrere Gigabyte große Dateien ausgiebig mit dem Gaußschen Weichzeinchner bearbeitet, ständig öffnet und schließt sowie vorher wie nachher im ?Ansichtsdrehen?-Werkzeug rotiert. Man könnte es auch anders sagen: Bildbearbeitung ? wie wir sie bisher kennen ? braucht eher selten 64 Bit. Munter bleiben!  

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