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Workshop: Farbkanäle manipulieren




Ganz gleich, ob Sie den Fernseher anschalten oder die Titel trendiger Hochglanzmagazine am Kiosk studieren: Sie kommen zur Zeit kaum an der neuen Bildsprache vorbei. Sauber, kühl, deutlich distanziert und dabei ebenso unwirklich wie wirklich. Doch was da zu sehen ist, wurde nur in der Rohfassung auf Filmmaterial gebannt. Das Finish dieser Werke kommt aus dem Computer.

Postmodern – das ist sicherlich die treffenste Beschreibung dessen, was da im Moment einen großen Teil unserer medialen Wirklichkeit prägt. Irgendwie neu erscheint die Bildsprache, aber doch ist sie uns schon beim ersten Anblick bereits vertraut. Die Ästhetik dieser Bild wirkt dabei auch weniger wie ein stimmiges Ganzes, sondern eher wie eine Art Collage. Obwohl die Zusammenstellung der Stilelemente den Anschein hat, beliebig zu sein, ist sie kein Zufall. Wer als Kreativer erfolgreich sein will, muss schließlich nach bestimmten Verhaltensmustern vorgehen. Um den entscheidenden neuen Schritt nach vorne aus der Umgebung des Bekannten einzuleiten, geht er zunächst vier Schritte zurück und klaut aus dem Bestand vorhandener Kreationen vergangener Dekaden, was ihm so in die Finger fällt und brauchbar erscheint. Na ja, vielleicht ist klauen das falsche Wort. Der vornehme Kommunikationsspezialist zieht solchen Fällen den Anglizismus „collecten“ vor. Was am Ende herauskommt, wirkt wie die praktische Umsetzung Marshal McLuhans theoretischer Erkenntnisse. Maximal 20 Prozent Neues vermischt mit 80 Prozent Althergebrachtem. Sonst akzeptiert es die Masse nicht. Fünf Prozent sind eigentlich noch besser, wenn es alle toll finden sollen. Genau das bietet die aktuelle Bildsprache. Die Motive und Perspektiven sind an die Ästhetik der frühen siebziger Jahre angelehnt, der ruhig unaufdringliche Bildaufbau stammt aus den fünfzigern und die pastelltonige Falschfarbigkeit aus den Sixties. Neu ist eigentlich nur die Zusammenstellung und das gezielte Trimmen der Farbgebung. Während  sich die Konstellation der ersten beiden Stilelemente sinnvollerweise im Moment der Aufnahme entscheidet, kann man auf die Farbigkeit des Bildes dank digitaler Bildbearbeitung auch später noch erheblichen Einfluss nehmen. Werkzeuge dafür gibt es in allen EBV-Programmen reichlich. Doch wer seine Bilder dem Ausdruck des Zeitgeistes unterwerfen will, der sollte sich von der gewohnten Farbmanipulation via Farbsättigungsdialog oder anderen Standardwerkzeugen verabschieden. Zu begrenzt ist das Spektrum des Machbaren im Gegensatz zur direkten Arbeit am Kanal. Hier kann man je nach Farbraum wunderbar die technischen Eigenarten des früher Filmmaterialien simulieren oder den farblichen Vergang, dem Druckwerke im Lauf der Zeit unterliegen, technisch nachvollziehen. Voraussetzung für die Nutzung aller Möglichkeiten ist eine Software wie Photoshop, in der man direkt auf die Kanalinformation zugreifen kann. Allerdings gibt es hier auch ein paar Tricks, wie man mit weniger professionellen Programmen ähnliche Resultate erzielt.


Hinweis: Dieser Workshop funktioniert mit Photoshop ab Version 5.5. Für größere Bildansichten bitte auf die Bilder klicken. Registrierte Mitglieder können das Arbeitsmaterial über den Link unterhalb des Workshops herunterladen.



Kanalzugriff per Dialogbox



Um einen Kanal einzeln nachzubearbeiten, greift man in der Regel via Kanalpalette direkt auf ihn zu. Doch es gibt auch Dialoge, die diese Arbeit vereinfachen. Am verbreitetsten ist der Gradationskurvendialog. Hier kann man nicht nur im Photoshop die Kurven für jeden Kanal einzeln festlegen und so auf die Farbabstimmung einwirken. Immer größerer Beleibtheit auch bei konkurrenten Produkten erfreut sich die noch komfortablere Funktion zum Mixen der Kanalinformationen. Welche Wirkungen Sie mit diesen Werkzeugen erzielen können, zeigen wir Ihnen anhand des RGB-Farbraums.



