Workshop: Gestickte Pixel

Die Anforderungen an Problem­lösungen mit digitaler Bildbearbeitung sind in der Praxis wirklich grenzenlos. Bei manchen Anfragen müssen wir zwar passen, weil der Weg zweidimensional einfach nicht realisierbar wäre und die dritte Dimension mit einbezogen werden müsste, bei anderen können wir weiterhelfen. So etwa bei dieser:

Hallo Doc!
Ich bin aufmerksamer Leser Ihrer Zeitschrift und auch schon der Tutorials vor fünf Jahren in diversen Zeitschriften, und ich bin in Photoshop ziemlich gut dabei.
Ich versuche gerade, ein Logo in Photo­shop zu erstellen für den Druck. Es soll so aussehen, als sei es auf eine Waschanleitung (diese kleinen kratzigen Dinger in den Hemden und Pullovern) gestickt. Habe es schon mit verschiedenen Methoden versucht, sieht aber nicht so toll aus. Für einen kleinen Tipp oder einen Hinweis, wo ich im Netz so einen Workshop finden könnte, wäre ich mehr als dankbar ?
Mit freundlichem Gruß aus Nürnberg
Alexander Tschopoff (Mediengestalter)

Im Netz kenne ich zwar keinen, aber es ist ja auch viel spannender, sich dazu selbst was auszudenken. Ein paar Lösungsansätze finden Sie auf den folgenden Seiten, wobei mir vier Varianten eingefallen sind: Einsatz der Musterfüllung mit selbst angelegten Mustern, alternativ dazu der des Muster-Stempels, das Arbeiten mit dem Pinsel mit eigenen Werkzeugspitzen, dies alles jeweils in Verbindung mit den Ebeneneffekten ?Schlagschatten? sowie ?Abgeflachte Kante und Relief?, schließlich Einsatz von Plug-ins, hier insbesondere des Elemente-Verteilers ?KPT Scatter? sowie ?Patchwork? aus ?Splat?.
Auf der Suche nach hilfreichen Vorlagen musste ich auf ziemlich alte Stücke aus meinem Kleiderschrank zurückgreifen, weil ich in den neueren nur noch gedruckte Schildchen dieser Art finden konnte. Wie ich schon in etlichen anderen Workshops erwähnte: Das ausgiebige Studium dessen, was Sie digital nachahmen wollen, sollte immer am Anfang stehen. Und in solchen Fällen ausnahmsweise einmal nicht das der Gegenstände selbst, sondern das ihrer Bilder.
Oft hat man einen allgemeinen und nicht sehr genauen Eindruck davon, wie dies oder jenes aussieht, und versucht dann, es nachzubauen ? der Blick auf ein Foto davon würde mitunter zeigen, auf was besonderer Wert gelegt werden müsste. Und dass manche Details anders aussehen, als man sie in Erinnerung hat. So steht auch bei diesem Workshop zunächst das ausgiebige Anschauen des Vorbildes am Anfang.


Hinweis: Dieser Workshop funktioniert mit Photoshop ab Version 5.5. Für größere Bildansichten bitte auf die Bilder klicken.


1 Original-Einnäher
Es bedurfte ausgiebiger Suche in meinem Kleiderschrank, bevor ich ein wirklich gesticktes und nicht bloß gedrucktes eingenähtes Schildchen dieser Art aufgetrieben hatte ? in  einem Seidenanzug aus den frühen Sechzigern (was man nicht alles aufhebt ?). Interessant ist eine solche Makro-Aufnahme, um genau zu studierten, wie eine solche Stickerei aussieht: die hellen Fäden im Hintergrund als Basis, darauf die dickeren farbigen für das Motiv. Je nach Art des verwendeten Garns und seiner Stärke sind an den Fäden selbst Glanzeffekte, Körperschatten und gedrehte Struktur zu erkennen, zudem ein leichter Schlagschatten auf den Hintergrund.

