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Making Of: Die Zeit – Chancen



Seine Illustrationen hat jeder schon gesehen. Man findet sie seit Jahren im Stern, in Focus, im Spiegel, im Manager Magazin, in der Financial Times Deutschland oder in Capital.
Daniel Matzenbacher arbeitet hoch über den Dächern Hamburgs in einem sonnendurchfluteteten Loft. Auf seinem Schreibtisch leben alte und neue Werkzeuge in stiller Harmonie nebeneinander her. Ein mehrstöckiges Schränkchen, prallvoll mit Bunt- und Bleistiften, eine große Sammlung farbiger Marker, eine Digitalkamera, ein Scanner, eine Tastatur, eine Maus und zwei 21-Zoll-Monitore, die mit einem Mac verbunden sind. Die nahe liegende Vermutung, er würde klassische analoge und digitale Arbeitstechniken verschmelzen, weist er allerdings lächelnd zurück. „Zeichnen würde ich liebend gerne wieder, aber im Moment fehlt mir einfach die Muße dafür.“
Seine derzeitige Hauptbeschäftigung sind zwei wöchentliche Illustrationsserien für die Financial Times Deutschland und die Zeit. Sie entstehen ausschließlich am Rechner. Allerdings – und da bestätigt sich die Vermutung – nur auf der Basis in analoger Form zusammengesammelter Zeichnungen, Typoschnipsel, Landkarten, Bonbonpapiere oder alter Stiche. Gesammelt und digitalisiert im Laufe vieler Jahre. Diese Schnipselkollektion umfasst inzwischen 25.000 Bausteine, fein säuberlich in Verzeichnissen auf einer großen Festplatte nach Themen und Gattungen sortiert. Matzenbacher legt nur im allergrößten Notfall zeichnerisch selbst Hand an. Zum Beispiel, wenn der Termindruck so groß ist, dass er nicht lang genug in seinem Fundus suchen kann. Gestalten aus Fundstücken ist sein Anspruch. Allerdings haben die so entstehenden Bilder nichts mit Plagiaten gemein. „Kein Baustein bleibt wie er war. Von daher gab es bisher auch noch nie rechtliche Probleme.“ Das Material kommt aus den unterschiedlichsten Quellen.
Angefangen hat alles mit einem Kinderlexikon aus den 50er Jahren. Dort fand er eine Vielzahl einfacher Tuschezeichnungen, deren Fragmente sich hervorragend miteinander kombinieren ließen. So entstanden seine ersten Collagen-Illustrationen. Hinzu gesellten sich bald typografische Fundstücke aller Art. Also alte Rechnungen, Briefe, Drucksachen, Verpackungen, technische Zeichnungen, Bedienungsanleitungen, Schilder, Aufkleber oder Stempel, um nur einige zu nennen.
Matzenbachers bevorzugter Fundort ist die Straße. „Besonders reizvoll sind Schnipsel, die nass wurden und wieder getrocknet sind, die Spuren von Fußsohlenprofi len zeigen oder deren Abnutzungserscheinungen eine eigene Geschichte erzählen. Der Vorzug solcher echten Schnipsel gegenüber welchen, die ich selbst mit dem Computer erzeugt habe, liegt gerade bei Typoelementen im sichtbaren Perfektionsmangel. Der verleiht den Illustrationen später ihren eigenen Charme.“ Aber auch das Internet mit seinen Bildersuchmaschinen kann sich Matzenbacher als niemals versiegenden Quell neuen Materials zu Nutze machen. „Die Menge und Vielfalt der hier verfügbaren Objekte ist unvergleichlich.“
Grundsätzlich arbeitet der Illustrator mit zwei Gestaltungstechniken. Einerseits reinen Strichzeichnungscollagen und andererseits Fotocollagen, die er meist zur Gestaltung menschlicher Figuren einsetzt. Diese Figuren bilden inzwischen so eine Art kleines Schauspieler-Ensemble. Seine sechs Grundcharaktere erscheinen in den Arbeiten immer wieder, in unterschiedlichen Verkleidungen und mit thematisch angepasster Mimik.