Nach dem Aufruf des Dialogs „Gradationskurven“, den Sie im Menü „Bild“ unter „Einstellen“ finden, wechseln Sie im Bereich Kanal von der Compositeinstellung RGB in den Rotkanal. Wenn Sie dort die Tiefen verstärken, wird die Farbstimmung des Bildes merklich kühler.



Anhand einer zusätzlichen Aufsteilung der Kurve durch die Korrektur der Lichter und die Anhebung der Mitten erhält das Bild einen leichten Rotstich, als hätte es sich im Lauf der Zeit verfärbt. Im Gegensatz zum realen Vergang ist hier jedoch die Leuchtkraft der Farben erhalten geblieben.



Der Kanalmixer, den Sie auch an obengenannter Stelle finden, ist etwas komplizierter zu bedienen. Sie können mit diesem Werkzeug jedem Kanal Farbanteile der anderen Kanäle hinzufügen oder sie herausfiltern. Um zu Ergebnissen wie dem gezeigten zu gelangen, müssen Sie alle drei Kanäle korrigieren.  

Eine Spezialität des Kanalmixers besteht darin, Ihnen bei der Umwandlung von Farbfotos in Schwarzweißbilder nützlich zu sein. Durch Aktivierung des Schalters „Monochrom“ wird der Ausgabekanal zu „Schwarz“ und Sie können den Anteil der jeweiligen Farbauszüge bei der Umwandlung bestimmen.



Falschfarben in CIELab



Nach einem Wechsel von RGB in den Lab-Farbraum unter „Modus“ im Menü „Bild“ erhalten Sie drei Kanäle, von denen einer die Konturen Ihres Bildes speichert und die anderen zwei die Farbinformation. Wenn es für Sie im RGB-Farbraum schon nicht ganz einfach war, im Vorfeld einzuschätzen, was das Verschieben der Regler wohl bewirken wird, ist das in Lab für Ungeübte fast unmöglich. Dennoch gibt es hier praktische und experimentell interessante Anwendungen.



Aktiviert man nur den Helligkeitskanal, lassen sich Bilder gemessen an den Möglichkeiten in RGB auch bei großer Intensität fast völlig farbneutral nachschärfen. Als Werkzeug dafür empfiehlt sich der Filter „Unscharf maskieren“.



Farblich interessanter ist es, einen der Farbkanäle mit dem Befehl „Invertieren“, den Sie auch unter „Einstellen“ im Menü „Bild“ finden, in seine Negativ zu verkehren.



Wiederholt man diesen Schritt auch mit dem zweiten Farbkanal, mutet die Farbgebung etwas außerirdisch an.

Wem das zuviel des Guten ist, der kann mit der „Verblassen“-Option aus dem „Filter“-Menü den Effekt mit dem Schieberegler teilweise zurücknehmen und/ oder mit einem der Verrechnungsmodi weiter verändern.



Kanalkorrekturen in CMYK



Der gedanklich am leichtesten zu handhabende Farbraum ist zweifelsohne CMYK. Bei dieser Separation werden die Farbinformationen für die Erfordernisse des Vierfarbdrucks umgerechnet, was dazu führt, dass sich Änderungswünsche leichter umsetzten lassen. Will man einen Farbstich erzeugen, geht man in den jeweiligen Kanal und verstärkt die Intensität. Ohne um die Ecke denken zu müssen. Dieser Umstand mach den Farbraum denn auch in der Praxis so beliebt. Einerseits für verhältnismäßig einfache Korrekturen, aber auch für graphische Spielereien.



Die derzeit so verbreitete Bonbonfärbung kann man bei diesem Motiv ganz einfach erzielen, indem man im Cyankanal die Helligkeit leicht und den Kontrast erheblich erhöht.



Bleicht man anschließend die verbleibenden Farbkanäle bis in die Grenzwerte aus und bearbeitet sie mit dem Gaußschen Weichzeichner, überschreitet man leicht die Grenze zum Grafischen.



Für Freunde angewandter Effektfiltertechnik kann die Arbeit mit Kanälen neue kreative Pfründe eröffnen. Hier haben wir die Kanäle einzeln mit Filtereffekten bearbeitet: Cyan: Hochpass; Gelb und Margenta: Gaußscher Weichzeichner mit unterschiedlichen Stärken; Schwarz: Stempel.


von Christoph Künne

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