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Sherlock Holmes und das Rätsel der verlorenen Dokumente

Sherlock Holmes und das Rätsel der verlorenen Dokumente

Sherlock Holmes widmete sich wieder seinen Experimenten zur Identifizierung von Zigarrenasche, während ich weiter über den flüchtigen Mörder nachdachte. Illustration: Sidney Paget

Als die Tagesschau nach dem schrecklichen Anschlag in Berlin berichtete, dass der erste Tatverdächtige freigelassen worden sei und die Suche nach dem Täter weitergehe, sagte Doc Baumann zu seiner Frau: „Ich würde mich nicht wundern, wenn sein Pass irgendwo im Lkw gefunden und er wenig später bei der Festnahme erschossen würde.“ Man missverstehe es nicht als Mangel an Respekt den Opfern und ihren Angehörigen gegenüber, wenn er die hinter diesen Worten stehenden Gedanken hier in Form einer Sherlock Holmes-Geschichte darstellt.


Sherlock Holmes und das Rätsel der verlorenen Dokumente

Sherlock Holmes und ich waren am Vorabend erst spät von unserer Eisenbahnfahrt nach Kent zurückgekehrt, weswegen wir noch beim Frühstück saßen, als es an der Haustür von 221 B Baker Street läutete. Mrs. Hudson öffnete, und da ich schnelle Schritte unbegleitet die Treppe hinaufkommen hörte, versuchte ich, Holmes mit meiner Kombinationsfähigkeit zu imponieren: „Das klingt nach einem vertrauten Besucher, und er hat es offensichtlich sehr eilig.“

Schon klopfte es, und mein Gefährte rief: „Kommen Sie herein, Lestrade. Sie können mit uns frühstücken!“

Im nächsten Augenblick trat in der Tat Scotland-Yard-Inspektor Lestrade – den der Detektiv wohl an seiner typischen Gangart erkannt hatte, welche mir einmal mehr entgangen war – über die Schwelle. Er war bleich, Schweiß glänzte auf seiner Stirn, und er hielt sich für einen Augenblick am Türrahmen fest.

„Da wird ein Tee wohl nicht reichen,“ murmelte Holmes und sagte dann laut, so dass Mrs. Hudson es durch die noch offene Tür hören konnte: „Bitte bringen Sie ein großes Glas Whiskey für unseren Gast – er hat es dringend nötig.“ Und zu Lestrade gewandt ergänzte er mit ungewöhnlich warmer Stimme: „Bitte setzen Sie sich, mein Lieber. Ich sehe mit größtem Entsetzen und tief bewegt, dass nun auch unsere Stadt ein Opfer dieser muselmanischen Anarchisten-Sekte geworden ist und ein schrecklicher Anschlag mit einem der schweren Pferdewagen der Guinness-Brauerei, der viele Besucher überrollte, auf dem Weihnachtsmarkt vor St. Paul’s zahlreiche Menschenleben und Verletzte, darunter den Kutscher, gefordert hat. Sie selbst haben ja offenbar versucht, den Bedauernswerten zu helfen, bevor die Sanitäter eintrafen. Es überrascht mich allerdings ein wenig, dass Scotland Yard so schnell bei der Suche nach dem flüchtigen Täter auf meine bescheidenen Fähigkeiten setzt.“

Lestrade war derartige Kombinationen inzwischen gewohnt und wunderte sich darüber nicht mehr so sehr wie in den Anfangszeiten unserer Bekanntschaft. Er nahm den Hut ab, setzte sich in den angebotenen Sessel, wischte sich mit einer fahrigen Geste die feuchten Haare aus der Stirn und meinte dann, zu mir gewandt:

„Ich muss gestehen, Dr. Watson, dass mir nach einem solchen Morgen der Sinn nicht nach den Rätseln unseres genialen Freundes steht. Ich habe kein Wort von alledem erwähnt – genau genommen habe ich Ihnen noch nicht einmal einen guten Tag gewünscht. Keine Zeitung konnte bisher etwas darüber bringen. Und dennoch haben Sie“ – er blickte nun müde zu Holmes, der sich gerade eine Pfeife anzündete – „wieder einmal in allem recht, was Sie sagen. Dabei hat sich dieses schreckliche Attentat vor wenig mehr als zwei Stunden zugetragen.“ Und niedergeschlagen fügte er hinzu: „Wenn Sie ohnehin schon alles wissen, muss ich ja nicht mehr viel von jenem Grauen berichten. Diesen Anblick würde ich ohnehin gern für den Rest meines Lebens vergessen, obwohl ich schon Vieles gesehen habe. Doch bitte klären Sie uns auf, wie Sie zu Ihren Schlussfolgerungen gelangt sind!“ Er nahm einen kräftigen Schluck aus dem Glas, das Mrs. Hudson inzwischen auf dem Tischchen neben ihm abgestellt hatte.

