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Bilder vom Krieg

Der deutsche Fotograf Christoph Bangert zeigt in seinem Buch „War Porn“ schonungslos die Schrecken des Krieges.

Kriegsberichterstatter nehmen zahllose Fotos auf, welche die Mediennutzer nie zu sehen bekommen. Die Gründe der Redaktionen für diese vorsorgliche Zensur sind gewiss ehrenwert: Man will den Betrachtern nicht Seelenfrieden und Nachtruhe durch Fotos rauben, die verstümmelte Leichen und Schwerverletzte zeigen.
Kinder und Jugendliche sind zwar bestens vertraut mit Ballerspielen und Horrorfilmen, in denen sich die Gegner in Blutfontänen auflösen (oder, schlimmer noch, im familienfreundlichen TV-Krimi ohne störende Spritzer tot zu Boden sinken) – aber das ist erkennbar Fiktion, keine beunruhigende Realität.
(Der Unterschied wurde mir vor vielen Jahren klar, als ich ein dickes Buch über die Psychologie des Horrors schrieb. Den voluminösen Bildband der Gerichtsmedizin, den ich für meine Recherchen erworben hatte, habe ich ein einziges Mal durchgeblättert – zu erschreckend war die Erkenntnis, dass das Abgebildete Gräuel dokumentierte, die wirkliche Menschen anderen wirklichen Menschen angetan hatten.)
Die blutigen Fotos der Realität des Krieges werden also üblicherweise sorgsam zensiert, sei es von den Redaktionen oder bereits vorab von den Kriegsparteien, die begleitende Journalisten nur im Rahmen der vorgesehenen Propagandawirkung arbeiten lassen. Der deutsche Fotograf Christoph Bangert hat nun diese Zensur durchbrochen (zumindest teilweise; sicherlich gibt es weit Schrecklicheres, das selbst er den Lesern nicht zumuten will).
„Nutze ich die Menschen in meinen Bildern aus?“, fragt Bangert. „Ist es moralisch zu rechtfertigen, als Fotograf in Kriegsgebieten zu arbeiten? Warum sind wir alle von Bildern des Elends anderer angezogen? Produziere ich Kriegs-Pornografie?“
So grauenvoll viele der Bilder in diesem Buch sind, ich halte sie für nötig, um den blassen Zahlen von Getöteten und Verletzten ein Gesicht zu geben, um zu zeigen, was Menschen mit Menschen machen – und wie jene Waffen dabei effektiv helfen, deren Produktion unsere Politiker und Gewerkschafter nur unter Aspekten wie Arbeitsplatzerhalt und Technologievorsprung diskutieren.
Pornografisch an diesem Band finde ich allerdings das Folgende: „Einige Doppelsei­ten im Buch sind unbeschnitten, also geschlos­sen. Der Leser kann sie entlang einer Perforation öffnen und so selbst entscheiden, wie viele der Bilder er sehen möchte, wie viele er ertragen kann.“ Das erzeugt einen Voyeurismus mit auf den Kopf gestellter Adventskalender-Erwartungshaltung: Dieses Foto war ja gar nicht so schlimm, wie entsetzlich wird wohl das nächste sein?
Oder gehört das zum heimlichen Konzept der Selbstentlarvung des Lesers?

War Porn
Text und Fotos: Christoph Bangert
gebunden, 192 Seiten
Text englisch
Kehrer Verlag, 2014
29,90 Euro

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