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Ausstellung: Gilbert & George



Gilbert & George: Hellish (1980)


Die Ausstellung stellt das künstlerische Werk von Gilbert & George aus vierzig Jahren vor. Präsentiert werden nicht nur Bilder; "Gilbert & George. Die große Ausstellung" umfasst die gesamte Spannbreite der Medien, mit denen sich die Künstler beschäftigt haben: Dokumentationen zu den Auftritten als "living sculptures", Bücher, die großformatigen Zeichnungs-Installationen aus den frühen Postkartenskulpturen und Filme. Auf diese Weise kann die formale und konzeptuelle Entwicklung des Künstlerduos verfolgt werden.

Zu den Kunstwerken, die in der Tate Modern gezeigt werden, kommt im Haus der Kunst eine 6-teilige Bildgruppe großformatiger Kohlezeichnungen aus dem Jahr 1971 hinzu, "There Were Two Young Men"; sie wird zum ersten Mal seit 30 Jahren ausgestellt.

Lebendige Statuen

Gilbert und George haben sich 1967 in London kennen gelernt, in der Bildhauerklasse der St. Martin's School of Art. Seitdem sind sie ein Paar, in der Kunst wie im Leben. Nach Abschluss der Akademie hatten sie den Eindruck, mit leeren Händen dazustehen – ohne Galerie, ohne Atelier, jedoch mit einem bedeutenden Einfall: Sie erklärten sich kurzerhand selbst zu einem Kunstwerk und traten als lebendige Statuen ("living sculptures") auf. 1969 formulierten Gilbert & George ihre persönlichen Bildhauer-Gesetze, die bis heute Gültigkeit haben und zu einer Art Manifest für ihr gesamtes Schaffen geworden sind:

1. Sei stets elegant gekleidet, gepflegt entspannt freundlich höflich
    und völlig Herr der Lage.
2. Sorge dafür, dass die Welt an dich glaubt und dieses Privileg
    teuer bezahlt.
3. Beunruhige dich nicht, bewerte, diskutiere, kritisiere nicht,
    sondern sei ruhig, respektvoll, gelassen.
4. Der Herr meißelt noch, also verlasse deine Werkbank nur kurz.

    (laws of sculptors, 1969)

1969 traten Gilbert & George mit dem Lied "Undemeath the als "living sculptures" auf. In "Undemeath the Arches" preisen zwei Obdachlose ihren Mangel an Schlafkomfort ("Wir seufzen nach dem Carlton nicht /Das Ritz wir nicht kennen/ Wir brauchen nur den einen Platz/Unsern Platz zum Pennen"). Es folgten zahlreiche weitere Auftritte in verschiedenen Städten. Für die Medien und das Establishment waren diese "living sculptures" und die systematischen Trinkgelage in gepflegtem Maßanzug einigermaßen irritierend – schließlich stand der bürgerliche Habitus, den Gilbert & George rein äußerlich kultivierten, im Widerspruch zum antibürgerlichen, provokativen Gehalt ihrer aberwitzigen Auftritte. Neben diesen Auftritten konnte man Gilbert & George im Alltag als gehende, essende, trinkende und philosophierende Skulpturen erleben.

Frühwerk und Entwicklung

Das Frühwerk zeigt, dass sich Gilbert & George den Anschein bürgerlicher Anständigkeit gaben. So schafften sie sich den Freiraum, gesellschaftliche Tabus zu brechen, indem sie das System von innen untergruben.

Die frühen Schwarz-Weiß-Bilder sind von einer großen formalen Strenge und nur sparsam von Hand koloriert. Gilbert & George posieren als melancholische Gentlemen in fast klaustrophobischen Räumen oder auf Straßen des Londoner East End. Die Bilder besitzen eine poetische Dimension und haben darüber hinaus durch die gelegentliche Einbettung von Graffiti wie "Are you or are you boring?" eine urwüchsige Kraft, die der Kultur des Punk verwandt ist.

In den frühen 80er-Jahren kamen kräftige Farben hinzu. Ab diesem Zeitpunkt schließen die Bildgruppen regelmäßig ein oder mehrere Bilder im Monumentalformat ein. Von den Anfängen bis heute bestehen die Bilder aus Rechteckfeldern, die von einem schwarzen Rand umgeben sind. Doch statt ihre Negative weiterhin in der Dunkelkammer zu entwickeln, zu vergrößern und per Hand zu kolorieren, scannen Gilbert George sie inzwischen und bearbeiten sie digital.

Themen

Die Kunst von Gilbert & George ist geprägt von einer existenziellen Sondierung des modernen Lebens; sie lotet aus, was es bedeutet, in einer Großstadt zu leben: die Spannungen und Sehnsüchte, die durch das Nebeneinander disparater kultureller Traditionen und Werte entstehen. Die Welt von Gilbert & George ist voller Spiegelungen und Symbole, religiöser und sexueller, und in dieser Welt begegnet dem Betrachter der gesamte Lebenszyklus von Geburt, Hoffnung, Glaube, Samen, Blüte, Herbst und Tod. In späteren Bildern klingen Themen wie das Leiden am Altern, Beziehung und Unsicherheit, aber auch politisch an.

München

Gilbert ist Südtiroler und hat in München studiert, bevor er nach London wechselte. "Man hat uns beigebracht, wie man entweder Lehrer wird oder Skulpturen anfertigt, die vor Häuserfassaden stehen", sagt er heute über seine Münchner Studienjahre. 1970 sind Gilbert George mit "Underneath the Arches" in der legendären Münchner Galerie Heiner Friedrich aufgetreten.


Die deutsche Fassung des Katalogs erscheint bei Cantz. Außerdem haben Gilbert George in diesem Jahr "Gilbert George. The pictures" gestaltet, eine Veröffentlichung in zwei Bänden.

Eine Ausstellung der Tate Modern, London in Zusammenarbeit mit Haus der Kunst


Gilbert & George. Die große Ausstellung
Haus der Kunst, München

11. Juni – 09. September 2007






von Johannes Wilwerding

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