„Es erübrigt sich fast, die Tatsachen aufzuzählen, die mich zu meinen Schlüssen gebracht haben; sie liegen klar auf der Hand. Dass Sie es sehr eilig hatten herzukommen, war bereits Ihren Schritten auf der Treppe anzuhören; es ist sogar Dr. Watson aufgefallen. Ihre schweißnasse Stirn hat das nur bestätigt. Dass es sich beim Anlass Ihres Besuches nicht um einen einfachen Mord handeln kann, ist dem Blut an Ihren Schuhen und den zusätzlichen Spritzern an Ihrer Hose zu entnehmen. Bei einem Mordopfer oder einer überschaubaren Anzahl hätten Sie es vermieden, in das Blut auf dem Boden zu treten; da Sie es dennoch getan haben, hatten Sie offenbar keine andere Wahl, also muss es erschreckend viel davon gegeben haben, was auf eine große Zahl bedauernswerter Opfer hinweist.

Da auch etwas verwischtes Blut an Ihrem Knie und in der Ellbogenbeuge Ihres Mantels zu erkennen ist, schließe ich, dass Sie versucht haben, einen Verletzten aufzurichten und sich dabei auf den Boden gekniet haben. Wären bereits Sanitäter am Tatort eingetroffen, hätten Sie sich stattdessen Ihren Ermittlungen gewidmet.

Zudem haftet ein wenig Pferdemist sowohl am Knie Ihrer Hose wie an Ihren Schuhen; der Mordanschlag fand also nicht in einem Gebäude statt, sondern im Freien. Und da sonst relativ wenig Dreck an Ihrer Hose klebt, aber ein paar Tannennadeln am Oberarm Ihres Mantels stecken und ich einen Hauch von Glühwein rieche, nehme ich an, es handelt sich um den Weihnachtsmarkt vor St. Paul’s. Das würde auch ungefähr zu der Zeit passen, die Sie mit der Droschke von dort in die Baker Street gebraucht haben.“

Wie immer hatte Sherlock Holmes mit seinen genauen Beobachtungen den Sachverhalt offenbar genau beschrieben, denn Lestrade nickte nur erschöpft und schweigend mit dem Kopf und äußerte keine Einwände.

„Aber wie können Sie wissen, dass dieses Attentat mit einem Brauerei-Gespann verübt wurde und dass wahrscheinlich diese muselmanische Sekte dahinter steckt“, wollte ich wissen.

„Muss ich das tatsächlich erklären? Der Pferdemist befindet sich an Lestrades Schuhen teils unter und teils über  dem Blut, also hat sich dieses Material direkt am Tatort befunden, den er ausgiebig in Augenschein genommen hat. Da die Auslieferungsroute der schweren Gespanne der Guinness-Brauerei etwa zur Tatzeit in der Gegend von St. Paul’s liegt, nehme ich an, dass eines dieser Fahrzeuge – wie bereits im Sommer dieses Jahres in Nizza – die Mordwaffe war, mit der die Opfer niedergewalzt wurden. Das wird durch den leichten Geruch nach dieser Biermarke bestätigt, welcher unserem Freund Lestrade anhaftet. Weil er um diese Zeit gewiss im Dienst keinen Alkohol trinken würde – das Glas in seiner Hand ist eine wohlverdiente Ausnahme – muss eines der Fässer bei dem Anschlag heruntergerollt und leck geschlagen sein, was meine anderen Schlüsse bestätigt.“

„Und wie konnten Sie wissen, dass nicht der Kutscher selbst der Attentäter war?“, fragte Lestrade.

„Die Kutscher unserer Brauereien sind ehrenwerte Londoner Arbeiter, von denen keiner meiner Ansicht nach für eine derartige Tat in Betracht kommt. Selbst wenn der eine oder andere den Kommunisten oder Anarchisten zuneigen sollte, wäre ein Markt seiner Mitbürger nicht das Ziel einer solchen Untat. Also hat ein anderer das Gespann gelenkt, und da er das gewiss nicht mit Unterstützung des Bier-Kutschers getan hat, wird Letzterer zu meinem Bedauern ebenfalls zu den Opfern gehört haben. An Ihrem Mantel erkenne ich einen schwachen, waagerechten Blutabdruck in Höhe des Oberschenkels – er befindet sich in Höhe der Kante des Kutschbocks.