2 Repetitives Muster anlegen
Diesen kleinen Trick hatten wir Ihnen in vorausgehenden Workshops bereits vorgestellt: Um aus dem Foto einer strukturierten Fläche ein Wiederholungsmuster zu erzeugen, das an den Rändern seiner Kachelungs­elemente bruchlos zu benachbarten Kacheln anschließt, verwenden Sie für die Ausgangsdatei (links) den ? unter ?Sonstige? untergebrachten ? Filter ?Verschiebungseffekt?. Verlagern Sie die Pixel um ungefähr halbe Höhe und Breite der Datei, wobei ?Durch verschobenen Teil ersetzen? unbedingt aktiviert werden muss (Mitte). Danach retuschieren Sie mit Stempel, Reparatur-Pinsel oder verschobenen Auswahlen die Struktur im Bereich der nun in die Bildmitte verlagerten ehemaligen Bildgrenzen. Zur Kontrolle wiederholen sie den Filtereinsatz noch einmal, um zu sehen, ob alle Anschlüsse stimmen. Wählen Sie die Datei komplett aus und bestimmen Sie im ?Bearbeiten?-Menü ?Muster festlegen?; nach Zuweisung eines Namens finden Sie das Muster nun überall, wo die Muster-Palette eingesetzt wird.

3 Muster anwenden
Unter ?Fläche füllen? wählen sie die Variante ?Muster? (das an dieser Stelle im Unterschied zum Ebeneneffekt ?Musterfüllung? leider nicht skalierbar ist). Der Vorteil gegenüber dem Ebeneneffekt besteht darin, dass Sie es mit bearbeitbaren Pixeln zu tun haben, die Sie zum Beispiel wie in diesem Fall leicht aufhellen können.)

4 Waagerechtes Strichmuster anlegen
Zur Darstellung der Stickfäden erzeugen Sie ein weiteres Muster, diesmal mit Transparenzunterstützung. Zoomen Sie stark in die Datei. Verwandeln Sie die Hintergrundebene in eine normale Ebene, indem Sie sie in der Ebenen-Palette doppelt anklicken und ihren neuen Namen bestätigen. Füllen Sie ein zwei Pixel hohes Rechteck schwarz; verschieben Sie ein Duplikat um zwei Pixel nach unten. Wählen Sie einen Bereich von der hori­zontalen Mitte des oberen bis zur Mitte des unteren Rechtecks aus (das erleichtert die Einschätzung des Linienab­standes). Rufen Sie bei aktiver Auswahl wiederum ?Muster festlegen? auf und geben Sie einen Namen ein. Die Preview-Darstellung wird  verzerrt angezeigt.

7 Ebeneneffekte
Färben Sie die Fäden auf Ihrer Ebene nach Wunsch. Das geht alternativ durch den Ebeneneffekt ?Farbüberlagerung?, durch Laden der Pixel dieser Ebene als Auswahl und Füllen mit Farbe oder Füllen nach vorheriger Aktivierung der Option oben in der Ebenen-Palette: ?Transparente Pixel fixieren?. In der vergrößerten Darstellung in der Mitte habe ich den Buchstaben von links nach rechts zugewiesen: ?Farbüberlagerung? (St), ?Schlagschatten (ic), ?Abgeflachte Kante und Relief? (ke) sowie im letztgenannten Feld ?Struktur? (rei). Darunter sowie  klein oben rechts sind alle Effekte kombiniert angezeigt.

5 Textauswahl erzeugen
Obwohl ich natürlich weiß, dass es die Option gibt, Text direkt als Auswahl zu erstellen, bevorzuge ich oft die Methode, ihn auf einer neuen Ebene in herkömmlicher Form einzugeben (oben), die Ebene auszublenden und auf einer leeren Ebene durch Anklicken mit gedrückter Strg-/Befehlstaste als Auswahl zu laden. Diese Auswahl füllen Sie nun mit dem soeben vorbereiteten Streifenmuster (Mitte). Da dieses Muster transparente Bereich einschließt, werden nur die Pixelstreifen eingefügt, während die Abstände dazwischen durchsichtig bleiben.

