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(TT) Zwischen den Stühlen

Lange reihten die Verantwortlichen bei Leica eine überteuerte Peinlichkeit an die andere. Jetzt scheint es so, als wäre das Digitalzeitalter endlich auch im ­hessischen Solms angekommen.

Leica ist Kult. Lange Zeit lieferte die alteingesessene deutsche Marke das beste Beispiel, wie der Ruf von Produkten, trotz augenscheinlicher Schwächen, das wirtschaftliche Überleben sichern kann. Und das, viele Jahre bevor Firmen wie Nike auf die Idee kamen, die Marke und das ­Produkt strikt zu trennen.
Erinnern wir uns: In der Weimarer Republik befreite ein Ingenieur, quasi im Alleingang, die Fotografie mit einer völlig neuartig konstruierten Kamera aus dem Studio und Fotoapparate vom Stativ. Fotografen konnten nun überall, auch unter ungünstigen Lichtverhältnissen, vorzeigbare Bilder produzieren. In den folgenden Jahrzehnten perfektionierte Leica ihre Produkte und war immer auf der Höhe der Zeit, meist sogar dem Rest der Anbieter einen Schritt voraus. Zuletzt gelang es ihnen, einen bis in den Tod treuen Kundenkreis aufzubauen, der stets willens blieb, für zehn Prozent mehr Qualität den fünf- bis zehnfachen Preis zu bezahlen.
In den achtziger Jahren jedoch ­läutete Leica eigenhändig das Ende ihrer Technologieführerschaft ein. Statt den eben selbst erfundenen Autofokus in die eigenen Kameras einzubauen, entschied man sich, den Markt für solche Erleichterungen dem Wettbewerb zu überlassen. Strategisch ­setzte man auf die ambitionierten Fotografen, die solchen Schnickschnack nicht vermissen würden. Output-orientierte Profis blieben damit außen vor, doch die konnten sich ohnehin kaum mehr die teuren Leica-Kameras und -Objektive leisten. Stattdessen kauften fortan vermehrt Ärzte, ­Rechtsanwälte und andere Gutverdiener eine Leica, mit der sich trefflich die eigene fotografische Professionalität in Szene setzen ließ. Dieses Klientel scherte es nicht, auf technische Hilfsmittel zu verzichten, wenn es im Gegenzug eine Chance gab, die wahrhaftige Messsucher-Fotografie zu erleben und sich anschließend im erlauchten Kreis über die dabei ­durchlebten Erfahrungen auszutauschen. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre wurde aus dem stagnierenden Geschäft eine Talfahrt, als Leica auch noch den Einstieg in die ­Digitalfotografie verpasste. Man ging als Notbehelf eine ­Kooperation mit Fuji ein. Was dabei herauskam, hatte zwar ein Leica-Objektiv, doch waren die Bildergebnisse unter aller Würde. Ich erinnere mich noch gut, wie ich einen Produktmanager auf das Furcht einflößende Rauschverhalten einer solchen Kamera ansprach und er meine Frage mit dem lapidaren Satz abtat: ?Rauschen? Also ich höre wirklich nichts.?
Die Folgen dieser zum Firmengrundsatz erhobenen Haltung gegenüber der Digitalfotografie prägte fast zehn Jahre lang jede Pressekonferenz, an der ich teilnahm. Sprachen andere von technischen Errungenschaften auf digitalem Gebiet, gab es bei Leica eine Sonderauflage der Ur-Leica von 1924 zum Preis von nur wenigen tausend Euro. Um die Jahrtausendwende tat ein Vorstand die Digitalfotografie als kurzlebige Mode-
erscheinung ab und propagierte die Zukunft des Films. Für die Zwischenzeit setze man bei den Consumer-Kameras auf Panasonic als Partner und verkaufte den Kunden technisch identische Produkte mit einem roten Button und erheblichem Preisaufschlag gegenüber den Lumix-Modellen.
Vor zwei Jahren kam nach langer Ankündigung endlich der Leica-Klassiker, die ?M? in ihrer achten Überarbeitung, als reinrassige Digitalkamera auf den Markt. Mit 1,3-fachem Beschnittfaktor und einer Qualität, die nicht an die traditionellen Ansprüche heranreichen wollte. Dass das allein für die ­Sicherung der Zukunft nicht ausreicht, hat man wohl auch in Solms bemerkt. Ebenso wie das Ausbleiben der Rückkehr zum analogen Film, die hohen Sterblichkeitsraten der alten Fangemeinde und das fehlende Interesse des potenziellen Nachwuchses.
So gab es zur aktuellen Photokina 2008 ein wahrhaftiges ­Produktgewitter: Nach einem nur manuell fokussierbaren 50-Millimeter-Noctilux-Objektiv mit Blende f0,95 (für ca. 8 000 Euro), einem aus dem vollen Messingblock gefrästen Weitwinkel-Aufstecksucher, einer Vukanit-Armierung zur Steigerung der Materialerotik der M 8.2 und anderen ebenso praktischen wie ­teuren Nebensächlichkeiten kam der Clue: Die S2 ­? ein komplett neu entwickeltes digitales System für Profi-Fotografen. Hier hat man nicht einfach das alte R-System runderneuert, sondern eine neue Digitalkameraklasse erfunden. ­Einen Body etwa in der Größe einer Profi-Canon, der jedoch einen Überformat­sensor mit 30 x 45 Millimeter ­Kantenmaßen beherbergt. Das ist weniger, als die aktuellen Mittelformatmodelle bieten, aber immerhin mehr als 1,5-mal soviel Fläche wie ein Vollformatchip. Bei einer Auflösung von 37,5 Megapixel soll das Gerät all jene ansprechen, die nach einer halbwegs handlichen Kamera Ausschau halten und der Meinung sind, die 20 bis 25 Megapixel der normalen Vollformater seien etwas dürftig. Zur Ergänzung sind eine Reihe erstklassiger Festbrennweiten und sogar ein Zoom angekündigt. Revolutionär ist außerdem, dass alle Linsen über einen Autofokus verfügen. Zum Preis gibt es noch keine offiziellen Angaben, aber man sollte mit 20 000 bis 25 000 Euro allein für das Gehäuse rechnen, wenn die Kamera ? nach Plan ? Ende 2009 erhältlich sein wird.
Allerdings zeichnet sich ab, dass man in Solms dem Markt wieder hinterherläuft. Denn schon auf dieser Photokina hat die Mittelformatfraktion einen neuen Maßstab proklamiert: Danach fängt die ­?echte? ­digitale Fine Art erst ab 51 Megapixel an.
Munter bleiben!

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