Weil die Vorgehensweise des Attentats nun exakt der gleicht, die jene muselmanische Anarchistensekte auch in anderen Fällen angewandt hat – und weil Scotland Yard, der Bürgermeister und der Premierminister kürzlich in der Times vor der Möglichkeit eines vergleichbaren Attentats gerade auf einen Weihnachtsmarkt gewarnt haben –, müssen wir den Täter wohl in dieser Richtung suchen. Wäre er verhaftet oder getötet worden, säße unser guter Inspektor nicht hier bei uns – also muss sich der Täter noch auf der Flucht befinden.“

„Sie haben mit allem recht“, bestätigte Lestrade mit hängendem Kopf. „Und ich brauche gar nicht erst auf eine entsprechende Mitteilung des Polizeipräsidenten zu warten – die zweifellos bereits auf meinem Schreibtisch liegt –, um zu wissen, dass alle, von meinen Vorgesetzten über den Premierminister bis zur Queen – eine sofortige Lösung des Falls und die Verhaftung des Mörders fordern. Aber er ist verschwunden. Ein Zeuge hat ihn vom Kutschbock springen und fortlaufen sehen, aber er hat ihn aus den Augen verloren.“ Lestrade machte eine kurze Pause. „Obwohl Sie alles richtig zusammengefasst haben, weiß ich natürlich, dass es selbst von Ihnen zu viel verlangt wäre, schon jetzt eine Lösung zu präsentieren. Wir werden mit allen Kräften ermitteln – aber ich weiß ebenso, dass Ihnen Quellen und Kanäle zur Verfügung stehen, die uns verschlossen sind. Ich möchte Sie also mit höchster Dringlichkeit ersuchen: Wenn Sie auch nur die geringste Spur finden, benachrichtigen Sie mich bitte augenblicklich! Ich wünsche den Gentlemen einen guten Tag.“

Lestrade trank sein Glas aus, verbeugte sich vor uns, setzte seinen Hut wieder auf und verließ den Raum.


Ich war erschüttert von dem Gehörten, und ich sah Holmes an, dass ihn diese grauenvollen Ereignisse nicht weniger belasteten. Er saß still in seinem Sessel und zog an seiner Pfeife.

„Was werden Sie nun unternehmen?“, fragte ich.

„Nun, ich werde wohl meine Experimente zur Klassifizierung von Zigarrenasche fortsetzen“, sagte Holmes ruhig und streckte die Beine aus.

„Ich verstehe nicht … wieso Zigarrenasche? Lestrade hat nichts davon erwähnt. Und auch Sie selbst nicht. Wie kann Zigarrenasche zu einer Lösung dieses Falls führen? Und wo finden wir sie?“

„In der Tat wird Zigarrenasche diesen Fall nicht lösen, und sie hat auch gar nichts damit zu tun. Aber wenn ich nicht sehr irre, wäre es völlig überflüssig, dass ich mir weitere Gedanken über diesen Fall mache, denn beim nächsten Mal, wenn wir Lestrade wiedersehen, wird er uns den Namen des Mörders mitteilen, gewiss den eines Orientalen, den er aus einem zuvor verlorenen, eindeutigen Dokument erfahren haben wird – und einen, vielleicht auch zwei Tage später wird er uns davon unterrichten, dass der Verdächtige bei seiner versuchten Festnahme getötet worden sein wird.“

Mehr war ihm trotz dringlichen Nachfragens nicht zu entlocken. Schon bald waren die lauten Rufe der Zeitungsjungen auf der Baker Street zu hören, die die allerneuesten Meldungen und Extra-Ausgaben anpriesen. Ich bat Mrs. Hudson, schnell ein Exemplar zu erwerben. Alles hatte sich so zugetragen, wie Holmes es zusammengefasst hatte. Allerdings gab es bereits einen möglichen Täter, der von einem Zeugen verfolgt, inzwischen von der Polizei verhaftet worden war und nun bei Scotland Yard verhört wurde. Wie erwartet, handelte es sich um einen Muslim. Der Fall schien also entgegen seiner Prognose überraschend schnell gelöst worden zu sein. Als ich das Holmes nach Abschluss meiner Zeitungslektüre erklärte, lächelte er nur wortlos und beugte sich wieder über das kleine Aschehäufchen, das er mit seiner Lupe ausgiebig untersuchte und dabei seine Beobachtungen in ein aufgeschlagenes Notizbuch schrieb.