8 Faden-Werkzeugspitze und Auswahl
Ein weiteres Verfahren, um gestickte Fäden aufzubringen, funktioniert nicht mit einer Musterfüllung, sondern durch Nachmalen eines Pfades mit einer Malspitze. Die Spitze ist schnell erzeugt: Wählen Sie mit dem Auswahl-Rechteck ein kleines, langgezogenes Rechteck aus, wobei nach oben und unten sowie vor allem nach beiden Seiten etwas Spielraum für den Abstand der später daraus entwickelten Fäden bleiben muss. Geben Sie der Spitze einen Namen; sie erscheint nun in der Werkzeugspitzen-Palette. Auf einer neuen Ebene ziehen Sie ein großes Auswahl-Rechteck auf. Im Auswahl-Menü unter ?Auswahl verändern > Abrunden? geben Sie einen hohen Radius ein (hier 50), um die Ecken des Rechtecks abzurunden.

6 Unvollständige Fäden ergänzen
Auf den ersten Blick sieht die Stickerei schon ganz überzeugend aus. Auf den zweiten allerdings nicht mehr, da Fäden entweder über oder unter dem durchstochenen Stoff liegen, aber nicht halb zu sehen sein können. Zwei solcher Stellen sind hier (oben) mit Pfeilen markiert. Damit es bildlogisch glaubwürdig wirkt, muss dort also nachgebessert werden. Das ist manuell am schnellsten erledigt: Stellen Sie eine Pinsel-Werkzeugspitze passender Größe ein. Wenn sich keine geeignete in Ihrer Palette findet, nehmen Sie eine mit ähnlichem Durchmesser und vergrößern Sie über das numerische Feld oder mit Hilfe der Tasten ?Ö? (vergrößern) oder ?#? (verkleinern). Reparieren Sie die zu schmalen Fäden; bei längeren lassen Sie sich von der Umschalttaste beim exakt waagerechten Ziehen unterstützen.

9 Umrandung nachmalen
Verwandeln Sie das abgerundete Auswahl-Rechteck zunächst in einen Pfad, indem Sie am Fuß der Pfade-Palette auf das Symbol für ?Arbeitspfad aus Auswahl erstellen? klicken. Vorsichtshalber sichern Sie diesen Pfad. Damit aus unserer zuvor angelegten ­Werkzeugspitze ein für den nächsten Schritt brauchbarer Faden wird, drehen Sie sie in der Pinsel-Palette unter ?Pinselform? zunächst um 90 Grad und erhöhen dann den ?Malab­stand? nach Augenmaß. Im Einstellfeld ?Formeigenschaften? wählen Sie unter ?Steuerung? für ?Winkel? ?Richtung?. Bestimmen Sie die Fadenfarbe. In der Pfade-Palette klicken sie auf das Symbol für ?Pfadkontur mit Pinsel füllen? (links). Das Hinzufügen der in Abbildung 7 genannten Ebeneneffekte macht aus den entlang des Pfades verteilten Strichen plastische Fäden (rechts).

10 Mustergefüllte Form
In derselben Weise, in der Sie zuvor Schrift als gestickt wiedergegeben haben, können Sie nun auch beliebige Formen darstellen. Hier habe ich das vorgegebene Ornament ?Bourbonische Lilie? aus der Formen-Palette aufgezogen (links) und wie zuvor auf einer neuen Ebene als Auswahl geladen, mit dem Muster gefüllt und mit Ebeneneffekten versehen. Sie können das in diesem Fall auch auf derselben Ebene machen, auf der der gestickte Rand liegt, dann werden die gewählten Effekte direkt auf die neuen ?Fäden? angewandt.

11 Fäden mit Pinsel malen
Je nach beabsichtigter Wirkung kann die Gleichmäßigkeit des Musters erwünscht oder störend sein. Um es etwas unregelmäßiger darzustellen, habe ich in diesem Beispiel die zuvor angelegte Werkzeugspitze direkt auf der mit Effekten versehenen Ebene innerhalb der geladenen Lilien-Auswahl angewandt. Dabei blieb die Spitzen-Ausrichtung bei 0 Grad (also waagerecht), und der eingestellte Malabstand wirkte sich auf den vertikalen Abstand aus. Ich zog den Pinsel senkrecht, setzte dann neu an und malte die nächste Spur daneben. Bei nicht exakt senkrechter Zugrichtung entstehen zum Teil Verdichtungen, die aber ganz interessant aussehen können.