Technische Aspekte

Geliebäugelt hatte Matzenbacher schon lange mit der Digitaltechnik, als er sich Mitte der 90er Jahre entschloss, einen Rechner anzuschaffen. Seine erste digital entstandene Serie war die Illustration von Wolfgang Siebecks wöchentlicher Zeit-Magazin-Kolumne, in welcher der Starkoch noch heute seine Gedanken zum Wesen des Kochens niederschreibt. Inzwischen arbeitet Matzenbacher mit einem G4-Macintosh mit 1,5 Gigabyte RAM, ist aber bis dato dem MacOS 9 schon deshalb treu geblieben, weil sein in die Jahre gekommenes Photoshop 5.5 unter dem neuen System keine Geschwindigkeitsvorteile bietet. „Für die meisten Arbeiten reicht diese Ausstattung völlig, allerdings steht demnächst die Anschaffung eines leistungsfähigen Powerbooks an und dann werde ich wohl auch Photoshop upgraden und zu MacOS X wechseln.“ In diesem Making-of erklärt er uns den technischen Prozess beim Zustandekommen einer Illustration aus dem „Chancen“ genannten Berufs- und Bildungsteil des Hamburger Wochenmagazins DIE ZEIT.

1 Bausteine sammeln


Nachdem Daniel Matzenbacher einen Auftrag erhalten hat, setzt er sich zunächst an seinen digitalen Schnipselfundus und sucht sich die nötigen Bausteine zusammen. Mit dem Bleistift skizziert werden bestenfalls einige Details. Für diesen Auftrag brauchte er eine professoral wirkende Figur, die ins Ausland will, aber von gesetzlichen Bestimmungen zurückgehalten wird. Zentrale Elemente dafür sind ein Kopf, ein Torso und die Beine der Figur. Hinzu kommen ein Koffer, eine Landkarte sowie Symbole für Geld und für staatliche Kontrolle.

Die Figur

2 Der Torso


Die Vorlage für die Figur enthält sowohl den Kopf als auch den Torso. Die Elemente werden mit dem Lasso zunächst grob freigestellt und auf zwei Ebenen getrennt angelegt. Nach dem Ausschneiden entfernt Matzenbacher mit dem Radiergummi und einer halbweichen Kante die Reste. Um eine analog wirkende Optik zu erzeugen, muss die Kantencharakteristik erhalten bleiben. Dazu wird die Kante nötigenfalls mit dem Scharfzeichner- Werkzeug nachbearbeitet. Fehlende Teile, wie hier der rechte Ärmel, entstehen aus gespiegelten, gestauchten und verzerrten anderen Elementen und werden dann mit dem Stempel angepasst.

3 Die Beine


Auch die Beine schneidet Matzenbacher zunächst grob aus, skaliert, verzerrt und dreht sie, bis sie perspektivisch in etwa an den Torso passen. In diesem Fall werden beide Beine auf unterschiedlichen Ebenen angelegt und eins davon so verdreht, dass der Eindruck eines Stechschritts entsteht

4 Der Koffer


Die Vorlage für den Koffer stammt aus einer alten Print- Anzeige der Firma Agfa. Logos, Beschriftungen und für diesen Zweck überflüssige Bildteile wie die Kamera entfernt Matzenbacher zunächst ganz grob, indem er große benachbarte Bereiche mit dem Lasso auswählt und sie bei gehaltener Alt-Taste auf die zu überdeckenden Bereiche kopiert. Was danach noch übrig ist, wird mit dem Stempelwerkzeug angeglichen. Dabei muss man jedoch auf die Schattierungen achten, damit das Objekt anschließend nicht flach aussieht oder fleckig wird. Um den Koffer an die Figur anzupassen, kopiert man ihn zunächst in die Montagedatei und bearbeitet ihn dort mit den Transformationswerkzeugen. Um ihn glatter erscheinen zu lassen, wird er anschließend aufgehellt. Verbliebene Kompressionsartefakte entfernt der Stempel und bei der Modellierung hilft der Nachbelichter. Anschließend werden die neuen Aufkleber, die wiederum aus anderen Schnipseldateien stammen, aufmontiert.