Am nächsten Morgen fand sich Lestrade wie vom Holmes erwartet erneut in der Baker Street ein. Diesmal war er etwas weniger in Eile als am Vortage, und er begann sofort mit seinem Bericht, nachdem er sich im Sessel niedergelassen hatte:

„Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht. Sicherlich haben Sie es bereits der Morgenzeitung entnommen, meine Herrn, dass der Asiate, den wir gestern im Hyde Park festgenommen haben, nicht der Täter sein kann. Er ist zwar Muslim, aber er hat ein unwiderlegbares Alibi.

Doch als wir heute in aller Frühe den Brauereiwagen genau inspiziert haben, entdeckten wir einen Brief, der an einen gewissen Mister A. gerichtet war und der ins Polster der Sitzbank auf dem Kutschbock gerutscht war.“ Ich warf Holmes einen kurzen überraschten Blick zu, auf den er jedoch nicht reagierte. Wie hatte er gestern kurz nach der Tat von diesem erst jetzt gefundenen Dokument wissen können, das den Täter überführt?

„Wieso haben Sie diese Untersuchung nicht sofort nach dem Attentat vorgenommen?“, fragte ich Lestrade.

„Er wird ihnen gewiss antworten, dass dies eine – überraschend lange – Zeit nicht möglich war, weil man zunächst die Bluthunde auf den Kutschbock loslassen wollte, damit sie die Witterung des Mörders aufnehmen und diesen verfolgen können“, erklärte Holmes.

„Das stimmt. Es waren ebenjene Bluthunde, die unser Metropolitan Police Commissioner Sir Charles Warren bereits vor einiger Zeit eingesetzt hat, um Jack the Ripper auf die Spur zu kommen.“

„Ich erinnere mich sehr gut daran“ sagte ich mit verhaltenem Lächeln. „Und auch daran, wie er die Meute persönlich über Stock und Stein anführte, natürlich keine Spur fand und sich vor der Londoner Presse ziemlich blamiert hat.“

„Nun, es hätte ja funktionieren können. Auch diesmal. Leider war das nicht der Fall. Aber lassen Sie mich auf jenen Brief zurückkommen. Genau gesagt war es nur ein Briefumschlag. Die Briefmarke zeigte, dass er aus dem Osmanischen Reich abgesandt worden war, und der Name sowie die Londoner Adresse jenes A. standen in großen Buchstaben auf dem Papier. Wie sollte dieser Umschlag hinter das Polster des Kutschbocks gerutscht sein, wenn er nicht vom Täter stammt, der mit dem Gespann durch die Menge gerast ist und so viele wehrlose Menschen überrollt hat? Oder sehen Sie eine andere Möglichkeit, die mir entgangen ist, Holmes?“

„Dafür spricht in der Tat einiges. Doch das ist wohl nicht alles, oder? Lassen Sie mich raten: Sie haben uns bisher verschwiegen, dass der Name dieses Mr. A. Scotland Yard und den Polizeibehörden auf dem Kontinent nicht unbekannt war. Der ohnehin auf ihm ruhende Verdacht wegen des an passender Stelle gefundenen Briefumschlags wird dadurch verstärkt, dass dieser Mann bereits zuvor Straftaten begangen und sich in Kreisen radikaler Sekten herumgetrieben hat. Ist es nicht so?“

Lestrade brachte es irgendwie fertig, die Gesten heftig zustimmenden Nickens und verblüfften Kopfschüttelns in einer Bewegung zu vereinen: „Ich weiß nicht, welche Quellen Sie bei Scotland Yard haben. Ich dachte immer, ich sei die Person, die die Ehre hat, diese Verbindung aufrecht zu erhalten – und Sie trotz nicht seltener Kritik meiner Vorgesetzten und Kollegen immer wieder ins Bild zu setzen – und natürlich Ihre Unterstützung zu erbitten. Aber wie ich sehe, bin ich wohl nicht der einzige.“ Er war sichtlich verstimmt und verzog das Gesicht wie ein beleidigter kleiner Junge.