12 Gestickte Maske
Um einiges komplizierter ist die Stick-Umsetzung dieser römischen Maske, einer Brunnenfigur (links). Sie wurde zunächst stark weichgezeichnet, dann über ?Verlaufs­umsetzung? (vergleiche DOCMA 02, Seite 8 ff.) in vier Farbflächen gesplittet. Diese trennte ich auf vier separate Ebenen und ging dann in der zuvor beschriebenen Weise vor, um Musterfüllungen zu erreichen. Die entstehenden Fäden färbte ich durch die darüber liegenden, jeweils mit ihnen gruppierten Farb-Ebenen. Um kürzere Fäden wiederzugeben, löschte ich in jeder der vier Faden-Ebenen mit diagonalen Spuren, so dass sich dort Unterbrechungen zeigen. Realistischer wäre allerdings manuelles, senkrechtes Unterbrechen der Fäden.

13 Vorbereitung des Musterstempels
Da man nie wissen kann, zu welchen konkreten Zwecken Sie eine solche Digitalstickerei später in der Praxis einmal anwenden wollen, zeige ich Ihnen noch ein weiteres Verfahren, das sich von den bislang vorgestellten nicht erheblich unterscheidet, aber dennoch gewisse Vorzüge bezüglich des unregelmäßigen Auftrags aufweist: Erzeugen Sie auf einer leeren Ebene ein kleines weißes Rechteck (im grünen Feld oben in Originalgröße, darunter vergrößert dargestellt) und machen Sie mittels der genannten Ebeneneffekte daraus ein Fadenstück. Wählen Sie das Rechteck mit ausreichend Abstand nach oben und unten sowie nach den Seiten hin aus und legen sie es als neues Muster fest.

14 Einsatz des Musterstempels
Erzeugen Sie eine neue Ebene, wählen Sie in der Werkzeug-Palette den Musterstempel (im Feld des Kopierstempels) und in der Optionenleiste unter ?Muster? den gerade angelegten Faden. In der im Normalfall aktivierten Variante ?Ausgerichtet? trägt das Werkzeug die Elemente in einem festen Raster auf (1), auch bei erneuten Ansetzen des Stempels. Versehen Sie die Fäden wie zuvor mit den Ebeneneffekten ?Schlagschatten?, ?Abgeflachte Kante und Relief? sowie ?Struktur? (2 und 3; 2 zeigt zudem die Färbung durch ein Bild auf einer überlagernden, gruppierten Ebene). Zur unregelmäßigen Verteilung der Fäden schalten Sie die Option ?Ausgerichtet? in der Leiste ab (4). Weisen Sie dem Stempel dann noch den Modus ?Dahinter auftragen? zu, kann das das Ergebnis noch weiter verbessern (5).

16 Musterstempel nicht ausgerichtet
Visuell spannendere Ergebnisse erzielen Sie, wenn Sie mit der Option ?Nicht ausgerichtet? wie zu Abbildung 14 beschrieben vorgehen. Eine Alternative zum Arbeiten nur innerhalb der Auswahl besteht darin, die überlagernde Form/Text-Ebene als Orientierung zu nutzen, indem Sie sie mit geringer Deckkraft einblenden (in diesem Falle natürlich nicht gruppiert). Dann enden die gemalten Fäden nicht abrupt an der Kontur, sondern stehen leicht über (ganz links). Füllen Sie danach die überlagernde Ebene komplett mit Farbe, werden alle Fäden eingefärbt (Mitte). Alternativ und exakter können Sie auf der Faden-Ebene manuell nachmalen beziehungsweise mit dem Radiergummi löschen (rechts).

15 Musterstempel ausgerichtet
Setzen Sie den Musterstempel in der vorgegebenen Variante ?Ausgerichtet? ein, unterscheidet sich das Ergebnis nicht weiter von einer einfachen Musterfüllung. Der einzige Unterschied bei dieser Datei im Vergleich zu der mustergefüllten innerhalb der Auswahl besteht darin, dass hier die Färbung der Faden-Ebene dadurch zu Stande kommt, dass die Ebene mit Linie und ? in Pixel umgewandelter ? Schrift als gruppierte Ebene darüber liegt.