5 Montage der Einzelteile


Nach der Vorbereitung und groben Anpassung der einzelnen Montageelemente geht es nun an den Zusammenbau der Figur. Das Kernproblem stellen hierbei die Übergänge dar. In den meisten Fällen reicht es aus, Kantenbereiche zu löschen und Leerstellen mit ein paar Stempelklicks auszugleichen. Schwierig sind jedoch Änderungen in feinen Details wie bei der Verlängerung des Hosenbeins nötig. Die Linienführung des Originals muss weitestgehend beibehalten werden. Auch hier empfiehlt sich die Technik des großflächigen Kopierens und anschließenden Verschiebens. Nützliche Anpassungshilfen sind, wie in den anderen Fällen auch, die Transformationswerkzeuge.

6 Der Kopf


Der Kopf blickt im Original nach links unten und soll nun gerade nach rechts schauen. Er wird bei der Montage nach einer groben Positionierung mit den Transformationswerkzeugen gespiegelt, gedreht, verzerrt und schlussendlich skaliert. Erst dann erfolgt die saubere Freistellung. Das fehlende Halsstück entsteht aus einer Kopie des Revers. Um die Kantenlinien natürlich gezeichnet erscheinen zu lassen, überarbeitet Matzenbacher sie, indem er eine große, runde und harte Werkzeugspitze dazu nutzt, der Kante eine leichte Wellenform zu geben. Zum Abschluss erhält der Kopf über die Ebeneneffekte einen einfachen Schlagschatten.

7 Koloration


Um die Objekte gemeinsam zu kolorieren, werden die einzelnen Ebenen zunächst durch das Verkettungssymbol in der Ebenen-Palette verbunden und dann mit dem Befehl „Verbundene auf eine Ebene reduzieren“ aus dem Kontextmenü der Ebenen-Palette verschmolzen. Zur Färbung (hier in braun) nutzt man den Dialog „Farbton/Sättigung“ im Anwendungsmodus „Färben“. Der rote Pullover entsteht mit derselben Technik und anderen Einstellungen, nachdem der Bildbereich zuvor mit dem Lasso ausgewählt wurde. Die grob ausgewählten Haare erhalten eine leichte Blaufärbung.

Der Hintergrund

8 Papier



Abstrakte und doch mit der Thematik in Zusammenhang stehende Hintergründe zu gestalten, ist einfach und schwer zugleich. Einfach, weil sich technisch mit kleinen Tricks große Wirkungen erzeugen lassen. Schwer, weil viel Fingerspitzengefühl erforderlich ist, bis die Elemente eine intuitiv erfassbare Aussageeinheit bilden. Bei dieser Illustration hat Matzenbacher zunächst ein altes Stück Schreibpapier mit „Tonwertkorrektur“ und „Farbton/Sättigung“ abgedunkelt und eingefärbt, bis es an Pergament erinnert.