„Nein, da kann ich Sie trösten, mein lieber Freund“, entgegnete Holmes mit einem gütigen Lächeln, das in meinen Augen nach so vielen Jahren des Arbeitens an seiner Seite allerdings ungefähr so echt erschien wie eine seiner Seemannsverkleidungen. „Ich habe nichts von dem aus irgendeiner Quelle erfahren – schon gar keiner bei Scotland Yard. Doch wenn man sich vergleichbare Fälle anschaut, liegt diese Folgerung auf der Hand.“

„Ich sehe, Sie waren in dieser Angelegenheit seit gestern also nicht untätig.“ Lestrade wirkte wieder etwas entspannter. Ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass Holmes diese Annahme keineswegs bestätigte, fuhr er fort: „Und – haben Sie irgendwelche Informationen, die uns dabei helfen werden, uns des Mörders zu bemächtigen?“

„Im Augenblick leider keine, die Ihnen helfen würden, seiner habhaft zu werden. Wenn ich jedoch einer Vermutung Ausdruck verleihen darf: Ich denke, er befindet sich längst nicht mehr im Herrschaftsgebiet Ihrer Majestät, sondern hat sofort nach dem Anschlag den Kanal überquert und hält sich jetzt auf dem Kontinent auf. So weit von uns entfernt wie möglich. Ich nehme an, Sie erhalten recht bald eine Depesche, aus Südfrankreich, Italien oder vielleicht Spanien, dass Ihre Polizeikollegen dort auf den Verdächtigen gestoßen sein werden.“

Lestrade nahm diese Mitteilung mit offensichtlicher Freude entgegen und verabschiedete sich. Holmes blickte ihm in Richtung der geschlossenen Tür nach und ergänzte leise: „Und sehr wahrscheinlich wird dieses Zusammentreffen das allerletzte sein, das Mr. A. je erleben wird.“


Soweit ich es erkennen konnte, befasste sich Sherlock Holmes auch in der folgenden Zeit nicht weiter mit dem Attentat und dem flüchtigen Mörder. Weder ging er aus dem Haus, noch sandte er nach einem der Gassenjungen, die ihre Augen und Ohren überall hatten und ihm für ein paar Shilling Bericht erstatteten. Er experimentierte weiter mit seinem Häufchen aus Zigarrenasche oder blätterte in voluminösen Kladden, in denen er aus der Times ausgeschnittene Zeitungsausschnitte klebten.

Die nächste Nachricht kam nicht von Lestrade persönlich. Er schickte eines Abends lediglich über einen Constable einen kurzen Brief, bat um Entschuldigung dafür, dass er nicht selbst erscheinen könne, und deutete an, dass er sich umgehend auf eine Reise auf den Kontinent begeben müsse, um mit den italienischen Behörden zusammenzuarbeiten, die Scotland Yard mit einem Telegramm von den neuesten Entwicklungen unterrichtet hatten. Holmes nickte in Gedanken versunken, nachdem er den Brief gelesen hatte, dann reichte er ihn mir schweigend weiter und deutete mit dem Zeigefinger auf die letzten Zeilen: „Der Mörder widersetzte sich seiner Verhaftung durch unsere italienischen Kollegen, schoss sofort auf sie und verletzte einen von ihnen. Danach wurde er selbst von dem anderen mit der Schusswaffe getötet.“

Ich las den Brief mehrmals. Dann ließ ich ihn erschüttert sinken und sagte: „Wie konnten Sie das alles im Voraus wissen? Für das, was Sie über den Mordanschlag geäußert haben, gab es immerhin Hinweise durch Lestrades Erscheinung selbst. Das kann ich nachträglich verstehen und Ihre Schlüsse teilen.

Aber woher in Gottes Namen konnten Sie vorher wissen, dass Lestrade ein Dokument entdecken würde, auf dem der Name des Mörders steht und das ihn in einen deutlichen Zusammenhang zu seinen orientalischen Hintermännern bringt? Und woher, dass er kurz darauf verhaftet und bei dieser Festnahme getötet werden würde?“

Holmes schwieg eine Weile, als hätte er meine Fragen nicht gehört. Dann richtete er sich in seinem Sessel auf, schlug ein Bein über das andere und blickte mich ernst an:

„Wenn dasselbe mehrmals hintereinander geschieht, bedarf es keines überwältigenden Verstandes und tiefschürfender deduktiver (eigentlich: abduktiver) Leistungen, um vorauszusagen, was beim nächsten Fall einer solchen Serie geschehen wird. Dass es sich um eine solche Serie handelt, wissen wir, weil jedes Mal die Mordverdächtigen zu dieser orientalischen Anarchistensekte gehören.

Erinnern Sie sich, mein lieber Watson: Vor nicht einmal zwei Jahren wurden einige Pariser Satiriker offenbar von denselben Leuten ermordet. Anschließend kaperten diese eine Droschke und konnten unerkannt fliehen. Niemand wusste bis dahin, wer sie waren und wohin sie sich gewandt hatten. Doch was berichteten die Zeitungen danach? Lassen Sie es mich sinngemäß zitieren: Die Attentäter haben auf der Flucht offenbar einen schweren Fehler gemacht und die Polizei so auf ihre Spur gebracht. Einer der Brüder vergaß seinen Pass in der Kutsche, als die Attentäter am Rande von Paris in eine andere Droschke umstiegen. Beide wurden bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet.

Nun gut, ein solcher ,Fehler‘ kann einmal vorkommen, obwohl von den vielen Verbrechern, die wir beide der Gerechtigkeit zuführen konnten, nicht ein einziger diese Dummheit begangen hat.

Doch was geschieht anderthalb Jahre später in Nizza? Ein Attentat wie das vor unserem Weihnachtsfest, auch dort ein schweres Pferdegespann, das viele unschuldige Menschen in den Tod reißt. Diesmal wird der Mörder noch auf dem Kutschbock erschossen, nachdem er selbst mit einer Waffe mehrere Schüsse abgegeben hatte. Auch er trägt seinen Pass bei sich und ist so leicht zu identifizieren.“

„Sie glauben offensichtlich nicht an einen Zufall“, warf ich ein. „Es wäre in der Tat nicht sehr wahrscheinlich, das gebe ich gern zu. Aber vielleicht war es ja trotzdem kein Versehen, sondern Absicht; vielleicht wollen diese Attentäter ihren schrecklichen Ruhm sichern, indem die Zeitungen über sie berichten und ihre Namen nennen. Vielleicht wollen sie, dass jeder von den Zielen ihrer gefährlichen Sekte erfährt und in Furcht vor ihnen erstarrt.“

„Ich weiß Ihre klassische Bildung zu schätzen“, entgegnete Holmes. „Sie denken da gewiss an Herostratos, jenen Griechen, der kurz vor der Herrschaft Alexanders den weltberühmten Tempel der Artemis in Ephesos in Brand steckte – aus keinem anderen Grund als dem, mit dieser Untat seinem Namen Unsterblichkeit zu verschaffen. Aber hier wollten die Verdächtigen unerkannt bleiben und fliehen, auf jeden Fall die in Paris und nun der hier in London. Warum sollten Sie dann die Polizei und die Öffentlichkeit auf ihre Fährte locken, indem sie ihre Namen hinterlassen? Und das immer wieder? Sie mögen vielleicht dumm sein, aber so dumm wohl kaum.“

„Und wenn eine nachvollziehbare Absicht dahinter steckte? Alle waren Orientalen. Sie mussten also mit Kontrollen rechnen. Nach den Attentaten der letzten Zeit schon wegen ihres fremdländischen Aussehens sowohl hier im Königreich als auch beim Übersetzen auf den Kontinent. Da wären sie ohne gültige Papiere womöglich schon vor ihren geplanten Anschlägen in einer Zelle gelandet. Um genau das nicht zu riskieren, trugen sie ihre persönlichen Papiere bei sich. Das ist die einfachste Erklärung.“

„Einfach, aber leider falsch“, seufzte Holmes. „Ich habe die Meldungen noch einmal überprüft. Diese persönlichen Papiere wurden nicht direkt bei den Verdächtigen gefunden – etwa in ihren Jackentaschen, wo man so etwas aufzubewahren pflegt –, sondern auf dem Kutschbock. Das erweckt den Anschein, sie seien verloren worden. Immer und immer wieder. Doch so ein Kutschbock ist ein sehr überschaubares Gebiet, etwa von den Ausmaßen meines Schreibtischs und nicht so groß wie Westminster Hall. Da muss keine Kompanie einen halben Tag nach etwas suchen.

Nein, zumindest die Attentäter von Paris und der von unserem Weihnachtsmarkt wollten nicht großartig als Märtyrer sterben, sondern unerkannt entkommen. Niemand kannte bis zum Auffinden der Papiere ihre Namen und Hintergründe. Wenn sie also, wie Sie vermuten, ihre Papiere mit voller Absicht bei sich getragen hätten, dann wären sie nach den Anschlägen irgendwo in der Kleidung der Flüchtigen gefunden worden – direkt bei ihnen, in ihren Taschen, nicht irgendwo auf dem Kutschbock herumliegend. Kaum etwas wäre wichtiger gewesen, als diese Papiere zu bewahren und so gut auf sie aufzupassen, dass sie keinem anderen Menschen in die Hände fallen.