9 Globus


Der Globus zeigt unter anderem Nordamerika, um das es bei dem Abwanderungsthema geht. Er entstammt übrigens einem Vorlagenbuch für 3D-Gittermodelle und wurde von Matzenbacher eingescannt. Als Ebene eingefügt, wird der Globus zunächst auf den Verrechnungsmodus „Multiplizieren“ gesetzt. Damit verschwinden die grauen Hintergrundstörungen, ohne, dass man sie mühsam wegstempeln muss. Danach wird der Globus auf eine Ecke des Papiers geschoben, invertiert und anschließend mit der Tonwertkorrektur angepasst. Um den überstehenden Teil als an die Farbgebung angepasstes Positiv darzustellen, wählt man zunächst das freigestellte Blatt mit einem Klick auf das Ebenen- Palettensymbol mit gehaltener Alt-Taste aus. Diese Auswahl wird anschließend umgekehrt und durch einen Wechsel der Arbeitsebene auf die Globus-Ebene übertragen. Dort wird der über die Papierbegrenzung hängende Teil der Grafik nun ausgeschnitten und danach als eigene Ebene wieder eingesetzt. Diese neue Ebene wird wiederum invertiert, so dass sie schwarze Striche vor weißem Hintergrund zeigt. Im nächsten Schritt gleicht man sie farblich mit dem „Farbton/Sättigung“-Dialog an die Farbgebung des Papiers an. Die weiche Ausblendung erfolgt mit Hilfe einer Ebenenmaske, auf der die zu entfernenden Bereiche mit einem großen, weichen Pinsel und schwarzer Farbe weggemalt werden. Der Vorzug dieser Technik gegenüber dem Löschen mit einer weichen Auswahlkante oder einem weichen Radiergummi besteht in der nachträglichen Korrigierbarkeit.

10 Aquarell


Typisch für Matzenbachers Illustrationen sind Rasterstrukturen. Sie liegen zumeist unauffällig im Hintergrund und bilden – inhaltlich funktionslos – ein optisches Gegengewicht zu seinen oftmals schraffierten Figuren. Die Bearbeitung erfolgt auch hier wieder nach dem bekannten Muster: erst freistellen, dann störende Bereiche entfernen, durch Transformationsbefehle ans Layout und an die anderen Grafiken anpassen, daraufhin einen Ebenen-Verrechnungsmodus wählen sowie abschließend farblich harmonisch mit dem Rest der Illustration abstimmen.

12 Perspektivischer Schatten


Damit sich die Figur stärker von den Hintergrundelementen abhebt, erhält sie einen Schatten. In diesem Fall reicht der Ebeneneffekt allerdings nicht aus, da der Schatten nicht nur versetzt, sondern perspektivisch korrekt verzerrt werden soll. Matzenbacher arbeitet hier mit dem etwas angestaubten Extensis Plug-in Photo- Cast Shadow. Man kann den Effekt aber auch mit einer grau gefärbten Ebenenkopie und den Funktionen der Transformationswerkzeuge mit Bordmitteln gestalten. Anschließend wird die Kante mit dem Gaußschen Weichzeichner nach Bedarf aufgeweicht. Doch egal wie der Schatten entsteht: eine realistischere Note erhält er durch Abwedeln der entfernten und Nachdunkeln der figurnahen Schattenbereiche.

13 Machtsymbole


Der Bundesadler und ein Paragrafensymbol übernehmen in der Illustration die Aufgabe, den reiselustigen Professor zurückzuhalten. Die Bausteine selbst stammen aus gedruckten amtlichen Dokumenten und werden nur ein wenig angepasst. Der Paragraf gedreht und gestreckt, der Adler teilweise verzerrt, um den Kraftakt der amtlichen Stellen bei den Zurückhaltungsbestrebungen zu zeigen. Die nationalfarbige Umfärbung des Adlers wurde ganz einfach mit rechteckigen Auswahlen und den „Farbton/Sättigung“-Dialog vorgenommen.

14 Typoelemente


Ein Teil des Charmes von Matzenbachers Illustrationen liegt in der ausschließlichen Verwendung von bereits reproduzierter und erst dann eingescannter Typografie. Ihnen fehlt die Perfektion der vom Computer erzeugten Buchstaben mit geraden Vektorkanten. Natürlich kann man auch solche Effekte mit Photoshop simulieren, doch ist es im Einzelfall nicht nur aufwändiger, sondern lässt auch bei der Wortwahl den Zufallsfaktor vermissen, der dem Betrachter gerade deshalb in Erinnerung bleibt – eben weil es nicht so hundertprozentig passt wie speziell für den Einsatzzweck getextete Begriffe und Sätze.