Stattdessen werden sie mehrfach wegen angeblicher Unaufmerksamkeit und Dummheit verloren, verschaffen den bis dahin Namenlosen plötzlich einen Namen und ein Gesicht und sorgen als einziges Beweismittel dafür, dass die Behörden in ganz Europa nun nach ihnen fahnden können. Mir das vorzustellen, mein lieber Watson, übersteigt meine Phantasie!“

„Aber wenn es tatsächlich eine Serie ist, wenn Dummheit und Unaufmerksamkeit es nicht erklären können, dann bliebe nur ein Komplott. Und keins, das mit dunklen Kräften in einem einzigen Land zusammenhinge. Denn da müsste dann nicht nur die französische Polizei dahinterstecken, sondern ebenso die Behörden Ihrer Majestät, bis hin zu jenem jungen italienischen Polizisten, der, wie man liest, angeblich zu einem seiner ersten Einsätze unterwegs war. Das ist völlig unwahrscheinlich, ja unmöglich!“

„Sie wissen doch: Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag. Erinnern Sie sich an diese schrecklichen Attentate in Italien mit vielen Toten vor etwa dreißig Jahren? Da wurde schnell bekannt, dass die Kommunisten und Anarchisten dahintersteckten. Erst viele Jahre später kam ans Licht, dass dieser falsche Verdacht gezielt verbreitet worden war, ganz im Gegenteil die Leute vom anderen Ende des politischen Spektrums die Attentäter gewesen und die Aufträge von Geheimorganisationen gekommen waren, die bis in die höchsten Spitzen der europäischen Reiche ragten.

Sie wissen, dass ich nicht mit den Ideen dieses deutschen Aufrührers Marx sympathisiere, der eine halbe Stunde Fußwegs von hier entfernt nördlich des Regent’s Park lebte, vor wenigen Jahren starb und nun auf unserem Highgate-Friedhof seine letzte Ruhe gefunden hat, wo er kein weiteres Unheil anrichten kann. Dennoch stelle ich fest: Der einzige Grund, diese vielen unschuldigen Menschen mit Bomben in die Luft zu jagen, war der, in Italien eine Regierung der Kommunisten zu verhindern, indem nun alle genau diese für die Mörder und Hintermänner hielten und nach einem starken politischen Gegengewicht verlangten.

Ist es also auszuschließen, dass zwar durchaus diese orientalische Sekte hinter den Attentaten steckt – zugleich aber irgendeine Geheimorganisation, die ganz andere Zwecke verfolgt als die Verbreitung fanatischer Ideen?“

„Holmes, ich bitte Sie! Das sind wilde Verschwörungstheorien, die Ihrer nicht würdig sind!“

Sherlock Holmes blickte mich düster an. „Denken Sie an das Schauspiel dieses amerikanischen Regisseurs De Palma, das vor einigen Jahren auf unseren Theaterbühnen gezeigt wurde: Spiel auf Zeit. Da wird ein Minister der Vereinigten Staaten von Amerika aus dem Hinterhalt erschossen; schnell stellt sich heraus, dass er von einem Orientalen ermordet wurde, der danach seinerseits von einem tapferen Offizier unserer ehemaligen Kolonie getötet wird, noch bevor er in einem Polizeiverhör Unliebsames preisgeben könnte. Dieser arme Muselmane verübte sein Attentat in dem Bewusstsein, einen Feind seines Glaubens und seines Landes zu liquidieren. Tatsächlich aber war er – Sie erinnern sich an das Ende jener Theatervorstellung? – bloß ein unwissendes Werkzeug, heimlich gesteuert von eben jenem Mann, der ihn dann erschoss und als Mörder präsentieren konnte. Und das alles, weil dieser Minister den Plänen von Fabrikbesitzern im Wege war, die Kanonen und Gewehre produzieren.“

„Ich bin nicht nur Ihr Gefährte im Kampf gegen das Verbrechen“, erklärte ich mit empörter Stimme. „Ich bin, wie Sie wissen, auch ein einigermaßen erfolgreicher Schriftsteller, der Ihre Abenteuer regelmäßig den Lesern des Strand-Magazins berichtet. Und wie Sie ebenso wissen – und sich oft genug darüber entweder amüsiert oder beklagt haben – muss ich als Schriftsteller gelegentlich ein wenig übertreiben, störend Langweiliges unter den Tisch fallen lassen, peinliche Pannen verschweigen und Erfolge spannend aufpolieren. Sie können doch ein Theaterstück nicht als Beleg für eine dunkle Konspiration heranziehen!“

„Das ist keineswegs meine Absicht. Ich habe es lediglich als Denkmodell und mögliche Parallele verwendet. Es könnte immerhin ein Licht auf die möglichen Hintergründe werfen; es ist ganz sicher kein Beweis, dass es so gewesen ist. Ich behaupte ja ebenso wenig, dass Professor Moriarty dahinter steckt, obwohl ihm ein solch bösartiges, verschachteltes Spiel zuzutrauen wäre. Auf ein paar Menschenleben käme es ihm gewiss nicht an, wenn er damit seine verborgenen Ziele langfristig durchsetzen kann. Und ich glaube ebenso wenig, dass es die Jesuiten waren, die Freimaurer oder die Illuminaten.

Nein, dies alles glaube ich nicht. Wir haben sicherlich noch nicht so viel Unmögliches ausgeschlossen, dass wir die eine verbleibende Unwahrscheinlichkeit als die wahrscheinliche Wahrheit bezeichnen könnten.

Ich bemerke nur, dass ich nicht an diese angebliche Kette von Unwahrscheinlichkeiten und verlorenen Pässen glaube. Einmal mag das ein Zufall sein, und wir wissen aus unseren zahlreichen Fällen nur allzu gut, dass vieles, was zunächst als durchgängige Spur erscheint, sich bei genauerer Betrachtung als nichts anderes herausstellt als eine zufällige Ansammlung verstreuter Krümel. Doch wenn sich diese angeblich verloreneren Dokumente häufen und sich als die einzigen Indizien erweisen, die es zufällig schaffen, Lestrade und seine Kollegen auf dem Kontinent auf die Spur der Attentäter zu setzen, dann vermag ich den aufkeimenden Verdacht nicht zu unterdrücken, dass dieser Zufall eine Maske für ganz und gar Nicht-Zufälliges ist.

Der einzige Mensch, den ich kenne, der mir vielleicht sagen könnte, wie die Wahrheit hinter dieser Maske aussieht, ist mein Bruder Mycroft. Doch wir wissen beide: Selbst wenn er die Wahrheit kennt, würde er sie als treuer Diener des Empire laut als ungeheuerliche Spekulation verdammen und mir dabei tief und ehrlich in die Augen blicken.

Gute Nacht, mein lieber Watson – ich gehe schlafen.“

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  1. lutzm

    Hallo !
    Bei 9/11 wurden auch 2 Ausweise von Attentätern gefunden.
    Diese Personen haben sich im Epizentrum der Explosion befunden.
    Ziemlich unglaubwürdig das Ganze.
    http://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/warum-terroristen-ihre-ausweise-am-tatort-liegen-lassen-100.html

    Alles Gute 2017

  2. augenblickpunkt.de

    danke.
    eine tolle geschichte.
    als ich live im radio die ereignisse am morgen des 11. september verfolgte, war ich nicht überrascht, dass keine stunde nach den einschlägen der name osama bin laden file und auch nicht, als die ausweise und stadtpläne und natürlich korane im geparkten auto der terroristen gefunden wurden.

    und welches ziel hatte das:
    wir stimmen allen neuerungen zu, die unserer sicherheit dienen: körperscanner, biometrische daten im ausweis, fingerabdruckerfassung von touristen, videoüberwachung, bargeldabschaffung, und jetzt auch die tollen elektronischen und vor allem vereinheitlichten tickets für öffentliche verkehrsmittel (vorzugsweise mittels app auf dem mobiltelefoncomputer).

    george orwell ist wohl nicht mehr aktuell – er würde vor angst erstarren, wenn er unsere welt erleben müsste.

  3. coffy

    Kompliment für diese Geschichte, super geschrieben und unterhaltsam zugleich.

    Man muss aber kein Sherlock Holmes sein, ein Hauptschulabschluss reicht auch um zu wissen das die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, das sich Paris wiederholt.
    Besonders deshalb weil wir alle einen Bruder Mycroft an unserer Seite haben.

    @ augenblickpunkt.de

    Lol…..ich habe nicht EINE App!!!! Und werde auch keine kriegen. Dient nur zur Überwachung und Ortung. Aber sicher werden Babys gleich nach Geburt einen Ship eingepflanzt OHNE das die Eltern davon wissen.

  4. bobbyboe

    Lieber Doc, das ist nicht nur sehr gut geschrieben sondern wirft bei mir die Frage auf… das ist so plausibel dass doch bestimmt schon andere auch auf diesen Gedanken gekommen sind? wo kann man dazu mehr Informationen bekommen? Unser Parlament geht jedenfall 100% davon aus dass es Amri war… haben die vielleicht doch mehr Informationen die diese ständige Dokumentenverliererrei wahrscheinlicher erscheinen läßt?

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